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Kultur Banksy: Antikapitalismus für den Schredder
Nachrichten Kultur Banksy: Antikapitalismus für den Schredder
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16:13 12.10.2018
Das Auktionshaus Sotheby’s in London will den geschredderten Banksy am Wochenende ausstellen. Quelle: Tristan Fewings/Getty Images for Sotheby's
London

Klar, Banksys Aktion war ein Coup: Bei der Aktion von Sotheby’s in der vergangene Wochen war sein „Girl With Balloon“-Bild ohnehin gefragt. Die Interessenten ließen den Auktionator immer wieder neue, höhere Preise ausrufen. Eine anonyme Bieterin am Telefon erhielt den Zuschlag: Das Banksy-Bild war für 1,2 Millionen Euro ihres. Dann surrte es, die Hälfte des Bildes rutschte durch den Rahmen und kam unten in geschredderten Streifen wieder heraus.

Das Internet feierte den Künstler: Wie klug er die Mechanismen des Kunstmarktes zeigte, wie gewitzt er doch sein eigenes Werk zerstört hat. Doch eine Aktion, um gegen den Kunstmarkt zu protestieren, kann Banksys Schredder-Performance nicht gewesen sein. Denn er spielt mit den Regeln des Kunstmarktes – wie sein jüngster Schachzug in Sachen Schreddern zeigt: Der Street-Art-Künstler, der sich in seinen Motiven häufig als Antikapitalist äußert, hat das geschredderte Ding neu getauft: „Love is in the Bin“ heißt das Kunstwerk nun.

Banksy: Nach der Schredder-Aktion verdoppelt sich der Wert des Bildes

Nach der Aktion hat sich der Wert des Kunstwerks laut Experten verdoppelt, denn das Bild, das es vorher in unendlicher Auflage gegeben hat – mal in teurer, limitierter, signierter Auflage, mal als billige Poster-Kopie – ist nun unangefochten ein Einzelstück. Mit dem Original tat sich Banksy bisher schwer: Ursprünglich waren seine Werke an den Wänden der Stadt fixiert – insofern ist es unmöglich, sie als Original zu verkaufen. Insofern musste er Kopien anfertigen, um sie überhaupt zu verkaufen.

Dazu ist der Künstler Banksy völlig anonym – er könnte ein Kollektiv, eine Frau oder ein Mann sein. Deswegen kann er aber auch die Authentizität von Werken nicht bestätigen. Das übernimmt die Agentur „Pest Control“, die Zertifikate für die Echtheit von Banksys ausstellt – ein Hilfsmittel. Denn wirkt die Bindung an den Künstler sehr viel stärker, wenn er selbst die Echtheit bestätigt.

Doch nun, mit der Veränderung des Werkes vor den Augen des Publikums – und das Bild wurde verändert, nicht zerstört – hat Banksy ein absolutes Original geschaffen. Sotheby’s nennt das Bild nun gar einen Teil der Kunstgeschichte. Laut der Webseite „My Art Broker“, die auch Banksy-Werke vertreibt, hat ein Sammler seinen 40.000-Euro-Banksy-Print ebenso fein säuberlich zerschnitten, damit es im Wert steigt. Kann es aber nicht: Denn es war nicht Banksy, der den Schnitt durch eine Kunst-Aktion adelte.

Banksy ist ein Spieler – er weiß, welchen Stand er hat. Solch einen Stunt kann nur ein etablierter Künstler durchziehen. Sollte ein unbekannter Künstler beim Verkauf in der Ausstellung dem Käufer das Bild aus der Hand schlagen und halb zerstören, dann lächelt das Kunstpublikum höchstens über diese ständigen Marotten der Künstler. Doch den Preis des Bildes steigert er dadurch nicht. Der unbekannte könnte diese Aktion höchstens zu seinem Markenzeichen machen, zu seiner Aufmerksamkeits-Marketing-Strategie machen.

Aufmerksamkeit durch Schreddern

Denn eine fest Währung des Künstlers ist die Aufmerksamkeit: Banksy hatte auch schon vor seinem Schredder-Coup genügend davon, man kann es sogar in Zahlen ausdrücken: Auf seinem Instagram-Profil folgt er keinem anderen, er aber hat 4,6 Millionen Follower. Doch die Nachfrage bei Google zeigt, wie sehr nun wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Auch wenn er kein Geld aus dem Verkauf des Bildes bei der Skandal-Auktion sehen dürfte – das Werk wurde aus einer Sammlung heraus verkauft – ist er doch wieder im Gespräch. Und das wiederum dürfte die Nachfrage nach seinen Arbeiten steigern.

So wurde und wird das Stichwort „Banksy“ bei Google gesucht – ab Anfang Oktober gibt es eine starke Nachfrage. Quelle: Screenshots/Google Trends

Was Banksy hilft: Das Auktionshaus Sotheby’s steigt auf die Aktion mit ein: Am Wochenende soll das zerschnittene „Love is in the bin“ nach der Neutaufe als das neueste, jüngst fertig gestellte Werk von Banksy laut einer Pressemitteilung in London ausstellen. Auch die neue Besitzerin freut sich: Sie möchte das Bild behalten. Sotheby’s hat den Kauf gerade bestätigt.

Hätte Banksy gegen den Kunstmarkt protestieren wollen, hätte er das Kunstwerk komplett zerstören müssen – mit säuberlichen Streifen ist es nicht getan. Das ist keine Zerstörungswut, sondern eine kalkulierte Aufmerksamkeitsstrategie.

Von Geraldine Oetken / RND

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