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Kultur Ausstellung zu Schönheit und Schrecken des Alters
Nachrichten Kultur Ausstellung zu Schönheit und Schrecken des Alters
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09:55 29.09.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Tod und Trauer, Glück und Würde des Alters: Ron Muecks „Dead Dad“ (1997, oben), Bernhard Heisigs „Atelierbesuch (Helmut Schmidt)“ (1986, darunter) und Lovis Corinths „Bacchanale“ (1896, rechts).
Hannover

Das Alter kann einem lustig vorkommen – wenn man sich lorbeerbekränzt auf der grünen Wiese des Glücks inmitten junger Schönheiten wähnen kann wie der alte Mann auf Lovis Corinths „Bacchanale“-Bild von 1896. Alter mag würdig wirken – wenn man von Bernhard Heisig bei einem Besuch in dessen Atelier gemalt wird wie Helmut Schmidt 1986. Alter sieht elend aus – wenn es in einer der Skulpturen Ausdruck findet, die antike Bildhauer schon vor 2000 Jahren von greisen Fischern oder Hirten in Stein gehauen haben.

Diese Skulpturen und Gemälde sind jetzt neben vielen anderen im Landesmuseum zu besichtigen, dazu noch Grafiken, Fotos und Werbespots – in der neuen Ausstellung „Silberglanz“, die Werke aus vier Jahrtausenden rund um die „Kunst des Alterns“ versammelt. Das Alter, das wird darin deutlich, ist seit der Antike ein Quell von Freude und Ehre, Trauer und Leid – je nach der gesellschaftlichen Stellung der Alternden.

Neu ist das Thema Alter also nicht, ziemlich neu ist indes die Idee, es zum Gegenstand einer Ausstellung zu machen. „Das hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben“, sagt Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums, die die Kunstschau gemeinsam mit Lisa Felicitas Mattheis kuratiert hat.

In neuer Vernetzung

Die ist Mitarbeiterin des Sprengel-Museums, das für diese Ausstellung erneut mit dem Landesmuseum kooperiert, ähnlich wie schon für die Ausstellung „Madonna“ vor zwei Jahren. Bei „Silberglanz“ geht die Vernetzung noch weiter. Denn unter den rund 120 Werken dieser Ausstellung sind nicht nur Leihgaben aus den USA, der Schweiz und einem Dutzend deutschen Kunsthäusern, darunter in Hannover aus dem Sprengel- und dem Wilhelm-Busch-Museum. Dort startet überdies zeitgleich die Ausstellung „Schluss jetzt! Das Alter im Spiegel der Karikatur“ – sozusagen eine Satellitenausstellung zum selben Thema.

Den großen Überblick bietet aber „Silberglanz“. Teils, weil mit der Sammlung des Sprengel-Museums auch aktuelle Exponate zur Verfügung stehen. Teils, weil die Archäologin Katja Lembke souverän in die Antike zurückgreift, etwa indem sie daran erinnert, dass das Alter schon im alten Griechenland höchst unterschiedlich bewertet wurde – von Aristoteles eher negativ als Niedergang, von Platon positiv als Stadium der Weisheit.

Sex kennt kein Alter

Büsten der beiden Philosophen stehen zwar am Anfang der Ausstellung, die ist ansonsten aber weder chronologisch noch nach Kunstgattungen, sondern thematisch geordnet: Dass traditionell Würde, Weisheit und Macht mit Altersdarstellungen verknüpft waren, ist da an Franz von Lenbachs Bismarck-Porträts, an Robert Lebecks Foto des schon greisenhaften und doch noch Souveränität ausstrahlenden Winston Churchill oder eben an Heisigs Schmidt-Porträt zu sehen. Das Mit- oder auch nur Nebeneinander der Generationen zeigen Familienbilder von Johann Heinrich Tischbein über Max Beckmann bis zu Annegret Soltau. Und dass Sex kein Alter kennt, zeigt nicht erst das Corinth-Bild. Es ist schon an einer Amphore mit Motiven tanzender Silenoi-Götter mit faltigen Gesichtern und erigierten Geschlechtsteilen aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert zu erkennen.

Von einem ebenso ehrlichen wie schockierenden Umgang mit Alter und Tod zeugen die Arbeiten von John Coplans und Ron Mueck. Der US-Künstler Coplans zeigt sich in seinem fotografischen „Self Portrait“ (1996) als kopflosen Torso und dokumentiert dabei schonungslos den Verfall des eigenen, übergewichtigen und graubehaarten Körpers. Und der Brite Mueck hat in seiner Mixed-Media-Skulptur „Dead Dad“ (1997) den eigenen Vater als Leichnam nachgebildet – und dabei auf 102 Zentimeter Körperlänge geschrumpft, was den Schock über das entkörperlichte Verschwinden des Verwandten beklemmend spürbar macht.

Alter, das führen solche Werke vor Augen, hat auch mit Abschiednehmen, Verlust und Trauer zu tun. Das ahnen nicht zuletzt jene Künstler, die wie Liebermann, Slevogt oder Beckmann, minuziös – wenn auch nicht so schonungs- und tabulos wie später Coplans in ihren Selbstporträts – auch den Verfall des eigenen Körpers dokumentieren. Vom Verfall zeugen auch jene Werke, die das Absinken von Alten ins Prekariat, den Zusammenhang von Alter und Armut festhalten – von antiken Skulpturen bis zu Bildern des 20. Jahrhunderts.

Altersweisheit? It’s cool, man!

Wie wenig die Werbung weiterhin mit der wirklichen Welt zu tun hat, zeigt am Ende der Ausstellung ein Videoloop mit Werbespots. Die sind weiterhin von mit Prostatatabletten aufgerüsteten Womanizern, faltenfreien Faltencremenutzerinnen und jugendlichen Treppenliftpassagieren bevölkert – weil es in der Werbewelt eben gegen jede Altersmalaise ein Kaufangebot gibt. Altersweisheit schrumpft da aufs „It’s cool, man“ des Alm-Öhis aus der Schoko-Werbung zusammen.

In welcher Lebenswelt man sich selbst sieht, das können die Besucher dieser Ausstellung auch anhand des eigenen Konterfeis entscheiden. Das kann man sich wahlweise im Vorübergehen anhand eines Spiegels neben dem Ausschnitt von Max Liebermanns Selbstporträt von 1916 anschauen – oder, mit etwas mehr Aufenthaltszeit, nach der künstlichen Alterung anhand einer Aging App. Und sodann über das eigene Antlitz Trauer empfinden – oder auch Freude darüber, dass man auch mit „Silberglanz“ gar nicht so übel aussieht.

„Silberglanz. Von der Kunst des Alterns“: 29. September bis 18. Februar 2018 im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5. Der Katalog zur Ausstellung (Sandstein-Verlag, 263 Seiten) kostet im Museum 29,90 Euro und im Buchhandel 34 Euro.

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