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Nach Hause fahren

Autoren schreiben über den Tod Nach Hause fahren

Tief berührend, traurig und ernüchternd: Die Autoren Karl-Heinz Ott, Rolf Lappert und Sybil Volks schreiben in ihren neuen Romanen über den Tod. Ein Einblick in die Themenwelt der mittleren Generation von HAZ-Redakteurin Martina Sulner.

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Rolf Lappert hat mit „Über den Winter“ ein Buch über den Tod geschrieben.

Quelle: Hanser Verlag

Hannover. Es ist einer dieser Anrufe, die das Leben verändern: „Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot.“ Nach dieser Nachricht macht sich Jakob Nido - nicht ganz so schnell, wie es möglich wäre - auf den Weg in seine Heimatstadt Ulm. Jetzt sitzt der mäßig erfolgreiche Fernsehjournalist, der seit Jahren in Paris lebt, mit seinen drei Geschwistern im elterlichen Wohnzimmer - neben der Leiche des Vaters. Statt „wohliger Trauer“ empfindet Jakob „ein nebliges Verlustgefühl“, das er beinahe genießen kann.

In seinem neuen, gerade erschienenen Roman „Die Auferstehung“ erzählt Karl-Heinz Ott von den vier erwachsenen Geschwistern Nido, die anlässlich des Todes ihres Vaters wieder zusammenkommen. Das ist eine klassische Ausgangssituation, die man aus zahlreichen Romanen und Filmen kennt. Ott, 2006 in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet, hat seine Geschichte wie ein Kammerspiel arrangiert: Ein paar Stunden lang sitzen die Geschwister samt Ehepartner - Jakob und sein älterer Bruder Joschi sind Singles - beim toten Vater. Man erinnert sich, fechtet neue und vor allem alte Streitigkeiten aus. Die Trauer über den Tod des Vaters hält sich in Grenzen; die Frage, wo sein Testament liegt und was darin steht, ist dafür umso wichtiger. Hat der Vater, der nach dem Tod seiner Ehefrau in den letzten Lebensjahren sexuell recht rege war, alles seiner Haushälterin vermacht? Der „ungarischen Hure“, wie Tochter Linda sie nennt? Davor graut es den Kindern, außerdem könnten sie alle dringend etwa Geld gebrauchen.

Vor allem aus der Sicht Jakobs schildert Karl-Heinz Ott das Geschehen. 58 ist der Autor, der 1998 mit dem Mutter-Sohn-Roman „Ins Offene“ debütierte. Sein neuer Roman erzählt vor allem davon, wie die heutigen Mittfünfziger so geworden sind, wie sie sind - und wie sie mit zuvor undenkbarer Demut auf die Eltern blicken. „Vor dreißig Jahren hatte ihre Generation die Kleinfamilie als Hort allen Horrors verdammt“, sagt Jakob. Er erinnert sich daran, wie er und seine Freunde die Eltern, „diese Schufter und Schaffer“, verachtet hatten, „die ständig nur an Aufbau dachten, ans Häuslebauen, Sparen, Zinsenkriegen“. Die Nido-Kinder probten, jedes auf seine Art, den Aufstand, in dem sicheren Gefühl, irgendwann ein auskömmliches Erbe zu erhalten.

Was Helene Salm zu vermachen hat, ist ungleich bescheidener: ein paar Bücher, CDs, ein altes Auto. Auch Lennard Salm, um die 50, recht erfolgreicher Künstler, fährt zurück in die Heimat, als er die Nachricht vom Tod der älteren Schwester erhält. In Hamburg trifft er seine beiden jüngeren Geschwister und die Eltern. „Über den Winter“ heißt der neue Roman von Rolf Lappert, mit dem es der Schweizer Autor auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft.

Auch der 1957 geborene Lappert erzählt davon, wie die Eltern seines Protagonisten sich in den Wirtschaftswunderjahren kennenlernen, überstürzt heiraten und leidenschaftslos nebeneinander herleben. Die mittleren Kinder - Lennard und Sibylle, Bille genannt - begehren gegen die herrschsüchtige, ordnungsfanatische Mutter auf. Bildhauer Lennard hat irgendwann ein Atelier in New York, schön weit weg. Die chaotische Bille schlägt sich mit Jobs am Theater durch.

2008 hat der Autor für seinen schräg-traurigen Entwicklungsroman „Nach Hause schwimmen“ den Schweizer Buchpreis erhalten. Um das Thema, erwachsen zu werden und nach Hause zu gelangen, geht es auch in „Über den Winter“. Nach dem Todes seiner Schwester stellen sich Lennard Salm die großen Fragen: Lebe ich richtig? Was ist aus meinen Jugendträumen geworden? Wie soll es jetzt weitergehen?

Lappert erzählt epischer als Karl-Heinz Ott; seine Geschichte umfasst einen längeren Zeitraum, ist nicht nur auf das elterliche Wohnzimmer beschränkt. Lennard Salm trifft sogar Menschen, die er von früher kennt. Etwa einen Nachbarssohn, der als Kind von seinem Vater drangsaliert wurde. Jetzt rächt sich dieser Armin auf spezielle Weise: Stundenlang sperrt er seinen dementen Vater in ein schalldichtes Zimmer und beschallt den alten Mann mit Metal und Hardrock.

Überhaupt die Musik: Liest man Ott und Lappert wird einem noch mal klar, wie entscheidend in den Siebziger-, Achtzigerjahren Musik war, um sich von den Eltern abzugrenzen. Jakob Nido und sein jüngerer Bruder erinnern sich oft und gern daran, wie sie einst zu Pink-Floyd-Konzerten trampten. Und Lennard und Bille Salm brachten ihre Mutter zur Weißglut, wenn sie Frank Zappa, Pink Floyd, Talking Heads und Velvet Underground hörten.

Ott, Lappert und auch die 50-jährige Sybil Volks in ihrem gerade veröffentlichten Unterhaltungsroman „Wintergäste“, in dem ebenfalls eine Familie angesichts eines Todesfalls zusammenkommt, erzählen davon, wie die einst aufmüpfigen Babyboomer alt geworden sind. Sie müssen nicht nur Abschied von den Eltern nehmen, sondern auch von vielen Träumen. Das ist traurig und ernüchternd, berührend und manchmal böse, doch aus dem Alter für wütende Abrechnungen sind diese starken Autoren und ihre Protagonisten hinaus: Sie reflektieren ihre Familiengeschichten - und ihre eigenen Fehler.

Lese-Empfehlungen

Rolf Lappert: „Über den Winter“. Hanser. 383 Seiten, 22,90 Euro.

Karl-Heinz Ott: „Die Auferstehung“. Hanser. 349 Seiten, 22,90 Euro.

Sybil Volks: „Wintergäste“. dtv. 412 Seiten, 14,90 Euro.

Am 30. September, 19.30 Uhr, liest Ott im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstr. 2.

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