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Andrzej Steinbach sorgt für Verunsicherung

Ausstellung im Sprengel-Museum Andrzej Steinbach sorgt für Verunsicherung

Porträts, politische Statements – oder Werbefotos für irgendeinen modischen Underground? Der Fotograf Andrzej Steinbach liebt es, bei den Betrachtern seiner Bilder eine ganz allgemeine Verunsicherung auszulösen. Seine Bilder sind jetzt im Sprengel-Museum zu sehen.

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Unternehmer oder Underground? Mann oder Frau? Steinbachs „Figur I“.

Quelle: Andrzej Steinbach, Galerie Max Mayer - Tim Schaarschmidt

Hannover. Wer ist dieses androgyne Wesen, das mal auf einem Sessel, mal auf einem Hocker sitzt? Das mal aus dem Bild, mal mit demselben Gleichmut in die Kamera schaut? Das Sweater, Ballonseide oder Herrenhemd trägt? Kleider also, die als Casual-, Leisure- oder Vintagemode beworben werden. Das Gesicht dieser Figur, ihre Kleidung, Haltung, Mimik offenbaren nichts über ihre Identität und ihr Milieu, ja nicht einmal über ihr Geschlecht.

Wie sehr der Fotograf Andrzej Steinbach es liebt, bei den Betrachtern seiner Bilder eine ganz allgemeine Verunsicherung auszulösen, ist jetzt im hannoverschen Sprengel-Museum in der Ausstellung „Figur I, Figur II“ zu erleben, der letzten Fotoschau in den alten Räumen vor der Nutzung des Erweiterungsbaus. Verfertigt Steinbach Porträts, politische Statements – oder Werbefotos für irgendeinen modischen Underground? „Ich habe für diese Bildserie sehr ausführlich Modefotografien studiert, um zu einer präzisen Abgrenzung zu gelangen“, sagt Steinbach, der an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie gelernt hat.

„Andrzej Steinbach ist nicht nur Fotograf“, sagt Fotokuratorin Inka Schube. „Er ist vor allem Konzeptkünstler.“ In der Tat sind die Figuren des 32-Jährigen sehr sorgsam inszeniert. Anders als in der Werbung lächeln sie nicht, anders als dort wenden sie dem Betrachter bisweilen den Rücken zu. Vor allem aber entkleidet Steinbach seine Modelle ihrer eigenen Identitätsmerkmale bis hin zur Geschlechtszugehörigkeit. Gezielt hat er für „Figur I“ eine sehr androgyn wirkende Frau ausgewählt. Einerseits hat er ihr konservative Kleidung verpasst, andererseits lässt er ihr für seine Fotoinszenierung von ihren vielen Piercings einen kleinen Nasenring – und hält so semantische Felder in Richtung Subkultur offen.

Identität nur in der Anonymität

Auf diese Weise wirft er die Frage auf, von welchen visuellen Signalen sich überhaupt noch klar auf bestimmte Identitäten schließen lässt. „Heute ist die Grenze zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung aufgehoben, was dem Neoliberalismus sehr entgegenkommt“, sagt Steinbach. „Gerade in kreativen Jobs dehnt sich die Arbeit ja immer mehr in die Freizeit aus – wenn selbst Mark Zuckerberg zum Facebook-Börsengang im Hoodie erscheint, ist der offenbar zum neuen Anzug geworden.“

Ist der Kapuzenpulli die neue Mimikry für New-Economy-Kapitalisten, finden soziale Identitäten heute keinen klaren visuellen Niederschlag mehr? Dann nützt auch die Vermummung nichts, die Steinbach in einer kleineren Bildserie zeigt. Denn ob die Frau, die sich da vermummt, als Demonstrantin den Schwarzen Block oder irgendwelche Islamisten stärken will, bleibt offen. Auch „Figur II“ findet Identität nur in der Anonymität.

Gezeigt werden in der kleinen Kabinettsausstellung nur 20 der insgesamt 186 Fotografien von Steinbachs Serie „Figur I, Figur II“. Alle sind aber im gleichnamigen Katalog (Spector Books, 186 Seiten, 20 Euro) enthalten.

Bis zum 10. Januar 2016 im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz.

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