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So neu ist Hannovers Alte Musik

Barockszene auf Wachstumskurs So neu ist Hannovers Alte Musik

Neues aus der Alten Musik: Hannovers traditionsreiche Barockszene ist mit viel frischem Schwung auf Wachstumskurs.

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Symbolbild

Quelle: dpa

Hannover . Der Name ist nicht sehr glücklich: Alte Musik ist nämlich alles andere als veraltet. Kaum etwas hat die Welt der klassischen Musik in den vergangenen Jahrzehnten so sehr geprägt, wie der Umgang mit Kompositionen der Barockzeit. Die eher behelfsmäßig sogenannte historische Aufführungspraxis, also das Bemühen, Werke im Geist und mit den technischen Möglichkeiten ihrer Entstehungszeit aufzuführen, hat einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Pioniere wie Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt wurden Mitte des vergangenen Jahrhunderts als musikalische Extremisten erst belächelt und später sogar bekämpft. Doch das liegt lange zurück: Heute sind ihre nicht selten durch langwierige (und nicht immer vollständig wohlklingende) Experimente gewonnenen Erkenntnisse wichtige Grundlagen für jeden ernsthaften Musiker.

In Hannover gibt es eine eigene, sehr reiche Tradition in diesem Bereich. Treibende Kraft war zu Beginn der Cembalist und Organist Lajos Rovatkay, der 1975 an der Musikhochschule die Leitung des Studios für Alte Musik übernahm. Die Folgen davon waren schnell zu spüren: Rovatkays Schüler gründeten bald eigene Ensemble, die zum Teil bis heute aktiv sind. Längst unterrichten einigen von ihnen selbst an der Hochschule und bringen immer mehr, immer besser ausgebildete Absolventen hervor.

Und weil die etablierten Ensembles der Stadt inzwischen kaum noch neue Mitspieler aufnehmen können, entstehen gerade verschiedene neue Barockorchester in Hannover. Deren Mitglieder sind inzwischen nicht nur auf Alte Musik spezialisiert. Anders als die erste Generation der Barockmusiker, auf deren Erfahrungen sie aufbauen können, sind sie oft auf historischen und modernen Instrumenten gleichermaßen versiert.

Dass es angesichts dieses neuen Angebots zu einem harten Wettbewerb in der bislang sehr kollegialen Szene kommen wird, ist wegen einer hannoverschen Spezialität aber nicht sehr wahrscheinlich: Die meisten Auftrittsmöglichkeiten ergeben sich gerade für die jungen Ensembles in Zusammenarbeit mit den vielen Chören der Stadt. Deren Leiter sind selbst oft stark von der speziellen Ausbildung an der hannoverschen Hochschule geprägt.

Und auch Altmeister Lajos Rovatkay ist mit über 80 Jahren noch aktiv: Er bemüht sich, mit dem Forum Agostino Steffani eine neue Reihe für Barockmusik in der Stadt zu etablieren, die auch den jungen Musikern ein Podium bietet.

L'Arco

Es muss nicht immer die Kirche sein: Das Barockorchester L’Arco war gerade auch auf der Leinwand zu sehen. Die Musiker hatten einen Auftritt in dem Film „Bach in Brazil“, der auch den Knabenchor Hannover ins Kino gebracht hat. Mit dem Knabenchor verbindet das von Konzertmeister Christoph Heidemann geleitete Ensemble eine langjährige Zusammenarbeit. Darüber hinaus ist das Orchester aber viel im ganzen norddeutschen Raum unterwegs – vor allem, wenn es gilt, Oratorien und ähnliche Werke aufzuführen. Rund 25 Konzerte im Jahr kommen auf diese Weise zusammen. Die Zahl 25 wird im kommenden Jahr eine größere Rolle spielen: Dann besteht L’Arco seit einem Viertel Jahrhundert. Zur Feier ist ein größeres eigenes Projekt geplant.

Hannoversche Hofkapelle

Der Klang dieses Ensembles ist allgegenwärtig. Zumindest in Herrenhausen, wenn abends zur Illumination im Großen Garten Musik von Georg Friedrich Händel erklingt. Die kommt von einer CD der Hannoverschen Hofkapelle. Mit ihrer vor drei Jahren veröffentlichte Aufnahme der „Wassermusik“ wurde das Ensemble auch mit einem Echo Klassik ausgezeichnet.

Seit 1996 spielen die Musiker der Hofkapelle unter diesem Namen und der Leitung ihrer Konzertmeisterin Anne Röhrig. Die Wurzeln des Klangkörpers reichen aber weiter zurück. Schon 1981 gründete Lajos Rovatkay, der damals das Studio für Alte Musik an der Musikhochschule leitete, die Capella Agostino Steffani. Ziel war unter anderem die Wiederentdeckung der Werke ihres Namensgebers, der am hannoverschen Hof Leiter der Kapelle war.

Inzwischen hat sich das Repertoire der Hofkapelle stark erweitert. Ausgehend von der Barockmusik hat sie sich über Mozart-Opern und andere klassische Werke bis in die Romantik vorgearbeitet. Dabei ist die Anzahl der Musiker naturgemäß sehr unterschiedlich. Die Stammbesetzung aus 22 Mitgliedern kann auf bis zu 40 Musiker ausgeweitet werden. Regelmäßig ist die Hofkapelle im Sylvesterkonzert in der Neustädter Hof- und Stadtkirche sowie in Konzerten des Ring Barock der Radiophilharmonie zu hören. Das jüngste Projekt ist eine geplante Aufnahme von Händels „Feuerwerksmusik“. Um sie zu finanzieren, sammelt das Orchester derzeit Spenden.

Concerto Foscari

Der Name ist Programm: Der Palazzo Foscari war die Residenz in Venedig, in die sich die Welfen während der Karnevalszeit in Venedig zurückzuziehen pflegten. Der venezianische Karneval war die Blütezeit der Oper und der Musik, an die das vor anderthalb Jahren gegründete Concerto Foscari anknüpfen möchte. Unter Leitung des israelischen Lautenspielers Alon Sariel, der unter anderem in Hannover studiert hat, möchten sich die Musiker aus Deutschland, Frankreich und Spanien künftig Projekten mit speziellen Hannover-Bezug widmen. Außerdem sollen Konzerte für Kinder und andere Vermittlungsprojekte einen breiten Raum bei der Arbeit des Ensembles einnehmen. Ein erster Schritt ist ein Festkonzert zum 370. Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz am Freitag, 1. Juli, um 19.30 Uhr in der Neustädter Hof- und Stadtkirche. Zu hören sind Werke französischer Komponisten, die der Universalgelehrte vor seiner Zeit in Hannover gehört haben könnte. Karten gibt es unter Telefon (05 11) 12 12 33 33.

Musica Alta Ripa

Nur fünf Musiker gehören zum Kern von Musica Alta Ripa. Das unterscheidet dieses Ensemble von den übrigen Barockorchestern. Mit Bernward Lohr und Anne Röhrig gehören zwei Persönlichkeiten zu Musica Alta Ripa, die über ihre Lehrtätigkeit nicht nur die hannoversche Barockszene in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben. Kein Wunder also, dass das schon 1984 gegründete Ensemble selbst vielfach preisgekrönt ist. Von den fünf Gründungsmitgliedern sind vier immer noch aktiv dabei. Umso abwechslungsreicher ist das Programm des Ensembles, das bei seinen Auftritten auch mit Tänzern, Clowns und Lichtkünstlern zusammenarbeitet. Im nächsten Konzert am 31. Juli in Baddeckenstedt stellen die Musiker aber ohne außermusikalische Unterstützung ihre neue CD mit englischer Musik vor. Karten unter Telefon (05 11) 16 84 12 22.

La Festa Musicale

Alte Musik, junge Musiker: Das Ensemble La Festa Musicale hat vor zwei Jahren erstmals in der Region von sich hören lassen. Zusammengefunden haben sich die Mitglieder aber teilweise schon bei „Jugend musiziert“. Die Begeisterung für die Alte Musik haben sie von ihren Lehrern bekommen: Fast alle hohen Streicher des bis zu 20-köpfigen Ensembles haben zum Beispiel bei Anne Röhrig an der hiesigen Musikhochschule studiert, der Konzertmeisterin der Hannoverschen Hofkapelle. Zusätzliche Einflüsse kommen aus den Musikhochschulen in Bremen, Den Haag und Berlin. Konzertmeisterin Anne Maria Harer führt so ein Ensemble an, dessen Mitglieder auch solistisch eine gute Figur machen können, was vor allem in eigenen Projekten zu hören ist. Gute Kontakte zu den jüngeren hannoverschen Chorleitern führen aber auch dazu, dass La Festa Musicale vor allem bei Oratorien zu hören ist – zuletzt bei den Chortagen vor drei Wochen.

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