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Nachrichten Kultur Ausstellung zeigt Kulturgeschichte von Hannovers Friedhöfen
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21:36 13.09.2010
Von Simon Benne
Gräber als Spiegel sozialer Hierarchie: Der Aegidienkirchhof im Jahr 1741. Quelle: Historisches Museum
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Acht Jahre lang hatte der Lakai seiner Herzogin Sophie gedient, als er 1691 starb. Als osmanischer Kriegsgefangener war Hammet zur Zeit der Türkenkriege nach Hannover gekommen. „Beutetürken“ wie er galten an Europas Adelshöfen als Prestigeobjekte. Viele von ihnen wurden getauft – nicht jedoch Hammet, der offenbar der Oberschicht in der osmanischen Provinz Temeschwar entstammte. Und so markiert sein Grabstein auf dem ehemaligen Neustädter Friedhof am Königsworther Platz heute die älteste islamische Grabstätte auf deutschem Boden.

Als Hammet beigesetzt wurde – der Heide bekam nur einen Platz am Rande des Friedhofs – erhielt sein Grab zwei Steine, von denen einer den Toten in einer osmanischen Inschrift der Gnade Allahs empfahl. Bei der Umgestaltung des Friedhofs zur Grünfläche verschwand dieser Stein 1952 spurlos. Als Modell, rekonstruiert nach alten Fotos, ist das komplette Grab jetzt im Historischen Museum zu sehen. Die Ausstellung „Über das Leben hinaus“ beschäftigt sich dort mit Hannovers Friedhöfen. Es geht, kurz gesagt, um Leben und Tod. Aber mehr ums Leben als um den Tod. Denn Gräber waren seit jeher auch der ehrlichste Spiegel einer Epoche; ihre Gestaltung zeugte davon, was den Menschen einer Zeit wichtig war. Friedhöfe erzählen von kulturellen, wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklungen – und sind so gesehen sehr lebendige Zeitzeugen.

Im Mittelalter waren Gräberfelder auch Abbilder der sozialen Hierarchie: Adelige fanden ihre letzte Ruhestätte in der Kirche, nahe am Altar, der mit seinen eingebetteten Reliquien eine besondere Nähe von Heil und Erlösung garantierte. Für ärmere Sünder blieb der Platz an der Kirchhofsmauer. Noch beim Bau der Gartenkirche in der Marienstraße wurde 1749 im Gotteshaus eine Gruft angelegt – die teuren Grabstellen dort halfen, die Baukosten zu finanzieren.

Mit Büsten und Totenmasken, Grabsteinen, Fotos und Stadtplänen illustriert die Ausstellung die Geschichte der Friedhöfe vom Mittelalter bis zu den anonymen Gräberfeldern von heute. Unter den Exponaten sind auch eine Art Holzgrabplatte von 1855 mit einer etwas morbiden Inschrift („Also ist mein Haus bestellt / Gute Nacht du eitle Welt“) oder ein Glaskästlein mit Blumenkranz und einem Engelchen aus Pappe. Trauernde Eltern ließen das berührende Exponat 1918 zum Gedenken an ihr verstorbenes Baby anfertigen. Das Museum hat die Ausstellung mit der städtischen Friedhofsabteilung konzipiert, die für rund 130 000 Grabstellen zuständig ist. Große Flächen der 20 städtischen Friedhöfe stehen unter Denkmalschutz – so sind Friedhofsabteilung und Museum gleichermaßen für Erinnerung und Gedenken zuständig.

Als die Stadt im 19. Jahrhundert rasant wuchs, reichten die alten Grabplätze nicht mehr aus. Vor ihren Toren wurde 1861 der Engesohder Friedhof angelegt. Seine gutbürgerlichen Prachtgräber erwecken heute oft den Eindruck, dass es damals eine Art flächendeckende Hochkultur der Trauer gegeben hätte, von der wenig geblieben sei. Doch die erhaltenen Marmorgrabmale wurden damals von billigen Reihengräbern umlagert, die längst eingeebnet sind – die teuren Erbbegräbnisse, die sich erhalten haben, waren auch damals eher die Ausnahme. Kurze Lebensläufe erinnern in der Ausstellung an bekannte Persönlichkeiten, die hier bestattet wurden – wie den berüchtigten Kolonialherren Carl Peters.

Der Stöckener Friedhof wurde von 1901 an wie ein Park gestaltet. Friedhöfe sollten nicht mehr nur ein Raum für die Toten sein, sondern auch ein Naherholungsgebiet für die Lebenden. Von einem neuen Umgang mit dem Tod zeugt der in den zwanziger Jahren angelegte „Reformfriedhof“ Seelhorst mit seinen klaren Linien und teils einheitlichen Grabsteinen: Diese neue Ästhetik beschwor die Gleichheit aller Menschen im Angesicht des Todes. Prunkgräber waren passé. Dafür gab es eine eigene Urnengrababteilung, da Feuerbestattungen sich häuften. Und als in den sechziger Jahren der Laher Friedhof entstand, richtete man die Gräber ganz pragmatisch nach dem günstigsten Sonnenstand aus – nicht mehr, wie über Jahrhunderte christlicher Brauch, gen Osten. So erzählen Hannovers Friedhöfe auch vom Wandel religiöser Werte. In Lahe findet sich heute ein yezidisches Gräberfeld. Mit 5000 Quadratmetern ist es das größte außerhalb des Herkunftsgebietes der Yeziden in der Türkei. Die religiöse Minderheit bestattet ihre Toten traditionell mit zwei Grabsteinen. So wie einst den osmanischen Kriegsgefangenen namens Hammet.

„Über das Leben hinaus“ ist im Historischen Museum bis zum 9. Januar zu sehen. Informationen unter (05 11)16 84 54 42.

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