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Kultur Max Frischs "Andorra" im Ballhof
Nachrichten Kultur Max Frischs "Andorra" im Ballhof
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00:15 22.11.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Voller Einsatz: "Andorra" von Max Frisch hatte im Schauspielhaus Premiere. Quelle: Isabel Machado Rios
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Hannover

„Ich weiß gar nicht, wie ich Sie nennen soll“, hebt die Dame vom Flüchtlingsrat an, dann versucht Sie es mit: „Liebe Jüdinnen und Juden“. Das klingt merkwürdig und unbeholfen, aber es ist eben vieles merkwürdig und es sind manche unbeholfen, wenn es darum geht, Fremde bei sich aufzunehmen. Die Rede, die Katja Gaudard zu Beginn als Flüchtlingsbeauftragte hält, ist Teil einer „Welcome Gala“. Wir Zuschauer sind die Neuankömmlinge, uns wird – als eine Art Begrüßungsgeschenk - eine Geschichte erzählt, die sich vor vielen Jahren hier im Ort zugetragen hat, die Geschichte von Andri, dem Jungen, der nicht dazugehört, oder auch: „Andorra“ von Max Frisch.

Das Stück in solch eine Rahmenhandlung einzubinden, ist clever, denn so findet man eine probate Antwort auf die Frage nach dem Raum. Hier ist es nicht das Land Andorra mit den Häusern, die anfangs „geweißelt“ werden, hier ist es eine Turnhalle, die als Flüchtlingsunterkunft dient; in der Mitte stehen Feldbetten herum, hinten liegen Stapel gespendeter Kleidungsstücke, vorn ist die Sprossenwand.

Und ganz vorn an der Bühne (die Mareike Hantschel gestaltet hat) steht ein mobiler Absperrzaun, wie er für Baustellen benutzt wird. Weite Strecken über müssen die Zuschauer durch das Drahtgeflecht des Zaunes auf die Bühne schauen. So wirkt die Handlung merkwürdig entrückt. Andererseits sorgt Regisseurin Babett Grube auch dafür, dass uns das Lehrstück von Max Frisch phasenweise sehr nah kommt: Immer wieder eilen Darsteller nach vorn an den Zaun und sprechen - die Arme durch das Gitter gereckt, die Zuschauer direkt an. Das hat etwas Flehentliches. So als wüsste das Theater um die Schwierigkeiten dieses Modellstücks, das seit Jahrzehnten im Deutschunterricht gelesen wird und dessen Thema immer noch und immer wieder aktuell ist.

Es ist ein Theater, das mit einer einfachen Geschichte an die Einsicht der Zuschauers appelliert. Andri wird von seinem Vater als Judenkind ausgegeben. Er habe es vor „den Schwarzen“ gerettet, einem benachbarten Volk, das Juden als Feinde betrachtet und tötet. In Wirklichkeit aber ist Andri tatsächlich sein Sohn, die Judengeschichte war erfunden. Andri aber hat sich zwanzig Jahre lang die Zuschreibungen der anderen zu eigen gemacht. Jetzt fühlt er sich als Jude.

In diesem Moment öffnet sich in Babett Grubes Inszenierung der Bauzaun für eine Weile, Andri tritt in den Zuschauerraum, wo er in sich eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Der Zaun schließt sich wieder, Andri ist sichtbar wirklich und wahrhaftig ausgegrenzt. Das Bild ist einfach und klar, aber deshalb ja nicht falsch. Und der Monolog, den Günther Harder (der für diese Rolle ein bisschen zu alt scheint, zu fertig geformt, zu sicher) hier hält, ist sehr eindrucksvoll. Andreas Schlager zeigt an Andris Vater einen interessanten Wandel: von hemdsärmliger Gemütlichkeit zu kläglicher Angstsstarre. Mathias Max Herrmann, Katja Gaudard und Frank Wiegard geben diverse Andorraner - sie sind hintergründig oder offen böse, brutal und auch auf ansehnliche Art fies.

Der Einmarsch der „Schwarzen“, die „Judenschau“, bei der Andri „selektiert“ wird, und die Rechtfertigungsversuche der Andorraner, das alles wird nicht gespielt. Regisseurin Babett Gruber liefert eine nur 75 Minuten dauernde Kurzform des Stückes. Für Diskussionsbeiträge im Deutschunterricht aber dürfte das allemal reichen.

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