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Kultur Autoren wagen Ausblicke in die Welt in 100 Jahren
Nachrichten Kultur Autoren wagen Ausblicke in die Welt in 100 Jahren
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20:43 30.11.2012
Von Simon Benne
Florierender Weltraumtourismus: Ulrich Walter denkt, dass Trips ins All 2112 so alltäglich sind wie für den Science-Fiction-Helden Perry Rhodan. Quelle: dpa
Hannover

Vorhersagen sind ein riskantes Geschäft: Sicher, die Spinner von heute gelten womöglich morgen als die Visionäre von gestern. Aber vielleicht gelten sie eben doch nur als die Spinner von gestern. Das entscheidet die Zukunft. Ein Quäntchen Mut gehört also schon dazu, über die Grenzen der Gegenwart hinauszublicken und zu beschreiben, wie die Welt von morgen aussehen könnte. Der Kulturjournalist Ernst A. Grandits hat jetzt zwei Dutzend teils hochkarätige Autoren dazu animiert: In dem Aufsatzband „2112“ malen sie sich aus, wie „die Welt in 100 Jahren“ aussehen könnte - mit teils originellen Prophezeiungen.

„Fernsehgeräte werden auf die Größe von Fingernägeln schrumpfen. Aber sie werden entweder wie zerknüllte Papiertücher entfaltbar oder mit Miniaturzusatzgeräten für die Augen immens vergrößert werden“, glaubt Medienkünstler Peter Weibel. Raumfahrttechniker Ulrich Walter prophezeit einen florierenden Weltraumtourismus. Und die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz dreht die Genderdebatte weiter: Eine „Vielzahl von Geschlechtern“ könnte „die Frau“ abgelöst haben.

Die Idee für „2112“ ist nicht neu, das Werk ist ein Wiedergänger: Anno 1910 brachte ein Berliner Verlag einen Sammelband mit Ausblicken auf das Jahr 2010 heraus. Einige Prognosen erwiesen sich als verblüffend präzise: Man werde das „Telephon in der Westentasche“ tragen, und Europa werde ein gemeinsames Parlament haben, weissagten kluge Köpfe damals. Vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs dominierte noch ein schier grenzenloser Fortschrittsglaube - moderne Technik werde das Leben schöner, besser und länger machen, dachte man.

Wie damals von der Physik, so geht heute von der Leitwissenschaft Biologie ein besonderer Optimismus aus: Gleich bei der Geburt werde 2112 die Gensequenz jedes Erdenbürgers bestimmt werden, schreibt Genetiker Markus Hengstschläger. Experten könnten dann für jeden Menschen ein individuelles Trainingsprogramm entwickeln, ganz abgestimmt auf genetische Schwachstellen. Schon Kindern würden winzige Maschinen injiziert, die „praktisch wie ein U-Boot“ lebenslang durch den Körper sausen, dort Blutwerte messen und kleinere Reparaturen gleich selbst vornehmen, natürlich präventiv: „Es wäre doch enttäuschend, wenn man in 100 Jahren immer noch drauf warten würde, bis der Mensch krank wird, um seine Krankheit zu bekämpfen.“

Freilich ist die Fortschrittseuphorie nicht ganz ungebrochen: Einige Autoren mutmaßen, es könnte skrupellosen Organhandel oder eine Dreiklassenmedizin geben, bei der die Armen nur noch von „Pflichtärzten“ grundversorgt werden. Sportsoziologe Gunter Gebauer spinnt lustvoll ein Szenario, in dem sportliche Wettkämpfe eher zur Konkurrenz zwischen Biochemikern und Humangenetikern geworden sind, die - „nach Aufhebung des Dopingverbots im Jahr 2020“ - darum kämpfen, Sportler physisch zu optimieren. Zum Verdruss des Publikums.

Doch meist blickt das Gros der Propheten überraschend hoffnungsvoll in die Zukunft: „Der Hunger in der Welt wird besiegt sein“, glaubt der Nachhaltigkeitsexperte Werner Wutscher. Zugleich werde der Fleischkonsum dramatisch sinken: „In der nördlichen Hemisphäre wird sich die Bevölkerung vorwiegend vegetarisch ernähren“, schreibt er. Fleisch werde ein Luxusprodukt sein - etwas, das aus Tradition an hohen Feiertagen gegessen wird. Der Weg aus der Umweltkrise werde das Wirtschaftswachstum nicht bremsen, sondern sogar noch befeuern, schreibt der hannoversche Geobotaniker Hansjörg Küster. Und das Kind von morgen, glaubt Pädagoge Wassilios E. Fthenakis, werde „ein Weltbürger mit ausgeprägter lingualer und interkultureller Kompetenz“ sein.

Freilich könnten auch Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes auf uns zukommen: Politikwissenschaftler Claus Leggewie spielt gedanklich die Möglichkeiten eines „freundlichen Faschismus“ oder einer Ökodiktatur durch: „Die größte Sensation wäre 2112, wenn wir einfach mit 25 Bundestags- und 350 Landtagswahlen weitergemacht hätten.“ Sein Kollege Herfried Münkler glaubt, dass es auf der Südhalbkugel der Erde Kämpfe um knappe Ressourcen geben könnte. Die Bedeutung militärischer Macht werde zwar abnehmen, doch eine Heimstatt ewigen Friedens werde die Welt nicht. So könnten sich Drogenhändler in Zentralamerika Privatarmeen zulegen: „Als die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts hat sich die Diffusion von Kriegsakteuren und international organisierter Kriminalität erwiesen“, schreibt er im fiktiven Rückblick.

Der Aufstieg Chinas, die Überalterung des Westens, das Anschwellen der Migrationsströme - einige Autoren schreiben bei ihren Vorhersagen eher die Gegenwart vorsichtig fort. Andere lehnen sich weit aus dem Fenster. Wie der Sozialpsychologe Harald Welzer, der ein düsteres Szenario entwirft: In 100 Jahren, schreibt er, herrsche totale Überwachung „durch die herrschenden Konzerne und ihre Regierungen“. Die bereitwillige Preisgabe von Daten habe dem „Faschismus mit Facebook“ die Bahn geebnet: „Jeder Netzteilnehmer wurde zur Gestapo seiner selbst.“ Überhaupt liegt in Welzers Welt von 2112 vieles im Argen. Afrika? Aufgeteilt in ein indisches und ein chinesisches Protektorat. Nordamerika? Bei Unabhängigkeitskriegen in den 2040er Jahren zerfallen in seine Bundesstaaten. Die EU? Geblieben ist der Nordstaat „Noropa“ als Teil des russischen Generalgouvernements.

Bei all den Vorhersagen hat zwischen Machbarkeitswahn und Schicksalsergebenheit auch die Ironie ihre Nische gefunden. In einer Kurzgeschichte von Georg Ruppelt, dem Direktor der hannoverschen Leibniz-Bibliothek, zahlt man 2112 am Badestrand der Außenalster mit „Universo“. Bundespräsidentin ist Yüzgül Schiller von der Christlich-Islamischen Union (CIU). Und Literaturkritiker Denis Scheck entwirft ein Zukunftsszenario, in dem Hunde als Schriftsteller tätig sind: Es gibt „Großschnauzerliteratur wie die von Hasso Grass“ und Bestseller wie „,Mitternachtswelpen‘ von Salman Wuffdie“.

Auch wenn einige Autoren einen verquasten Wissenschaftsstil pflegen und sich vorsichtshalber im Nebulösen bewegen - die meisten Gedankenspiele über das, was sein wird, sind ungemein reizvoll. Sie hinterfragen, was uns Gegenwärtigen selbstverständlich erscheint. Alles könnte auch ganz anders sein. Das zu zeigen ist vielleicht der Sinn jeder Prophetie. Und ein bisschen wird ja auch von uns abhängen, was die Zukunft bringt.

Der volle Lektüregenuss wird sich allerdings erst 2112 einstellen, beim Vergleich von Vision und Realität. „Möge dieses Spiel in 100 Jahren wiederholt werden“, schreibt Herausgeber Grandits, „und das homerische Gelächter der Nachfahren milde sein.“ Anders gesagt: Falls einer von euch Besserwissern anno 2112 noch Nietzsche kennen sollte - der rief der Nachwelt vorsorglich zu: „Ihr seid nicht klüger, ihr kommt nur später!“

Ernst A. Grandits: „2112 - Die Welt in 100 Jahren“. Olms. 350 Seiten, 19,80 Euro. Die Autoren Küster und Ruppelt stellen das Buch am Donnerstag, 6. Dezember, 17 Uhr, in der Leibniz-Bibliothek Hannover vor.

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