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"Spielen als Überlebenselixier"

Ausstellung im Theatermuseum "Spielen als Überlebenselixier"

Wenige Monate nach dem Tod des berühmten Schauspielers Götz George beginnt im Theatermuseum eine Ausstellung über die Familie George. 
Jan George erzählt im Interview von den schauspielerischen Anfängen seines kleinen Bruders und dem berühmten Vater Heinrich.

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Osteridyll 1939: Jan George mit Mutter Berta Drews, Bruder Götz und Vater Heinrich.

Quelle: Archiv Jan George

Ich habe eine Flasche Champagner mitgebracht: „Irroy“ von Taittinger. Dazu gibt es doch eine Anekdote.

In der Tat, denn „Irroy“, das könnte mein erstes Wort gewesen sein, wenn es nicht nur Geplapper war. Jedenfalls haben meine Eltern mir erzählt, wie sie im Restaurant Peltzer saßen und über die ersten Töne sprachen, die ich so von mir gegeben habe, und sie haben die nachgebildet. Das klang wohl so nach „Irroy“. Am Nebentisch saß zufällig ein Irroy-Vertreter, und der schickte am nächsten Tag einen Boten mit einer großen Flasche Irroy aus Schokolade vorbei, die mit Pralinen gefüllt war. Na, und dann haben meine Eltern natürlich den Sekt bestellt, weil er ja auch sehr gut schmeckt.

Heinrich George, der Champagner-Connaisseur, das weckt das Bild vom Bonvivant, dem Lebemann, der er war - oder den er gespielt hat?

Connaisseur, das stimmt zweifellos. Aber er war in erster Linie auch ein ungeheurer Bierfan und hat liebend gern Pilsner Urquell gezischt. Zu Hause hatten wir das bei Partys in so meterhohen Syphons. Und am nächsten Morgen, wenn die Party vorbei war, schlichen Götz und ich in den Keller und haben die Reste aus dem Zapfhahn getrunken.

Wie war das, mit so einem Vater aufzuwachsen, einer schillernden Prominenz mit einer dominanten Persönlichkeit? Oder war das eine nur öffentliche Wahrnehmung, dass sich alles auf ihn ausrichtete?

Privat war der völlig normal. Für uns Kinder war er oftmals unsichtbar, weil er wahnsinnig viel gearbeitet hat. Er war wohl eher ein Wochenendvater. Man sah sich in den Ferien, aber auch da wohnten wir Kinder getrennt, mit dem Kindermädchen beim Bauern irgendwo. Aber er war sonst überhaupt nicht dominant, und ich bin ohne Zwänge aufgewachsen. Trotzdem bin ich erzogen worden, aber das geschah mit äußerster Freundlichkeit und Ruhe - und nicht mit dieser starken Autorität, die er auf der Bühne verkörpern konnte. Die hat er möglicherweise auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern gehabt, als er 1938 Intendant des Schillertheaters wurde. Das haben viele auch gut gefunden, weil ja dahintersteckte, dass er sich verantwortlich fühlte für sein Ensemble.

Ihr Vater war schon berühmt, bevor sich Ihre Eltern Berta Drews und Heinrich George 1930 begegneten. Als Star wird man nicht geboren. Wie wurde er’s?

Nach Kenntnis der Dokumente über meinen Vater hatte er schon am Dresdner Albert-Theater 1917 eine so wilde Zeit, dass ihm das Schauspiel Frankfurt ein Engagement anbot. Dort hatte er sehr große und eben auch wilde Auftritte, nicht nur auf der Bühne. Es gibt Anekdoten, nach denen er in seiner Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs mal Leute nackt empfangen hat. Er war ein großer Freigeist, und es war ja Zeit des Expressionismus, da passten solche Schauspieler. Er hat mit dem linken Kunsthistoriker Wilhelm Fraen­ger 1920 eine Kokoschka-Matinee gemacht, und weil da nackte Mädchen vorkamen, gab’s einen Skandal. Tja, und dieser libertäre, freiheitliche Geist hat ihn geprägt und hat ihm die Chance gegeben, sich zu erproben und auch aufzufallen. Na, das waren die Anfänge, in Berlin war er schon etabliert, konnte sich eine Limousine leisten, immer mit Chauffeur, denn er hat selbst nie Autofahren gelernt.

Warum ist er nicht nach Hollywood gegangen, wo er schon gearbeitet hatte?

Hollywood hat ihm gar nicht gefallen, sein Englisch war wohl auch nicht besonders, er ist ja dort in deutschsprachigen Filmversionen aufgetreten. Und als er da war, hat er sich sehr nach Deutschland gesehnt. In Hollywood kriegste alles, nur keine Kultur, hat er mal gesagt.

Statt dessen gibt er sich für Propaganda her. Spielt 1933, in Hans Steinhoffs „Hitlerjunge Quex“, einen Kommunisten, der seinem Sohn die „Internationale“ einprügelt. Oder tritt 1940 in dem Veit-Harlan-Streifen „Jud Süß“ auf. Wie erklären Sie sich das?

Es war ja für ihn eine schwierige Zeit. Er war 1931 junger Familienvater, musste 1933 erst einen Verfall seiner Gagen von 8000 auf 2500 Reichsmark erleben. Er bekam dann von Steinhoff das „Quex“-Angebot mit dem Unterton, dann beruhigen wir die Nazis, du bist ja sowieso Exkommunist. Die haben ja George als Roten beschimpft und bedroht, er stand unter ganz starkem politischem Druck. 1934 flog er aus dem Ensemble des Staatstheaters, als Gründgens von Göring die Intendanz übertragen bekam.

Er hat mit Brecht und Piscator gearbeitet, war mit Otto Dix und Max Beckmann befreundet, der 1935 das „Familienbild George“ gemalt hat. Er hat Zola in „Dreyfus“ gespielt, Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“, für die Nazis alles übelste „Asphaltliteratur“ und „entartete Kunst“ …

... natürlich, er war ein rotes Tuch für die. Klar, „Jud Süß“, das sollte ein antisemitischer Propagandafilm sein. In einem Brief der Filmproduktion Terra vom 30. November 1939 wird erwähnt, dass Goebbels wünscht, dass unter allen Umständen George die Rolle des Herzogs Carl Alexander übernehmen möchte. Das war in jener Zeit praktisch ein Befehl. George hat dann den Widerpart der Titelfigur so eklig gespielt, dass der Jude, der eigentlich diffamiert werden sollte, daneben beinah sympathisch erscheint.

Vieles davon kann man nachlesen oder in Dokumentarfilmen verfolgen, etwa in Joachim Langs „George“ von 2013, in dem auch Sie und Ihr Bruder zu Wort kommen und Götz George seinen Vater spielt. Wie kam es zu dieser Filmproduktion?

Na, Joachim Lang hat gesagt, er will dieses Dokudrama machen. Er war hier und hat das Material gesichtet, zwölf Jahre hat das gedauert, 2000 war er hier. Er hat fast mein gesamtes schriftliches Archiv für die Drehbucharbeit kopiert. Wenn wir nach oben gehen, ins Archiv, werden Sie sehen, wie viel das ist.

Das ist Jan George

Jan George, der erste Sohn von Berta Drews und Heinrich George, kam 1931, sieben Jahre vor seinem Bruder Götz George, zur Welt. Er spürte als Kind das offene Haus, das seine Eltern mit Künstlern und Intellektuellen in ihrer Villa am Kleinen Wannsee führten. Jan George erlebte aber auch die Zurücksetzungen und Nöte genauer, die seine Familie nach dem Tod des Vaters 1946 im sowjetisch geführten Lager Sachsenhausen erfahren musste. Er wurde später Fotograf, Kameramann und Dokumentarfilmer und ist der wohl beste Experte aller Rollen, die sein Vater zu spielen hatte – auf der Bühne, vor der Kamera und im gesellschaftlichen Leben seiner Zeit.

In dem Film wird auch deutlich, welche besondere Rolle Heinrich George als Intendant spielte. Er selbst war nicht in der NSDAP, und im Ensemble des Schillertheaters gab es während seiner Intendanz nur ein einziges Parteimitglied. „Es ist einfacher, aus guten Schauspielern Nazis zu machen als aus Nazis gute Schauspieler“, soll George sich vor Goebbels herausgeredet haben. Wovon zeugt dieses Auftreten, diese Chuzpe?

In keinem anderen Ensemble hat es so viele Oppositionelle gegeben, es war voller ehemaliger oder noch aktiver Roter, voll mit sogenannten „Halbjuden“ oder auch Ensemblemitgliedern, die „jüdisch versippt“ waren, wie das damals hieß. Genau deshalb spielte er die Autorität - auch gegenüber seinen Vorgesetzten. Er hat ja bewusst diese Leute ans Schillertheater geholt. Und er hat sein Renommee nicht nur in Berlin zu ihrem Schutz eingesetzt. Er hat sich beispielsweise bewusst als ständiger Gastschauspieler im Altonaer Theater führen lassen, obwohl er dort nie aufgetreten ist, um dessen Intendanten Hanns Fischer zu schützen. Der hatte nämlich eine jüdische Kollegin, Lotte Fischer, aus Georges Dresdener Jahren geheiratet, und Fischer konnte sein Theater bis zum Schluss weiterbetreiben. Raimund Schelcher, der in „Kabale und Liebe“ aufgetreten war, wurde von der Gestapo verhaftet, weil er im Suff in der Kneipe Reden gegen Hitler gehalten hatte, und George musste ihn da rausholen. Dem Schauspieler Robert Müller hat George nicht nur das Tragen des Judensterns erspart, sondern ihn auch gegen den Willen von Goebbels im Ensemble gehalten - was Müller später in einem Interview voller Dankbarkeit geschildert hat. Lissy Steinrück, geborene Sohn-Rethel, die jüdische Witwe des Schauspielers Albert Steinrück, beschreibt in einem Dankesbrief, wie sich George für ihr Überleben eingesetzt hat. Und es gibt noch viele solche Fälle.

Wie kam er dazu?

Er hatte eben Zivilcourage. Das war ein Artikel, der damals sehr gefragt, aber nicht sehr weit verbreitet war. Doch was helfen solche Hinweise - auch noch nach dem „George“-Film von 2013 lautete der Vorwurf, Georges Söhne wollten ihn „reinwaschen“. Einfach lächerlich! Denn es geht nicht um ein Reinwaschen …

… sondern?

Für mich als Dokumentarfilmer geht es um Einsicht in die historische Wahrheit, darum, die Dinge in die richtige Proportion zu rücken, am Ende auch um Gerechtigkeit im Umgang mit der Person, um ein faires Urteil über George.

Heinrich George ist 1946 als sowjetischer Häftling in Sachsenhausen gestorben. Dort hatte er sogar noch Russisch gelernt, um vor den Offizieren aufzutreten. Die Schauspielerei war für ihn das ganze Leben, oder?

Zu spielen war für ihn lebensnotwendig - ein Überlebenselixier. Wenn du dasitzt und dumpf vor dich hinbrütest, gehst du kaputt, er wollte was zu tun haben, auch gegen alle widrigen Umstände. Er soll an einer Lungenentzündung gestorben sein, nach einer angeblich erfolgreichen Blinddarmoperation.

Wie war die erste Nachkriegszeit für Sie, Ihre Mutter, Ihren kleinen Bruder Götz?

Ende 1945 wurden unser und das Nachbarhaus von Amerikanern besetzt. Wir hatten das große Glück, dass Frederick Sternberg, der als Jude aus Berlin fliehen musste und als Major des Militärischen Geheimdienstes GII der US-Armee zurückkehrte, uns das Souterrain unseres Hauses überlassen hat. Das Essen für die US-Offiziere wurde aus der Nachbarküche vor unserm Fenster vorbeigetragen, und wenn abgedeckt wurde, landete zumindest der Kaffee wieder bei uns, was meine Mutter sehr genossen hat. Wir hatten ja kein Geld, meine Mutter konnte nicht arbeiten. Als Karlheinz Martin ihr am Hebbel-Theater eine kleine Rolle gegeben hat, gab es einen Aufschrei: Die Nazi-Witwe ist ja noch nicht mal entnazifiziert - und danach ein Jahr Spielverbot, wieder kein Geld. Erst danach konnte sie am Hebbel-Theater wieder spielen.

Muss man zum Künstler werden, wenn man Künstler-Eltern hat, ein Schauspieler wie Götz? Oder kam das viel später?

Nein, der hat ja als Kind schon gespielt, im Hebbel-Theater, in „Mein Herz ist im Hochland“, der war hervorragend, hat so einen Eindruck hinterlassen, denn er war so natürlich, einfach wunderbar. Schon im Hebbel-Theater, dann bei der Eröffnung des Schillertheaters 1951 als „Tell“-Knabe …

Wie war das bei Ihnen?

Ich habe alles Mögliche gemacht, habe die Schauspielschule angefangen, aber dieses ewige Textlernen war nichts für mich. Ich wollte eigentlich Filme machen, habe das von der Pike auf gelernt. Eigentlich wollte ich Dokumentarfilme machen, aber nicht im trockenen journalistischen Stil, sondern eher poetisch. Heute würde das vielleicht goutiert, aber damals kam das nicht an.

Was erwarten Sie von der George-Ausstellung, die im Theatermuseum startet? Wird es da auch um Ihren Bruder gehen?

Götz und ich waren uns einig, dass der Lebensweg unserer Eltern im Mittelpunkt stehen soll. Daran ändert auch der Tod meines Bruders nichts. Aber es wird eine Ausstellung werden, wie es sie noch nie gegeben hat - mit vielen Dokumenten, Fotos und Briefen bis hin zur eisernen Hand, die mein Vater als Götz von Berlichingen getragen hat, also mit Material, das so noch nirgends zu sehen war. Wenn es jemals wieder eine George-Ausstellung gibt, wird sie sicher meinem Bruder gewidmet sein. Jetzt geht es um das Phänomen Heinrich George. Und dazu gehört natürlich auch seine Familie.

Interview: Daniel Alexander Schacht

Das ist die Ausstellung

„Heinrich George. Eine Begegnung“ heißt die Ausstellung, die am 22. September um 19 Uhr mit einer szenischen Lesung der Schauspielerin Laetitia Mazzotti im Theatermuseum startet. Die George-Schau präsentiert zahlreiche unveröffentlichte Familien- und Rollenfotos sowie persönliche Gegenstände von Heinrich George und auch Bertha Drews.

Eine seltene Tonaufnahme von Heinrich George ist auch in der Ausstellung zu hören. Gezeigt werden zudem der Film „George“, in dem Götz seinen Vater spielt, sowie der Film „Heinrich George. Wenn sie mich nur spielen lassen ...“ sowie der Mitschnitt einer Veranstaltung, bei der Götz und Jan George über den Vater sprechen. 


Im Kino im Künstlerhaus wird außerdem „Berlin Alexanderplatz“ mit Heinrich George gezeigt (23. September, 20.15 Uhr) sowie (am 28. September um 20.15) wiederum „George“, der auch im Theatermuseum läuft.

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