Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ausstellung zur Literatur Niedersachsens eröffnet
Nachrichten Kultur Ausstellung zur Literatur Niedersachsens eröffnet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:18 20.10.2010
Von Simon Benne
Illustration aus Gregor Samarows Roman „Die Saxo-Borussen". Quelle: Handout

Otto Bögeholz galt Braunschweigs Stadtoberen wohl als großer Heimatdichter des 19. Jahrhunderts, als sie vor etlichen Jahren eine Straße nach ihm benannten. In Gedichtbänden wie „Alles ist Gefühl“ und „Gefühl ist alles“ waren volksnahe Verse aus seiner Feder überliefert: „Drum sei von mir aus Euer Motto: / Nennt mich ganz einfach Euren Otto“. Wie aus Bögeholz’ Büchern hervorging, hatte kein Geringerer als Wilhelm Busch ihn 1887 mit einer Widmung bedacht: „In Freundschaft ein besondrer Tusch / für Bögeholz! Dein Wilhelm Busch.“

Freilich hat Bögeholz’ Vita, die heute auch im Internet gut dokumentiert ist, einen Pferdefuß. Denn Bögeholz hat es nie gegeben. Der ganze Autor ist die Erfindung einiger Spaßvögel der Celler Vereinigung „Schlaraffia“. Und so trägt in Braunschweig noch heute eine Straße den Namen eines erdichteten Dichters.

Die hannoversche Leibniz-Bibliothek widmet sich jetzt in einer Ausstellung dem literarischen Leben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im heutigen Niedersachsen. Dem heimatlichen Kulturerbe also. Das Beispiel Bögeholz zeigt dabei, wie sehr Heimat ein Konstrukt ist, zusammengebastelt aus verschiedenen Traditionen, die teils trügen können. Und zugleich zeigt die Ausstellung, wie sehr es sich doch lohnt, an diesem Konstrukt zu arbeiten. Denn sie erinnert nicht nur an Größen wie Löns und Raabe, an Rilkes Worpswede und Osnabrücks Remarque, sondern auch an viele vergessene Autoren, deren sich Niedersachsen eigentlich rühmen dürfte – etwa an den Ostfriesen Rudolf Eucken, der 1908 für seine philosophischen Schriften den Literaturnobelpreis bekam.

Zu sehen sind Fotos, Landkarten und Theaterzettel, Reliquien wie eine original Schillerlocke – und vor allem Bücher. In einer „Winterreise“-Ausgabe von 1844 sind die Verse, in denen Heine ein wenig gegen Hannovers König Ernst August giftete, zensiert. Anstelle von Wörtern ist die Seite mit Strichen übersät. Farbenprächtig erstrahlen in Vitrinen Einbände von Werken Friedrich Gerstäckers: Der Braunschweiger wanderte 1837 in die USA aus und schlug sich in verschiedenen Jobs durch. Seine Jugendbücher wie „Die Flußpiraten am Mississippi“ brauchen den Vergleich mit Karl May nicht zu scheuen. Schade lediglich, dass man in solchen Bänden nicht gleich schmökern darf.

Unter den Literaten Hannovers erweist sich Gregor Samarow, der eigentlich Oskar Meding hieß und ein etwas zwielichtiger Regierungsrat war, als besonders schillernde Gestalt. Sein Erfolgsroman übers Studentenleben, „Die Saxo-Borussen“ von 1885, wurde sogar persifliert – als „Die Saxo-Saxonen von Samar Gregorow“. Der Philosoph Theodor Lessing, der als Kind oft bei Samarow auf Schloss Wohldenberg bei Hildesheim zu Gast war, beschrieb später, wie der genialische ­Autor, bis mittags im Bett liegend, einem Sekretär seine Werke diktierte, während er selbst Kaffee trank und rauchte.

„Max und Moritz“-Ausgaben sind auf Esperanto, Altgriechisch und Jiddisch („Shmul un Shmerke“) zu sehen. Im Begleitbuch – einem klugen, kleinen Parforceritt durch die Literaturgeschichte – schreibt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt, dass Wilhelm Busch neben Heine Niedersachsens einziger Literat sei, der sich auch international bleibenden Ruhm erwerben konnte. Dem Buch (zu Klampen, 215 Seiten, 28 Euro) und der Ausstellung gab ein Busch-Vers auch den Titel: „Und daß du so mein Herz gewannst, macht bloß, weil du so dichten kannst!!“ Scheinbar Provinzielles kann eben Weltgeltung haben. Während zur Schau getragene Weltläufigkeit oft nur das sicherste Indiz für Provinzialität ist.

Bis zum 26. Februar in der hannoverschen Leibniz-Bibliothek.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Solo zu zweit: Roger Cicero und Lutz Krajenski haben am Montag nicht nur vor 600 Leuten im Pavillon in Hannover gespielt, sondern auch geschwitzt.

20.10.2010

Desimo, Mentor und Moderator des Spezial Club im hannoverschen Appolo-Kino, expandiert mit seiner seiner Mixshow aus Comedy und Kabarett. In Bad Harzburg wird seit diesem Frühjahr ebenfalls im Spezial Club gelacht.

19.10.2010

Mehr als Löns und Raabe: Die hannoversche Leibniz-Bibliothek widmet sich in einer Ausstellung dem literarischen Leben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im heutigen Niedersachsen.

Simon Benne 19.10.2010