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Kultur Ausstellung zeigt Porzellan aus archäologischen Funden
Nachrichten Kultur Ausstellung zeigt Porzellan aus archäologischen Funden
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01:15 07.04.2011
Von Simon Benne
Blick über den Tellerrand: Chinesisches Geschirr.

Mit Archäologie verbindet man landläufig alte Trümmer, fremde Götter und archaische Gesellen aus fernen Zeiten – nicht Kloschüsseln und Kaffeetassen. Gleichwohl präsentiert das Braunschweigische Landesmuseum jetzt mit einer Ausstellung von Porzellan aus archäologischen Funden ein Stück vergessene Alltagsgeschichte. Denn in ehrwürdigen Sammlungen hat sich meist nur kostbares fürstliches Service erhalten. Um zu wissen, was vor zwei- oder dreihundert Jahren in bürgerlichen Kreisen auf den Tischen stand, müssen Archäologen in frühere Kloaken oder verfüllte Schuttgruben hinabsteigen.

Mit rund 600 Exponaten – darunter Teller, Tassen und Skulpturen – zeigt die Ausstellung „Luxus in Scherben“ Fragmente aus einer Welt, die es nicht mehr gibt, die aber der unseren sehr nah ist. Porzellan gab es lange nur als Importgut: In China produzierten ganze Städte für den europäischen Markt. Die „Vereenigte Oostindische Compagnie“ der Niederländer, damals ein Global Player, ließ dort seit 1635 Porzellan nach abendländischem Geschmack herstellen und verschiffte die Stücke millionenfach über Kapstadt nach Amsterdam.

Bei Hofe war China-Porzellan en vogue: Die Welfen schickten Abbildungen ihrer Wappen nach Asien, um Vasen damit verzieren zu lassen. Doch auch die Bürger trachteten danach, ihre Tafeln nach fürstlichem Vorbild mit Porzellan zu bestücken. Die Ausstellung zeigt chinesische Teller aus dem 17. Jahrhundert, gefunden in Braunschweiger Kloaken – frühe Zeugnisse der Globalisierung. Meist waren solche Stücke freilich schlicht geformt und nur mit Mustern in blauer Farbe verziert, die sich leicht brennen ließ. Und es kursierten viele Imitate: Deutsche Handwerker bemalten glasierte Tonteller mit asiatischen Landschaften wie beim chinesischen Original.

Erst 1710 gelang es Johann Friedrich Böttger, der als Alchimist bei der Herstellung von Gold wenig Erfolg gehabt hatte, auch in Europa das begehrte Porzellan herzustellen. Seine Meißener Manufaktur exportierte Schalen und Figuren bald in aller Herren Länder. Im Osmanischen Reich allerdings empfand man es als degoutant, Gästen ein Service mit Bildern von gekreuzten Schwertern vorzusetzen. Also verzichteten die Meißener für den osmanischen Markt kurzerhand auf ihr berühmtes kriegerisches Markenlogo. Ein gesunder Geschäftssinn kann kulturelle Brückenschläge oft sehr erleichtern. Andernorts kopierten Markenpiraten das Schwerter-Signet, wie man heute Lacoste-Krokodile kopiert. Und Anfang des 19. Jahrhunderts machten Fabriken in Schlesien und ­Thüringen Porzellan endgültig zur Massenware. Das dort produzierte Geschirr war robuster als das zarte, lichtdurchlässige Porzellan der gehobenen Kreise und für immer mehr Haushalte erschwinglich.

Ausgehend von noch heute verbreiteten Alltagsgegenständen dekliniert die ­Ausstellung – ein zweiter Teil ist vom 21. April an im Archäologischen Museum Wolfenbüttel zu sehen – viele Facetten von Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte durch. Die Schau widmet sich auch technischen Aspekten. So ist der wohl älteste erhaltene Porzellanbrennofen Europas dort nachgebildet. Archäologen haben ihn in Fürstenberg freigelegt, er stammt aus den frühen Jahren der 1747 am Solling gegründeten Porzellanmanufaktur.

Kurioser Höhepunkt der Ausstellung ist allerdings jenes Toilettenbecken, das den Superlativ als ältestes Wasserklosett Sachsens hält. Seine Scherben kamen bei Ausgrabungen in Dresden ans Licht. Um 1900 wurde das mit Jugendstilblümchen dekorierte Stück aus England importiert. Auf der Rückseite findet sich das Wappen des Vereinigten Königreiches mit dem Spruch „Honi soit qui mal y pense“. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Im Vieweg-Haus am Braunschweiger Burgplatz bis zum 3. Juli. Infos: (05 31) 12 25 24 42.

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