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Autoren, Cosplay und ein fliehendes Schwein

Frankfurter Buchmesse Autoren, Cosplay und ein fliehendes Schwein

EU-Bürokratie, Katalonien und ein schreibender Roboter: Ein Besuch der Frankfurter Buchmesse. Zu den Stargästen zählen Dan Brown und Michel Houellebecq. Und der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny bringt gar einen Zauberer als Retter von Europa ins Spiel.

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Bücher, jede Menge Bücher: Blick auf den Stand des Droemer Verlags.

Quelle: imago

Frankfurt/Main. „Da läuft ein Schwein!“ Mit diesem Ausruf beginnt der Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse, der gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Dieses Schwein, das da so frech durch Brüssel rennt, ist ein Symbol für all die Sauen, die Tag für Tag durchs europäische Dorf getrieben werden. Die Protagonisten dieses ersten Europaromans eint die Aufregung über das Schwein. Wenn jetzt sogar EU-Bürokratie Roman- und preiswürdig ist, dann ist der europäische Apparat vielleicht ein Anker in Zeiten des Sturms. Diesen Eindruck zumindest erweckt Menasse bei einem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse, zu der noch bis Sonntag rund 280 000 Besucher erwartet werden. Der österreichische Schriftsteller sagt im Hinblick auf die Katalonienkrise und die Erstarkung rechter Kräfte: „Europa entwickelt sich nur in schweren Krisen weiter.“ Gerade jetzt sei es wichtig, sich zu der Utopie dieser Gemeinschaft zu bekennen.

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Noch bis Sonntag hat die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten geöffnet. Die Veranstalter erwarten bis zu 280 000 Besucher. Themen sind nicht nur die hohe Politik. Hersteller präsentieren auch schreibende Roboter. Andere laden Besucher in die virtuelle Realität der Literatur ein. Hier geht’s zu Bildergalarie.

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Europa ist auf der Messe in aller Munde. Die Region Katalonien, die die Unabhängigkeit von Spanien anstrebt, hat in Frankfurt schon mal einen eigenen Stand. „Wir erhoffen uns bei unserem Freiheitsbestreben eine Vermittlerrolle von der EU. Für die katalanische Kultur und Literatur bedeutet die Unabhängigkeit mehr Aufmerksamkeit“ sagt ein Vertreter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Der Weltempfang steht in diesem Jahr unter dem Motto „Krise – Ordnung – Gestaltung“. Dahinter steht die These, dass Konflikte Motoren für gesellschaftliche Reformen sein können. Der Unternehmensberater und Autor Prinz Asfa-Wossen Asserate, in Äthiopien geboren und in Deutschland lebend, appelliert auf der Bühne an Europa, die Afrikapolitik angesichts von Millionen Flüchtlingen radikal zu ändern und den Alltag der Menschen vor Ort lebenswert zu machen. Der Nachfahre des entmachteten äthiopischen Kaiserhauses ist hierzulande für seinen Bestseller über deutsche „Manieren“ bekannt.

Europa zwischen Buchdeckeln neu erfinden

Für den deutschen Schriftsteller Sten Nadolny ist die Buchmesse ein Ort, um Europa zwischen Buchdeckeln neu zu erfinden. Der 75-Jährige steuert den Roman „Das Glück des Zauberers“ bei, die deutsche Antwort auf „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“: Ein Mann mit Zauberkräften umreißt eine ganze Epoche in Briefen an seine Enkelin Mathilda, die sein Talent geerbt hat. Das Zaubern ist bei Nadolny eine große Metapher dafür, das Leben mit Neugier und Raffinesse zu meistern. Wie Nadolny in „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (1983) einen Gegenentwurf zu unserer beschleunigten Gesellschaft zeichnet, so wehrt er sich in seinem aktuellen Roman gegen die Entzauberung der Welt. „Mein Zauberer steht für einen freien Menschen. Und als solcher kann er eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung Europas spielen“, sagt Nadolny im Gespräch auf der Messe. Der Schriftsteller wirkt selbst ein bisschen wie sein schelmischer Protagonist. Er sagt: „Ich stelle mir Zaubern als großes Vergnügen vor, dieses Meistern einer Fähigkeit bis ins Detail.“

Frankreich ist das diesjährige Gastland. Nur aus dem Englischen werden mehr Bücher ins Deutsche übertragen, und so sind auch die in Frankfurt präsentierten 555 Übersetzungen von 143 deutschen Verlagen rekordverdächtig. Stargast Michel Houellebecq prophezeit im Frankfurter Schauspiel, die Franzosen würden wieder zu einem Nationalstolz zurückfinden: „Wir werden wieder das arrogante Volk von früher.“ Auffälligstes Mitbringsel der europäischen Nachbarn sind die riesige Asterixpuppe im Messehof und die Vielzahl an Graphic Novels. So konsequent hat vielleicht noch kaum ein Gastland diese Gattung als Literatur anerkannt.

Herzstück des französischen Pavillons ist eine nachgebaute Gutenbergpresse. Der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel drucken hier zur Messe-Eröffnung die erste Seite der Menschenrechtserklärung. Dass diese vielerorts nicht eingehalten wird, ist immer wieder ein Thema auf der Frankfurter Buchmesse, die jedes Jahr politischer wird. Zum Beispiel bei dem neuen Format „Weltempfang Satellit“, für das Messe-Direktor Juergen Boos im Business Club Literaten interviewt. Er erinnert an die Buchmesse 2008, als die Türkei Gastnation in Frankfurt war: „Wir hatten dieselbe Regierung, das Land präsentierte sich bei uns als weltoffen. Seitdem hat sich alles geändert.“

Aslı Erdoğan: Die eigenen Texte in der Gefängnisbibliothek entdeckt

Die große türkische Romanautorin Aslı Erdoğan ist eine der wichtigsten Stimmen der türkischen Opposition. Bis zuletzt war nicht klar, ob sie zu dem Gespräch würde kommen können: Wegen ihrer Kolumnen in der kurdisch-türkischen Zeitung „Özgür Gündem“ war sie ein halbes Jahr inhaftiert gewesen und wurde Ende 2016 für die Dauer des laufenden Prozesses entlassen. Ihren Pass, der ihr die Reise ins Ausland ermöglicht, bekam sie jedoch gerade erst zurück. In Frankfurt erinnert sie sich daran, wie sie im Gefängnis Zettel mit Notizen an ihrem Körper versteckte und nach draußen schmuggelte. Einer dieser Texte wurde nun zur Eröffnung der Buchmesse verlesen. Man hört den Triumph in ihrer Stimme. Sie berichtet auch von den Absurditäten der Radikalisierung in ihrem Land: „Ich wurde wegen meiner Schriften verhaftet. Aber in der Gefängnisbibliothek gab es meine Bücher.“ Soeben ist im Knaus-Verlag Erdoğans Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns“ erschienen. Ihre Rolle als Autorin beschriebt sie auf der Messe: „Ich flüstere in die Ohren der Menschen. Es ist ein sehr langsamer Prozess.“

In Frankfurt liegen Politik und Unterhaltung, Tradition und Fortschritt nah beieinander. Ganz buchstäblich findet sich direkt neben der Antiquariatsmesse die Installation eines schreibenden Roboters. Gerade roch es noch anheimelnd nach altem Papier, dann plötzlich nüchterne Hightechwelt. Ein orangefarbener Metallarm schreibt mit einem überdimensionalen Kugelschreiber Aphorismen wie „Aus Weisheit geht Phantasie hervor.“ auf ein Stück Papier. Mithilfe von Algorithmen generiert der Roboter des Stuttgarter Künstlerkollektivs robolab neue Texte. Herauskommen soll ein von künstlicher Intelligenz geschaffenes Manifest.

Spielerisch geht auch der Bücher-DJ am Stand des Börsenvereins des deutschen Buchhandels an die Literatur heran: Hier können sich die Besucher aus Genre und Coverfarbe ihren persönlichen Büchermix zusammenstellen. Mit einer neuen Cosplay-Arena und einem wachsenden „Bookfest“ mit Lesungen in der Stadt adaptiert Frankfurt erfolgreiche Formate der Leipziger Kollegen. Und der amerikanische Bestsellerautor Dan Brown verrät bei der Vorstellung seines Romans „Origin“, das er von einer Komposition über Charles Darwin zu dieser Geschichte über den Ursprung der Menschheit inspiriert wurde. Brown sagt: „Sind wir nicht naiv zu glauben, dass es unsere Götter in 100 Jahren noch geben wird? Thors Blitz haben wir schließlich auch längst entzaubert.“

Ein Schwein wurde auf der Buchmesse noch nicht gesichtet. Es würde wohl auch nicht weiter auffallen.

Von Nina May/RND

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