Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Autor Henschel präsentiert seinen „Arbeiterroman“

120 Prozent Realität Autor Henschel präsentiert seinen „Arbeiterroman“

Regalweise Familiengeschichte: Zu Besuch im Kellerarchiv von Gerhard Henschel, dessen "Arbeiterroman" gerade erschienen ist. Die Sammelwut der Familie ist außergewöhnlich und ein großer Gewinn für Sohn Gerhard.

Voriger Artikel
Möbus-Kunstinstallation „Mager oder fett“
Nächster Artikel
„Zweitausendeins“-Laden schließt Ende März

Gerhard Henschel präsentiert seinen „Arbeiterroman

Hannover. In einem der vielen Ordner sind Packungsbeilagen von Medikamenten abgeheftet, säuberlich geordnet nach den Bereichen Antibiotika, Antirheumatika oder Schmerzmittel.Was bei den meisten anderen Familien zuerst in einem Pappkarton und dann im Müll landet, wurde bei den Henschels abgeheftet.

Diese Sammelwut der Familie ist außergewöhnlich - und ein Gewinn für Sohn Gerhard. Denn der hat die Zeitungsausschnitte, die Einkaufslisten, die Leihzettel von Bibliotheken und die Dokumente des regen Briefverkehrs zwischen den Familienangehörigen genutzt, um damit eine große Familiensaga zu gestalten: die Martin-Schlosser-Romane. Den Nachlass der Eltern hat er für einen Briefroman genutzt: „Die Liebenden“, erschien vor 15 Jahren. Da war die Idee geboren, das Familienleben zum Thema eines weiteren Romans zu machen.

„Andrea beim Bauchtanz“

Ein bisschen in der Tradition von Walter Kempowski, dessen dokumentarisches Schreiben Gerhard Henschel sehr beeindruckt hat. „Ich wollte etwas schaffen, das für meine Generation so etwas ist wie wie ,Tadellöser & Wolff’ für die Generation meiner Eltern“, sagt er.

So erschien der „Kindheitsroman“, eine Erinnerung daran, wie es war, ein Kind zu sein. Und weil Gerhard Henschel dabei bemerkte, dass der Fundus des Familienarchivs viel Material hergibt, erschien bald darauf der „Jugendroman“, dann der „Liebes-“, der „Abenteuer-“, der „Bildungs-“ und der „Künstlerroman“. Gerade ist der „Arbeiterroman“ erschienen, und der Autor ist im Jahr 1990 angekommen. „Zwanzig Leitzordner habe ich eingearbeitet, ein paar hundert weitere Ordner sind noch übrig“, sagt Gerhard Henschel. Also arbeitet er weiter an der Lebensgeschichte Martin-Schlossers, die ja eigentlich seine eigene ist.

Weil gerade sein neues Buch erschienen ist, hat Gerhard Henschel ein paar Journalisten in den Keller seines Wohnhauses eingeladen, einem Klinkerklotz in der Heide zwischen Bad Bevensen und Uelzen. Er führt seine Besucher an langen Reihen von Regalen vorbei, blättert in Fotoalben („Das hier: Andrea beim Bauchtanz“) und beantwortet Fragen. Einer der Gäste will wissen, wie das so mit dem Verhältnis zwischen Realität und Fiktion ist in den Martin-Schlosser-Romanen. Henschel antwortet: „120 Prozent Realität“.

Zu Besuch im Kellerarchiv von Gerhard Henschel, dessen "Arbeiterroman" gerade erschienen ist.

Zur Bildergalerie

Und dann erzählt er von seiner Arbeitsweise. Er arbeitet nachts, dann stört nichts. Musik läuft im Hintergrund: William Byrd, John Dowland, Leonard Cohen, irgendetwas, das ruhig dahinfließt. Jede Nacht schreibt er etwa eine Seite. In anderthalb Jahren sind dann ungefähr 500 Buchseiten fertig und der nächste Roman der „Martin Schlosser“-Serie kann erscheinen.

Bei diesem autobiografischen Großprojekt ist nach dem Buch auch immer vor dem Buch. Der Einstieg in die neue Folge funktioniert dabei meist ganz umstandslos. Denn während Gerhard Henschel an einem Roman schreibt, bereitet er das Datengerüst des nächsten Romans vor. Er schreibt auf, wer wann was mit wem gemacht hat - und versucht dabei möglichst genau zu sein. Manchmal hilft dabei die Recherche im Internet. Im „Dorfroman“, der als nächstes erscheinen soll, will er eine Fahrt von Meppen nach Nordhorn beschreiben. Aber wie sind sie damals, Anfang der Neunzigerjahre, eigentlich gefahren? Henschel konnte sich nicht erinnern. Aber es ist ihm gelungen, einen Kursbuchsammler ausfindig zu machen. Der konnte ihm sagen, wie die Personen an diesem Tag gereist sein müssen: mit dem Bus.

Damit für kommende Romane nichts verloren geht, führt Henschel Tagebuch (aber nicht zuviel, nur die wichtigsten Fakten), sammelt weiterhin Schriftstücke aller Art - und druckt sogar seine E-Mails aus. „Papier ist immer noch die sicherste Speichermöglichkeit“, sagt er.

„Ich bin eine der vier Gabys“

Die Dialoge seiner Bücher rekonstruiert Henschel aus Tagebuchaufzeichnungen. Und oft fragt er einfach bei den Betroffenen nach - auch um die Erlaubnis zu bekommen, Details aus dem Familienleben zu schildern. Meistens stimmen die Befragten zu, und manchmal kommen von ihnen sogar Verbesserungsvorschläge. „Ich bin in der glücklichen Situation, meine Romanfiguren zur Mitarbeit einzuladen“, sagt Henschel.

Manche Nebenfiguren haben sich auch schon bei Lesungen materialisiert. Plötzlich stand Herr Meyer, der ehemalige Deutschlehrer, vor ihm. Oder ein Gigi, der im Roman ein Didi war. Eine Zuhörerin begrüßte ihn nach einer Lesung mit „Hallo, ich bin eine der vier Gabys“.

Auch Andrea, Martin Schlossers erste große Liebe, war bei einer Lesung dabei. Jetzt ist sie tot. Davon wird in einer der nächsten Folgen der Reihe zu berichten sein. „Es kommen recht bewegte Zeiten auf Martin Schlosser zu“, sagt Gerhard Henschel. Dabei war es im „Arbeiterroman“ am Ende auch recht bewegt: Vetter Gustav beging Selbstmord, Andrea hat Martin verlassen und Martins Mutter starb an ihrer Krebserkrankung.

Wenn Henschel das Verhältnis zwischen Schreibzeit und beschriebener Zeit nicht ändert, wird er im Alter von 75 Jahren mit dem Erzählen in der Gegenwart gelandet sein. Irgendwann früher muss dann ja die Stelle kommen, in der Martin Schlosser beschließt, die Martin Schlosser-Romane zu schreiben. Wie soll das gehen? „Ich habe darüber nachgedacht, dass Martin Schlosser seinen Helden Gerhard Henschel nennen könnte“, sagt Henschel.

Ein weiterer Anlass, auf die nächsten Folgen der Reihe gespannt zu sein.

Lesung: Gerhard Henschel präsentiert seinen „Arbeiterroman“, den siebten Band seiner Martin-Schlosser-Chronik, am Donnerstag, 16. März, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Lister Meile 39.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Sprengel Museum eröffnet die Ausstellung "Grafik Ost"

Die Werke aus der Sammlung von Georg Girardet werden im Sprengel-Museum gezeigt.