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„Natürlich erzählen Städte etwas“

Kai Koch im HAZ-Interview „Natürlich erzählen Städte etwas“

„Unser Haus, die Stadt“: Kai Koch, Vizepräsident des Bundes Deutscher Architekten,über das Architektentreffen in der Landeshauptstadt und deren Wiederaufbau – das „Wunder von Hannover“.

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Kai Koch, Jahrgang 1954, ist seit 2013 Vizepräsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA).

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Heute treffen sich Architekten aus ganz Deutschland in Hannover - war das eine zufällige Ortswahl?

Keineswegs. Der BDA-Tag ist dem Thema „Unser Haus, die Stadt“ gewidmet. Wir setzen uns mit Städtebau auseinander. Und Hannover ist für Architekten und Stadtplaner besonders interessant. Wir suchen dabei eine Verständigung über die Rolle von Architekten in der Gesellschaft. Dass der Landesverband Niedersachsen sich mit seiner Bewerbung um den BDA-Tag durchgesetzt hat, spricht natürlich auch für den Tagungsort. Bei der Frage, wer die Akteure von Stadtplanung und Stadtarchitektur sind, hat Hannover vor allem durch die Phase des Wiederaufbaus unter dem Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht bestimmt bundesweit beispielgebende Funktion.

Lob für einen Berliner Baumeister

Dem Architekten Axel Schultes ist der Große BDA-Preis für sein Lebenswerk verliehen worden. Schultes ist unter anderem Erbauer des Bundeskanzleramts.

Zum Auftakt wird der BDA-Preis verliehen. Dieser Preis wurde vor 50 Jahren erstmals vergeben. Geehrt wurden damit Architekten und Städtebaumeister wie Hans Scharoun und Mies van der Rohe, Hanns Adrian und Meinhard von Gerkan - also: Das ist kein Nachwuchsförderpreis.

Nein, gewiss nicht. Der BDA würdigt damit das Lebenswerk eines Architekten, und entsprechend hochrangig ist auch der neue Preisträger Axel Schultes. Aber der BDA vergibt ja auch den Nike-Preis und einen Architekturkritikerpreis …

Als Kritiker ist auch Schultes hervorgetreten - mit der Kritik an der unvollständigen Umsetzung seiner Pläne für das „Band des Bundes“ um das von ihm entworfene Berliner Kanzleramt. Hat er damit getan, was ein Architekt und Städtebauer tun sollte: das Ganze im Blick behalten und sich weder von Investoren noch Politikern den Mund verbieten lassen?

Ein Preis bedenkt ja einen Preisträger, sagt aber auch etwas darüber aus, was der Preisstifter für vorbildlich hält. Ein Architekt muss sich um die Qualität der Baukultur in der Gesellschaft sorgen. Axel Schultes ist in diesem Sinne ein herausragender Vertreter unseres Berufsstandes. Er hat ein streitbares Profil, steht für öffentlich besonders sichtbare Bauten, hat die Kunsthalle Schirn in Frankfurt, das Kunstmuseum Bonn, die Kanzlei der EKD in Hannover entworfen.

Architekten erleben nicht selten Ähnliches wie Schultes in diesem Fall - dass nämlich von einem Gesamtkonzept nur Teile realisiert werden. Woran liegt das? Zu wenig echte Verantwortungsbereitschaft vonseiten der Kommunen? Zu viele Beteiligte?

Wir haben es heute mehr denn je mit eng verrechtlichten, starren Strukturen zu tun, die es erschweren, gemeinsam Verbindlichkeiten im Dienste einer ganzheitlichen Stadtplanung einzugehen. Die Zahl der Mitspieler ist gigantisch gewachsen. Unter Hillebrecht war das noch überschaubarer. Da gab es Architekten, Verwaltung, eine Kaufmannschaft, die in der Stadtgesellschaft, im urbanen Gefüge präsent war. Auch die Partizipation der Bevölkerung war nicht so ausgeprägt. Das ist heute ganz anders. Es gibt durchaus Überlegungen im politischen Raum, nach denen der Architekt dann nur noch ein Spieler unter vielen ist.

Können so noch symbolträchtige Bauwerke entstehen, werden unter diesen Bedingungen die Städte auch künftig noch etwas auszudrücken, zu erzählen haben?

Natürlich erzählen Städte etwas. Historische Städte wie Siena oder San Gimignano erzählen etwas. Da geht es um Machtansprüche, aber auch um das Ringen um Kompromisse mit der Gemeinschaft im Dienste eines gemeinsamen Ausdrucks. Nur: Ob die Geschichten, die Städte heute erzählen, auch interessant oder relevant sind, das ist eben die Frage.

„Nur starke Städte sind schöne Städte“

Erzählen unsere gebauten Städte heute noch Geschichten? Oder entsteht allerorten eine Architektur des Zweckhaften, eine phantasieloser Einheitsbrei der gebauten Umwelt? 400 Mitglieder des Berufsverbands Bunds Deutscher Architekten (BDA) haben am Wochenende ihre Jahrestagung in Hannover unter diese Frage gestellt.

Zieht die neue Unübersichtlichkeit mangelnde Konfliktbereitschaft und am Ende gesichtslose Städte nach sich, eine Architektur des kleinsten gemeinsamen Nenners?

Ein solcher Minimalkonsens kann das Ergebnis sein, wenn es dem Architekten nicht gelingt, zwischen den teils widerstreitenden Interessen zu vermitteln. Er muss bereit sein, sich und sein Konzept infrage zu stellen, im besten Falle, um es durchzusetzen. Er ist eben heute nicht mehr selbstverständlich der Schöpfer, die herausragende Figur. Auf dem Bauschild steht der Architekt heute immer weiter unten. Das war früher anders.

Sie erläutern beim BDA-Tag, was aus der Städtebaugeschichte Hannovers für die Zukunft zu lernen ist. Was ist da das Spannende?

Spannend ist auf jeden Fall die Geschichte des Wiederaufbaus, die fast ausschließlich mit dem Stadtbaurat Hillebrecht verknüpft ist. Der wurde 1959 auf einem „Spiegel“-Titel unter der Schlagzeile „Das Wunder von Hannover“ abgebildet. Darin wurde erläutert, was am Wiederaufbau national und international beispielhaft war. Hillebrecht hat, anknüpfend an die Charta von Athen, die Funktionen Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Verkehr getrennt und ein stringentes Tangenten- und Ringverkehrsystem entwickelt. Das wurde anderswo auch gedacht, aber Hillebrecht hat es in Hannover umgesetzt.

Wie?

Indem er in zahllosen Dialogen Experten, Gremien und die Bevölkerung von seinem Konzept überzeugt hat - und das bei starken bodenpolitischen Eingriffen, die vielerorts auch Eigentumsrechte berührten. Denken Sie an den Wiederaufbau des Kreuzkirchenviertels, das sich nicht an den aus dem Mittelalter stammenden kleinteiligen Parzellen orientiert. Oder daran, dass Kaufleute auf der Karmarschstraße auf Fläche verzichtet haben, um ein breiteres Straßenprofil zu ermöglichen. Das hat Hillebrecht durch Einbindung in seinen beharrlichen städtebaulichen Dialog erst durchgesetzt. Das Ergebnis hat bis heute eine hohe Zeugniskraft.

Ist diese Gesprächskultur die Haupttugend?

Für eine weitsichtige Stadtplanung ist Dialogfähigkeit heute ebenso entscheidend wie Verantwortlichkeit und Verbindlichkeit aller Beteiligten. Und in vielen deutschen Städten muss heute noch die Bereitschaft dazukommen, die Qualität dieses Wiederaufbaus sensibel weiterzuentwickeln. In Hannover scheint mir auch das übrigens durch den Dialog „Hannover 2020“ vorbildlich gelungen zu sein.

Zur Person

Kai Koch hat Architektur an der Universität Hannover studiert. Schon zwei Jahre vor seinem Diplom erhielt er 1981 den Berliner Schinkelpreis. Seit 1985 ist er freischaffender Architekt in Hannover, seit 1997 in Partnerschaft mit Anne Panse. Das Architektenbüro ist bundesweit mit zahlreichen Architekturpreisen ausgezeichnet worden und hat in Hannover unter anderem den Umbau des Goseriede-Bades für die Kestnergesellschaft, des Raschplatzes und der Festsäle der Stadthalle realisiert. Koch, Jahrgang 1954, ist seit 2013 Vizepräsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA).

Interview: Daniel Alexander Schacht

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