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So gut war das "Mozart Requiem"

Ballett-Aufführung im Opernhaus So gut war das "Mozart Requiem"

Choreograf Mario Schröder war mit seinem Leipziger Ballett und dem "Mozart Requiem" zu Gast im Opernhaus in Hannover. Warum das tänzerisch als auch erzähltechnisch beeindruckend gut war, erklärt Autorin Kerstin Hergt.

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Engelsgleich vom Schnürboden herab: Tänzer des Leipziger Staatsballetts im „Mozart Requiem“.

Quelle: Ida_Zenna

"Fast weinend schaue ich dich an, Sonne des April“, sagt der Lebende. „Der stille April lässt die Blumen erblühn auf deinem frischen Grab“, erwidert der Tote ein paar Zeilen später. Rezitator Alessandro Zuppardo trägt den „Dialog Lebender/Toter“ aus Pier Paolo Pasolinis Gedichtband „Die Nachtigall der katholischen Kirche“ mit sehr tiefer und sehr unheimlicher Stimme vor. So als handele es sich um einen Ruf direkt aus der Gruft. Währenddessen toben am Rand der Bühne eine weiße und eine schwarze Seele (Lou Thabart und Nikolaus Tudorin) um ein unschuldiges Kind (Urania Lobo Garcia). Diese Sequenz könnte die stärkste des Abends sein. Doch es kommt noch besser.

Aneinanderreihung tänzerischer und dramaturgischer Höhepunkte

Mario Schröders „Mozart Requiem“ ist eine einzige Aneinanderreihung tänzerischer und dramaturgischer Höhepunkte. Bereits bei der Uraufführung vor zwei Jahren wurden der Choreograf und sein Leipziger Ballett dafür von Publikum und Kritikern gefeiert. Jetzt gastierte Schröder mit seiner Company auf Einladung des hannoverschen Staatsballetts unter Leitung von Jörg Mannes im nahezu ausverkauften Opernhaus, um die Ostertanztage zu eröffnen. Einziger Wermutstropfen vor allem für eingefleischte Mozart-Fans war, dass der Thomanerchor und das Gewandhausorchester nur als Einspielung vom Band zu hören waren. Der Begeisterung des Publikums für die grandiose tänzerische Darbietung tat das jedoch keinen Abbruch.

Seine mehr als dreißig Tänzer setzt Schröder, der bereits 2014 in Hannover mit seiner traurig-schönen „Chaplin“-Inszenierung überzeugte, auf vielfältige Weise ein. Mal sind sie in Tutus gekleidet, mal weiß, schwarz oder rot gewandet (Kostüme: Andreas Auerbach). Auf Schaukeln schweben sie engelsgleich vom Schnürboden herab, finden sich hinter einer Leinwand zum Schattenspiel von Wandlern zwischen Diesseits und Jenseits ein oder schieben und schleifen einander über den Bühnenboden, als wollten sie die Last des Lebens versinnbildlichen.

Beeindruckende Kreuzigungsszene

Beeindruckend ist die Kreuzigungsszene zum von Mozart unvollendeten Lacrimosa, als das Ensemble Rezitator Zuppardo (im Hauptberuf Chordirektor an der Leipziger Oper) auf Händen über die Bühne trägt. Die Frauen scheren nacheinander aus und lassen sich diagonal auf den Bühnenboden fallen. Das Beste kommt jedoch zum Schluss: Als kurz vor dem Finale der 80 Minuten dauernden Vorstellung das Benedictus ansteht, kämpfen bei diesem Lobgesang die weiße und die schwarze Seele miteinander. Hochemotional, kraftvoll und elegant ist das Duell zwischen Lou Thabart und Nikolaus Tudorin. Zwischen abgesenkten Spiegeln agieren sie sozusagen im Angesicht des Todes.

Videoprojektionen von Augenpaaren, Erdgruben und waberndem Wasser sowie eine ausgefeilte Lichtregie (Andreas Auerbach und Michael Röger) machen das „Mozart Requiem“ zu einem poetischen und düsteren Gesamtkunstwerk, das nicht nur von Leben und Tod, Trauer und Hoffnung erzählt, sondern auch zwei Genies huldigt: Pasolini, der sozialkritische Regisseur und Publizist aus dem Italien der Nachkriegszeit, tritt in Dialog mit Mozart als einem der schillerndsten Figuren der Musikgeschichte. Was beide zudem eint, sind ihre mysteriösen Todesumstände. Sowohl um Pasolini als auch um Mozart ranken sich Mordkomplotttheorien.

Straff und temporeich

Das „Mozart Requiem“ erzählt Schröder straff und temporeich. Und doch gelingt es ihm, neben den gesprochenen Textpassagen auch mit traumverlorenen Duetten oder Soli meditative Momente zu schaffen. Überhaupt ist Zeit und wie man sie nutzt Schröders großes Thema. Im Anschluss an die Vorstellung gibt er in einem kurzen Publikumsgespräch mit Jörg Mannes Auskunft über die Motive für sein „Mozart Requiem“. Unsere Lebenszeit sei von Brüchen bestimmt, sagt er. „Von heute auf morgen kann sich alles ändern - wie jetzt gerade in Brüssel“, führt er weiter aus. Politisch wird er nicht. Im Verlauf des Gesprächs plaudert er übers Tanzen und Choreografieren.

Doch diese kurze Anmerkung über den zu diesem Zeitpunkt nur wenige Stunden zurückliegenden Anschlag in der belgischen Hauptstadt zeigt, wie sehr auch jemand, der mit seinen Stücken einlädt, dem Alltag zumindest für kurze Zeit zu entrücken, im Hier und Jetzt verankert ist. Mozart, schwärmt Schröder, sei sehr geerdet gewesen. Schröder ist es auch. Das trägt zu seinem Erfolg bei.

Am Sonnabend gastiert die Choreografin Sasha Waltz mit dem dreiteiligen Ballettabend „Sacre“ im Opernhaus. Kartentelefon (0 511) 99 99 11 11.

Kerstin Hergt

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