Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Ausstellung über Identität in der Kestnergesellschaft

US-Künstlerin Rita McBride Ausstellung über Identität in der Kestnergesellschaft

Die US-amerikanische Künstlerin Rita McBride provoziert in der Kestnergesellschaft ein Nachdenken über Identität – in der ersten von Christina Végh kuratierten Ausstellung.

Voriger Artikel
Landesmuseum stellt Madonna-Ausstellung vor
Nächster Artikel
Wo ist eigentlich Rammstein?

Raumgreifend: Rita McBride vor der „Arena“.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Rechtwinklig, flach und weiß lackiert hängen da zwei Alukisten - an der weißen Wand so unscheinbar wie die Lüftungsschlitze gleich daneben. Ist das Kunst oder kann das weg?

Rita McBride beherrscht wie nur wenige die Kunst des Verweises auf die Schaltstellen der wirklichen Welt - und sie hat davon in der Kestnergesellschaft gleich mehrere aufgestellt: Außer den zwei kleinen Kästen stehen da noch zwei größere Schaltschränke. „Mini Manager“ nennt McBride die kleinen, „Middle Manager“ die großen Kabelverzweiger. Über denen ruht auf vier Säulen vier Meter hoch das Flachdach eines weiteren Werks der US-amerikanischen Künstlerin - Werktitel: „Service Station“. Was ist das für eine Dienstleistung, die uns so eigenschaftslos standardisiert entgegentritt? Was ist von Managern in Alukisten zu halten? Und was von einer Gesellschaft, die dergleichen mit Gleichmut hinnimmt?

Rita McBride beherrscht wie nur wenige die Kunst des Verweises auf die Schaltstellen der wirklichen Welt - und sie hat davon in der Kestnergesellschaft gleich mehrere aufgestellt: Außer den zwei kleinen Kästen stehen da noch zwei größere Schaltschränke. 

Zur Bildergalerie

„Gesellschaft“ heißt denn auch die Ausstellung mit Arbeiten von Rita McBride, die der Kestnergesellschaft jetzt drei Premieren verschafft: Erstmals, betont Christina Végh, die Direktorin der Kestnergesellschaft, gibt es damit eine so große Überblicksschau dieser Künstlerin in Deutschland. Erstmals sind die rund 60 Werke in dieser Zusammenstellung zu sehen. Und zum ersten Mal kann das hannoversche Publikum damit eine von Christina Végh kuratierte Ausstellung erleben. „Es ist kein Zufall, dass ich in Hannover mit Rita McBride starte“, sagt sie. „Diese gerade für Jüngere wichtige, einflussreiche Künstlerin hat mich schon in meiner Studienzeit fasziniert.“

McBride, 1960 in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa geboren und seit 2003 Kunstprofessorin in Düsseldorf, ließe sich als späte Vertreterin der Minimal Art fassen - nur dass sie Industrieprodukte stark verändert und mit klaren künstlerisch-politischen Absichten in Kunstobjekte verwandelt. Denn sie interessiert sich besonders für das austauschbare Inventar von „Nicht-Orten“, wie der französische Anthropologe Marc Augé Flughäfen, Autobahnen oder Shopping Malls wegen ihrer globalen Standardisierung nennt. Da gibt es Infrastrukturen der Verteilung und des Austauschs wie eben die Kabelverzweiger. Die geben die eine oder andere Leitung frei oder blockieren sie. Und das geschieht in aller Regel nicht mehr durch eine menschliche Entscheidung, sondern aufgrund eines mathematischen Algorithmus.

Dabei sind Austausch und Verteilung Schlüsselfragen, was eine Arbeit Rita McBrides sogar im Wortsinn vor Augen führt: „Central America, Alberta, Ukraine, Siam, South Africa“ (2015) nennt sie jene Ansammlung von fünf Schlüsseln und einem Schloss, die, aus zentimeterdickem Stahl geschnitten, teils meterhoch an einer Wand lehnen. Diese Arbeit zeugt - ebenso wie ihre Fernsehtestbild-Wandteppiche „Color Test“ oder die in Bronze gegossenen „Parking Garages“ - davon, dass diese Künstlerin auch auf haptische Reize Wert legt. Schlüssel gewähren oder verhindern Zugang zu Räumen, Gütern, Dienstleistungen - und nur im Konsens über ihre Verwendung entsteht gesellschaftliche Identität.

McBride ruft mit ihren Arbeiten in Erinnerung, wie weit wir Entscheidungen über diesen Konsens an Maschinen abgetreten haben - und stellt diesen Umstand damit zur Debatte. Den nötigen Rahmen für eine solche Debatte schafft die Künstlerin mit der zugleich ältesten und raumgreifendsten Arbeit dieser Ausstellung, „Arena“, die erstmals 1997 in Rotterdam zu sehen war. Ihr Halbrund bietet 250 Meter Sitzfläche auf neun Ebenen - und wirkt auch menschenleer wie ein skulpturaler Appell zu öffentlichem Dialog. „Wir sind ein öffentliches Haus“, sagt Christina Végh, „und in einer Zeit, da Gegenwartskunst in Galerien und Museen so präsent wie nie zuvor ist, stellt sich die Frage nach dem besonderen Profil der Kestnergesellschaft - auch mit Blick auf unser 100-jähriges Bestehen im nächsten Jahr.“

Für Christina Végh ist die Antwort klar: „Wir wollen uns auf gesellschaftlich relevante Fragen konzentrieren - durchaus mit einem Forschungsanspruch über die einzelnen Ausstellungen hinaus.“ Nun, auch diese Ausstellung allein wird einiges Forschungsmaterial ergeben. Denn dazu gibt es ein üppiges Begleitprogramm, das die Arena schon füllen wird.

„Rita McBride: Gesellschaft“. Bis 10. Januar 2016. Eröffnung am 16. Oktober, 19 Uhr, in Anwesenheit der Künstlerin in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
James & Priscilla im Pavillon

James & Priscilla im Pavillon.