Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Die Vogelhochzeit

Bayreuther Festspiele Die Vogelhochzeit

Kunst oder komisch? Bei den Bayreuther Festspielen waren nun "Die Walküre" und "Siegfried" zu sehen. Doch die opulent ausgestattete Inszenierung von Frank Castorf gefiel nicht jedem Zuschauer.

Voriger Artikel
Religionen mit Tiefenschärfe
Nächster Artikel
"Ai Weiwei ist Künstler, kein politischer Aktivist"

Werkstatt Bayreuth: Catherine Foster als Brünnhilde und Stefan Vinke als Siegfried (oben), Johann Botha als Siegmund und Anja Kampe als Sieglinde (links).

Bayreuth. Die Krokodile sind dann doch ein bisschen viel. Fast drei lange Opernabende schien das Bayreuther Publikum seinen Frieden mit Frank Castorfs wild fabulierender, anfangs heftig umstrittener „Ring“-Inszenierung gemacht zu haben. Selbst der viel bespöttelte Drachenmord per Kalaschnikow löst inzwischen kaum noch Unmut aus. Aber wenn sich beim Schlussduett des „Siegfried“ träge die Reptilien über die Bühne wälzen, die hier Wagners „felsige Höhe“ vorstellen soll, entweicht manchem Zuhörer ein Stöhnen. Als sich kurz darauf der Vorhang schließt, gibt es erst einmal einen heftigen Buh-Sturm.

Mindestens eines muss man der Inszenierung des langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne aber zugute halten: Sie ist nicht langweilig - sicher auch, weil der Regisseur seine vorab ausgegebene Gleichung „Öl entspricht Gold“ nur am Rande verfolgt. Spektakulär ausgestattet ist sie sowieso. Aleksandar Denic ist für seine atemberaubenden, raumfüllenden Drehbühnenbilder sehr zu recht mit Lob und Theaterpreisen überschüttet worden. Und so absurd viele Regieeinfälle auch erscheinen mögen - ganz sinnlos sind sie nie. Eines der Krokodile etwa verschlingt kurz vor Schluss den Waldvogel, der hier eine astreine Bordsteinschwalbe ist, und gibt Siegfried damit Gelegenheit, die Frau aus dem Schlund der Echse zu befreien. Nun kann er seine schon vorher begonnene Affäre mit ihr fortsetzen, bis Brünnhilde sich im letzten Takt wieder dazwischendrängt.

Der „Ring" ist detailscharf

Natürlich steht das so nicht im Libretto. Aber es erzählt doch viel mehr und Aufrichtigeres über Siegfried und Brünnhilde, als man sonst an dieser Stelle zu erfahren gewohnt ist. Die Musik gibt Castorf ohnehin recht. Auch wenn er in seiner nicht gerade fein ausgearbeiteten Personenführung manches Signal der Partitur überhört hat: Dass das Waldvögelchen mehr als ein possierliches Tier ist, hat der Regisseur Wagners eindeutiger Charakterisierung abgelauscht.

Dirigent Kirill Petrenko macht solch eine verfeinerte Wahrnehmung leicht. In der „Walküre“ und im „Siegfried“ setzt er fort, was er am Vorabend der Tetralogie begonnen hat: Sein „Ring“ ist außergewöhnlich detailscharf. Das beginnt im bei den tiefen Streichern gefürchteten Vorspiel zur „Walküre“, bei dem man jede Sechzehntelquintole mitschreiben könnte. Gleichzeitig weht doch heftiger Sturm durch diese Musik. Und wenn Castorf für den Feuerzauber lediglich ein banales brennendes Ölfass spendiert, klingt die Musik dafür umso erleuchteter: Kostbar ziseliert lodern hier die Flammen, die schließlich wunderbar leise Richtung Unendlichkeit verblassen.

Petrenko versteht es, expressive Bilder mit feinstem Pinselstrich zu zeichnen. Dafür braucht er nicht einmal viel Zeit - er wählt durchweg schnelle Tempi. Manchmal, etwa im ersten „Siegfried“-Akt, sind sie sogar rasant. Das verstärkt zwar die plumpe Brutalität, mit der Wagner seinen Siegfried hier ausstattet, bringt aber gelegentlich den Sänger des Titelhelden in Bedrängnis. Der neu besetzte Stefan Vinke allerdings bewältigt die Partie auch andernorts eher, als dass er sie gestaltet.

Starke Sänger

Das kann man von den anderen Sängern nicht behaupten. Wolfgang Koch wird, je weiter sein Part im Verlauf des Stückes in die Tiefe wandert, ein immer stärkerer Wotan - nur am Schluss beider Opern hat er Konditionsprobleme. Die scheinen Tenor Johan Botha völlig fremd, der seinen Siegmund ganz ohne angeberische Dehnungen und mit fast italienischer Eleganz anlegt. Catherine Foster, 2014 noch wegen manch unsauberer Passage getadelt, hat sich inzwischen zur besten Walküre der vergangenen Jahre entwickelt. Kraftvoll und mit substanzieller Tiefe ausgestattet, tönt ihr Sopran zwar durchaus hochdramatisch, hat sich zusätzlich aber eine mädchenhafte Klarheit bewahrt. Für diese Partie eine ideale Kombination. Und Anja Kampe, die als für die Eröffnungspremiere geplante Isolde abgesprungen war, bleibt eine aufregende, hochexpressive Sieglinde. Gern würde man mehr von ihr hören.

Das wird aber vorerst nicht möglich sein: Im kommenden Jahr übernimmt Marek Janowski beim „Ring“ die Leitung von Kirill Petrenko. Dabei werden bis auf Catherine Foster auch sämtliche Sänger ausgetauscht. Die berühmte „Werkstatt Bayreuth“ scheint ihre Tätigkeit inzwischen von der beständigen Fortentwicklung der Szene auf die der Musik verlegt zu haben. Natürlich gibt es immer etwas zu tun. Doch so wenig Reparaturarbeiten wie jetzt werden wohl selten wieder nötig sein.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Neu eröffnetes Wagner-Museum in Bayreuth

Anmutung statt Illusion: Das neu eröffnete Wagner-Museum in Bayreuth zeigt die Lebenswelt des Komponisten Richard Wagner – und seine Rezeption im Nationalsozialismus.

mehr
Mehr aus Kultur
Rammstein-Tribute-Band Völkerball begeistert im Capitol

Original oder Fälschung? Bei ihrem Konzert im ausverkauften Capitol stand die Rammstein-Tribute-Band Völkerball den Vorbildern in nichts nach: Feuer, zertrümmerte Möbel, Provokation - das Publikum war begeistert.