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Bayreuther Festspiele beginnen mit „Tannhäuser“-Neuinszenierung

ABM am Venusberg Bayreuther Festspiele beginnen mit „Tannhäuser“-Neuinszenierung

Die Bayreuther Festspiele schauen geradewegs nach vorn. Da kann man sich in der Gegenwart schon mal in Sackgassen verlaufen. Dass dies die 100. Festspiele sind (deren Geschichte allerdings 1876 begann) wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass man 60 Jahre Neu-Bayreuth feiern könnte: die etwas verlogene Entnazifizierung eines nicht erst im Dritten Reich in Misskredit geratenen Unternehmens.

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Blutige Hände am Grünen Hügel: Elisabeth (Camilla Nylund) und Tannhäuser (Lars Cleveman) im Bayreuther „Tannhäuser“.

Quelle: dpa

Damals räumten Wieland Wagner und (vorübergehend) auch sein Bruder Wolfgang auf mit den Bildern von gestern. Nach solcher szenischen Aufgeräumtheit konnte man sich jetzt zum Auftakt der diesjährigen Festspiele sehnen, weil der neue „Tannhäuser“ zugeschüttet war mit Bildsignalen.

Die aber waren weniger erhellend als verstellend (die Sicht beispielsweise), die moderne Attitüde hatte etwas von Avantgarde-Resterampe. Da war die Publikumsreaktion nach dem ersten Akt vielleicht besonders angemessen: sekundenlanges Schweigen, dann müder Applaus für die Musik. Niemand mochte sich echauffieren. Am Ende aber gab es doch einen übermächtigen Buh-Sturm für das Produktionsteam rund um Regisseur Sebastian Baumgarten: ein sehr melodisches, anhaltendes „Buuuuh“, kein wütend hervorgestoßenes. Hannovers Theaterfreunde kennen Baumgarten übrigens schon als Schauspielregisseur (mit „Richard III.“ und „Faust“) – und werden ihn nächstens Jahr mit Puccinis „Il Trittico“ auch als Opernregisseur kennenlernen.

Von den Neuinszenierungen, mit denen Bayreuth in den vergangenen Jahren den Anschluss an die zeitgenössische Opernregie suchte, ist dies wohl die verfahrendste. Und der Misserfolg hatte viele Väter. Der Pate war noch Festspielpatriarch Wolfgang Wagner (beziehungsweise dessen entscheidungsfreudige Ehefrau Gudrun). Die jetzt amtierenden Wolfgang-Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier könnten also ihre Hände in Unschuld waschen (auch wenn Letztere ihr Renommee als Stimmenfachfrau aufs Spiel setzte).

Vier Schichten übermalen das Bild, das der Regisseur Baumgarten vom „Tannhäuser“ skizziert. Davon ist die dünnste am leichtesten zu übersehen: Was da an „Rammstein“-Zitaten eingeblendet wird, tut nicht viel zur Sache. Zudem dürften die deutschen Bedeutsamkeitsrocker den meisten Bayreuth-Pilgern eher fremd sein. Die zweite Ebene steuert Videokünstler Christopher Kondek bei, aber weil dessen Projektionen wegen des sperrigen Bühnenbilds schwer zu erkennen sind, kann man Thorax-Röntgenaufnahmen, Zellteilungsbilder und Heiligenikonen auch übersehen. Die dritte Ebene steuert Dramaturg Carl Hegemann bei, doch dessen Diskursmoden samt Zuspielfilmen und Pausenfüllern sehen immer nur nach Hegemann aus.

Am gewichtigsten ist, was der niederländische Künstler Joep van Lieshout als Bühnenbild aufbauen ließ. Der hat sich mit seinem AVP (Atelier Van Lieshout) auf Objekte spezialisiert, die mit den Themen Autarkie, Macht, Politik und Tod arbeiten. Was hier auf der Bühne steht und ein ewiger Kreislauf von Nahrung, Alkohol, Wiederverwertung und Energie sein soll, ist nicht nur ein sperriges Thema, es ist auch ein sperriges Bild: Es behindert Auftritte und Abgänge, es ist von den Seiten des Amphitheaters aus schwer, manchmal gar nicht einzusehen (was etwa Wolfram mit Elisabeth anstellt, bleibt den Zuschauern am rechten Rand verborgen).

Wer all das abzieht, der erlebt in Bayreuth eine „Tannhäuser“-Deutung mit durchaus ungewöhnlichen Aspekten, mit überraschenden Einsichten – und mit teilweise erfreulich genauer Personenführung. Nur dass die in Rom seelisch gesäuberten Pilger jetzt als Waschzwangautomaten heimkehren, ist dann doch etwas übertrieben.

Der Venusberg ist hier ein runder Käfig, in dem sich Kaulquappen (Samenfäden!) und Affen tummeln. Venus ist hochschwanger, was eigentlich aus der sündigen Lust doch ein gottgefälliges Treiben machen müsste. Dafür ist Elisabeth nicht ganz so unschuldig, wie man denkt. Sie wirft sich an Tannhäuser ran, beide verschwinden vor dem Sängerkrieg (für einen Quickie?) kurz im Venusberg. Und nach des Sängers bösem Lied inszeniert sie sich mit selbst gemachten Stigmata schon mal als kommende Heilige.

Wolfram wiederum sperrt Elisabeth in die (Gas?)Kammer ein, was aber die Rechtssitzenden nicht sehen können, und singt statt des Abendsterns die hochschwangere Venus an. Die wiederum sorgt nach dem eher schlicht inszenierten Zauber mit dem ergrünenden Pilgerstab für ein viel größeres Wunder. Der Venusberg-Kreissaal wird zum Kreißsaal. Und das Neugeborene (Tannhäusers Sohn?) zum Heilsbringer. Der Held ist tot, die Heilige ist heilig, und der Rest ist versöhnt. Oder so ähnlich.

Wer sich an diesem Premierenabend wenigstens von der Musik klarere Antworten erhofft hatte, wurde nur teilweise befriedigt. Dirigent Thomas Hengelbrock, ein Bayreuth-Debütant wie fast alle, sorgte mit einer manchmal etwas kleinteiligen, aber sehr genauen Interpretation für Einblicke. Manche Details klangen wie neu, allerdings fehlte manchmal doch der große Bogen, das Sehnsuchtsvolle, Triebhafte.

Und der etwas trockene Ton ließ Camilla Nylunds Vibrato größer wirken, als es ist. Ihre vor allem in den Pianotönen anrührende Elisabeth war dennoch die stärkste Leistung, wenn man vom Chor absieht, der am Schluss zu Recht den allergrößten Beifall ernten konnte. Eher problematisch war die zur Schärfe neigende (und am Ende angebuhte) Venus von Stephanie Friede.

Lars Cleveman neigte als Tannhäuser zum „bayreuth bark“, wie G. B. Shaw das heldische Tönestoßen schon vor mehr als 100 Jahren bezeichnete. Michael Nagy wusste als Wolfram zwar nicht immer wohin mit den Händen (Elisabeth wusste sich zu wehren) und mit den Tönen, bekam aber als Guter vom Dienst viel Beifall.

Zum Ende blendete die Inszenierung Richard Wagners Bekenntnis ein, er sei der Welt noch einen (überarbeiteten) „Tannhäuser“ schuldig. Da ist er nicht der Einzige.

Regisseur Baumgarten hatte schon vorab verkündet, in der kurzen Probezeit könne man in Bayreuth kaum mehr als eine Arbeitsgrundlage für die viel beschworene „Werkstatt Bayreuth“ schaffen. Insofern wäre seine Inszenierung als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu werten.

Alle Produktionen in Bayreuth sind ausverkauft. Die „Lohengrin“-Aufführung am 14. August wird live auf „arte“ übertragen.

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