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Kunstfestspiele Herrenhausen Barock und Pop

Die Uraufführung der Oper „George" von Elena Kats-Chernin bei den Kunstfestspielen Herrenhausen ist nur teilweise geglückt.

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 Die Oper „George" mutiert zur Castingshow.

Quelle: dpa

Hannover. Er wird hereingetragen, in prachtvollem Gewand, und ist - das merkt man sofort -, doch nur das Zerrbild eines Herrschers. Vornehm, mondän, will dieser Georg I. in der Oper „George“ bei den Kunstfestspielen Herrenhausen wirken. Doch Countertenor Jochen Kowalski arbeitet mit Lust an der Groteske heraus, dass seine Majestät nur das Abziehbild eines Königs ist. „I am the king and you are the rest“, schmettert er bei der Premiere in der ausverkauften Orangerie Herrenhausen dem Publikum entgegen. Das schlechte Englisch Georgs I. ist historisch verbrieft - und wird von Kowalski in höchsten Tönen (leider stimmlich nicht immer ganz auf der Höhe) zelebriert: „My English“, singt er und widerlegt sich gleich selbst: „wird schon besser“.

Mit der Uraufführung der Oper „George" endeten die diesjährigen Kunstfestspiele.

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Es war in diesem Jahr in Hannover anlässlich der Feierlichkeiten rund um 300 Jahre Personalunion schon viel von George die Rede. Meist war King George gemeint, Georg I., Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg und König von Großbritannien. Es ist also keine Überraschung, dass man dem Herrscher in der Uraufführung von „George“ wiederbegegnet. Die australische Komponistin Elena Kats-Chernin und ihr Librettist und Regisseur, der Filmemacher Axel Ranisch, stellen dem König - und das ist ein schöner Einfall - noch einen zweiten George gegenüber: Georg Friedrich Händel, der schon am Hof in Hannover für Georg I. komponierte - und auch in England dessen Lieblingskomponist blieb. Die beiden Namensvetter bilden den Dreh- und Angelpunkt in einem Stück, das als wild zwischen Fiktion und Wahrheit hin- und herspringende Groteske durchaus seine Reize hat.

Es birgt aber auch manche Probleme. „George“ war im Vorfeld als rauschendes Finale im Rahmen der Feierlichkeiten rund um die große Landesausstellung über Hannovers Herrscher auf Englands Thron angekündigt und mit Spannung erwartet worden. Das Theater für Niedersachsen (TfN) brachte das Auftragswerk mit Ideengeberin Danya Segal und in Kooperation mit den Niedersächsischen Musiktagen und den Kunstfestspielen Herrenhausen heraus. Es war zugleich das Abschlussstück der Kunstfestspiele, eine Produktion, die noch bis zum 28. September in Herrenhausen - und danach in Wolfenbüttel, Hildesheim und Celle zu sehen ist. Die Inszenierung ist leider nur in Teilen geglückt.

Das liegt zum Einen an der zu stark zusammengeklitterten Geschichte. Kats-Chernin und Ranisch erzählen im Kern davon, wie Georg I. in England eine Oper bei dem finanziell und gesundheitlich schwer angeschlagenen Händel (in einer Sprechrolle: Heiko Pinkowski) in Auftrag gibt. Dieser, enttäuscht von Lieblingssänger Sino (gemeint ist der berühmte Kastrat Senesino), reist nach Italien, um neue Sänger zu engagieren - und scheitert. Liebe ist da im Spiel, Kränkung, Eitelkeit, - allein das würde als Opernstoff reichen. Aber in „George“ wird noch viel mehr erzählt. Händels nicht bewiesene, aber oft vermutete Homosexualität wird thematisiert: Händel hat hier ein Liebesverhältnis zu Sino (Denis Lakey). Der Schlaganfall des Komponisten von 1737 spielt eine Rolle, auch Händels Hinwendung zu Gott nach seiner Genesung. Es gibt eine Oper in der Oper, in der es um feine Damen und Kinder ohne Väter geht. Dazu taucht zweimal Händels Vater (Levente György) auf: einmal als eine Art Gruseldoktor, der im Keller seines Hauses anatomische Versuche betreibt, während Klein-Händel oben vor sich hin musiziert, einmal als von den Toten auferstandener Geist. Warum er überhaupt auftritt? Warum überdies zwischendurch Tänzerinnen in Ganzkörperanzügen über die Bühne schweben? Man versteht es nicht.

Problematisch ist überdies, dass eine zentrale Szene, ein Sängerwettstreit in Italien, misslingt. Sie ist als Castingshow à la Dieter Bohlen inszeniert, unter anderem tauchen ein Rapper, der über seine Eltern herzieht, und eine Schlagersängerin auf. Das wirkt ziemlich schräg in einer Oper, leider klingt es manchmal auch stimmlich so - und die Pointen sind ziemlich müde.

All das überdeckt, was die Stärken dieser Oper ausmacht - und sie tatsächlich zu einem Ereignis hätte machen können. Die Klangsprache von Elena Kats-Chernin - gut übersetzt von einem Kammerensemble des TfN unter Werner Seitzer - ist zwar denkbar weit von Avantgardemusik entfernt. Sie ist eher ein die Musikgeschichte wild zitierendes Potpourri verschiedener Stile. Aber sie ist originell, eine Mischung aus Minimalmusic und Barockmusik, garniert mit Neue-Musiktönen und süßlich klingenden Popmelodien - und im letzten Drittel entwickelt sie eine bemerkenswerte Dynamik. Das hat auch mit Finella (Eleanor Lyons) zu tun: einer Art Weltraumprinzessin in silbriger Montur, die als „übermenschliches Gesangswunder“ angekündigt wird und tatsächlich herausragend singt. Hier hat man endlich das Gefühl, die Macher der Oper finden zu sich - und zu einem eigenwilligen Stück Musik, das zwar respektlos, aber zugleich auch lust- und gehaltvoll mit der historischen Figur Georg Friedrich Händels umgeht. Leider kann man das nicht von dem ganzen Werk sagen.

Die hannoverschen Vorstellungen von „George“ sind allesamt ausverkauft.

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