Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ballhof Hannover: „Krieg ist Dreck“
Nachrichten Kultur Ballhof Hannover: „Krieg ist Dreck“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:05 04.03.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Wie von der Welt statt von Gott gesandt: Juliane Fisch als bodenständige Jungfrau von Orleans. Quelle: Sandal
Hannover

Und wenn das alles Blut wäre? Kein Schlamm, sondern Blut? Dann wäre es wohl auch ganz richtig. Schließlich heißt es in dem Botenbericht über die große Verteidigungsschlacht der Franzosen: „Ein Schlachten wars, nicht eine Schlacht zu nennen! / Zweitausend Feinde deckten das Gefild, / Die nicht gerechnet, die der Fluß verschlang, / Und von den Unsern ward kein Mann vermißt.“

So kämpfen manche wohl, wenn sie überzeugt sind, dass Gott es ist, der ihnen das Schwert führt: mitleidlos. In seiner „Jungfrau von Orleans“ - zum ersten Mal aufgeführt im Jahr 1801 - erzählt Friedrich Schiller von einer Gotteskriegerin: der heiligen Johanna von Orléans, die im 15. Jahrhundert das französische Heer gegen englische Angreifer führte. Schiller hat sein Stück „eine romantische Tragödie“ genannt, weil die Liebe ihm in seiner sehr freien Nacherzählung des Mythos genauso wichtig ist wie Glaube und Tod.

In der Inszenierung von Claudia Bauer im hannoverschen Ballhof bleibt für Romantik allerdings wenig Platz. Die Regisseurin hat (gemeinsam mit Bühnenbildnerin Patricia Talacko) den Spielort als Schlachtfeld im Regen angelegt. Oder als Rutschbahn. Gerutscht wird auf einer Schlammschicht, einer Pampe aus Lehm. Alle Akteure sind gezwungen, sich vorsichtig zu bewegen, damit sie nicht stürzen. Das (und die Kleidung, die im Wesentlichen aus Regencapes besteht) lässt die Dorfbevölkerung aus Johannas Heimat in der Provinz recht tapsig erscheinen, gerade wenn die Leute ihrem Hobby, dem Volkstanz, frönen.

Später dagegen, wenn’s ans Schlachten geht, ist Hinstürzen Pflicht. Da pflügt man durch den Dreck, dass der Lehm bis kurz vor die erste Reihe spritzt. Selbst der kostbar wirkende rote Vorhang, der sich in den Szenen am Königshof herabsenkt, tunkt in die Pampe ein und wird gern auch mal zum Säubern des beschmierten Gesichts benutzt. Wer muss das am Ende eigentlich alles wieder sauber machen? (In solchen Schlammschlachten zeigt sich das Theater immer besonders als hierarchisch strukturierter Betrieb: Selbstverständlich gibt es Leute, die die Waschmaschinen befüllen und die Schlammspritzer von der Leinwand entfernen, sie sind hier gut beschäftigt, treten aber dienstbotengleich kaum in Erscheinung.)

Das Spiel mit dem Schlamm, das bis zum Ende andauert, ist recht witzig. Und: Warum auch nicht? Der Schlammeinsatz ist der legitime Versuch, Schillers romantische Tragödie für ein junges Publikum aufzupeppen. Das Stück wird ja auch im Ballhof gespielt, der Bühne des „Jungen Schauspiels“. Allerdings empfiehlt das Theater das Stück erst für Besucher, die älter als 16 sind. Warum das dann unter dem Label „Junges Schauspiel“ läuft, ist nicht recht klar.

Jede Inszenierung der „Jungfrau von Orleans“ hängt an der Hauptrolle. Die ist meist sogar wichtiger als all die Ideen, wo und wie die Sache zu spielen sei. Hier ist Juliane Fisch in der Titelrolle zu sehen. Sie ist nicht sehr ätherisch, eher bodenständig, auffallend frisch, trotz all des Regens. Sie wirkt, als sei sie von der Welt und nicht von Gott gesandt. Das schwierige Ende, bei dem sie der Liebe zum Engländer Lionel entsagt und den Kampf wieder aufnimmt, gelingt ihr durchaus glaubwürdig. Diese letzte große Schlacht findet nicht auf dem Feld statt, sondern in der Künstlergarderobe.

Auf der großen Projektionsfläche über der Bühne ist ein Video zu sehen, das Johanna vor dem Schminkspiegel zeigt. Fast schon abgeschminkt, schminkt sie sich endlich auch die Liebe ab und sticht zu. Mit einer Schere. Und Lionel (Daniel Breitfelder als langmähniger Strahlemann) sinkt röchelnd nieder.

Kann man machen. Wie man ja überhaupt vieles mit Schiller machen kann. Seine Sprache musikalisch begleiten zum Beispiel. Vorn auf der Bühne hat der Musiker Peer Baierlein Platz genommen und illustriert das Spiel mit Sounds von der Festplatte und live gespielter Blasmusik. Das ist sehr spannend und stellt sich nie gegen den Text, der hier immer gut zur Geltung kommt. Die Regisseurin hat anständig gekürzt, aber es gelingt ihr doch, Schillers Sprache funkeln zu lassen.

In gut anderthalb Stunden ist die Geschichte der Gotteskriegerin erzählt, tagespolitisch aktuell wird es dabei nicht (denn von heutigen Gotteskriegern ist nie die Rede), aber die Geschichte wirkt durchaus wie von heute.

Eigentlich kann man kaum mehr tun, um Jugendliche für diesen Stoff zu begeistern. Aber ob sie sich wirklich begeistern lassen? Das ist schwierig, aber nicht ausgeschlossen. Deutschlehrer sollten jedenfalls die Gelegenheit nutzen und dieses schnell gespielte Schlammstück mit ihren Klassen besuchen. Da erfahren die Schüler dann etwas über Schiller, über große Ideen von Macht und Bestimmung, vom Mut (und wohl auch der Verzweiflung) des zeitgenössischen Theaters. Und vielleicht sehen sie auch, wie aus Schlamm Blut werden kann.

Weitere Aufführungen am 8., 15. und 30. März. Karten: (0511)99991111.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Reden über das Unbeschreibbare: Die Kriegsreporter Carolin Emcke und Arnon Grünberg in der Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“

Jutta Rinas 04.03.2013
Kultur Neues Album „Girl Talk“ - Kate Nash macht jetzt Rotzpunk

Kate Nash feuert auf ihrem dritten Album „Girl Talk“ den Geschlechterkampf an. Die 25-Jährige zeigt Anti-Feministen den musikalischen Mittelfinger.

06.03.2013

Die russische Ausländerpolizei und Kosaken stören ein Theaterspektakel in Moskau mit dem Schweizer Milo Rau. Der Regisseur lässt in einer Show Staat und Kirche gegen die Kunst antreten. Die Debatte um Russlands Kulturkampf missfällt einigen.

03.03.2013