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Schauspiel Die Kunst der Nähe

Nachkriegstheater von heute: Regisseurin Babette Grube inszeniert Ferdinand Bruckners "Früchte des Nichts" als schmerzhaft nahe Performance mit Zuschauerbeteiligung im Ballhof Zwei

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Hannover. Schön, wenn zu Beginn eines Theaterstücks erklärt wird, worum es geht. „Wir versetzen uns in die Traumata von damals, um die Traumata von heute zu verstehen“, heißt es volltönend am Anfang von Ferdinand Bruckners „Früchte des Nichts“ am Ballhof Zwei. Bruckner schildert in seinem Stück das Schicksal von vier Jugendlichen im Jahr 1948; sie haben Krieg und Terror erfahren und sind dabei in ein neues Leben aufzubrechen.

Das Stück ist (zu Recht) weitgehend von den Spielplänen verschwunden; wenn man es heute spielt, dann geht das wohl nur so: mit starken Eingriffen, mit radikaler Vergegenwärtigung. Menschen, die Krieg und Terror erlebt haben und einen Neuanfang wagen, gibt es schließlich auch heute reichlich. Regisseurin Babette Grube betreibt das Andocken an die Gegenwart sehr offensiv. Sie hat der Geschichte von den vier Jugendlichen, die nach dem Krieg zu einer Italienreise aufbrechen und dort halb aus Neugier, halb aus Versehen einen Mord begehen, in eine Rahmenhandlung eingebunden.

Im Foyer schon deutet alles darauf hin, dass der Ballhof zu Luxuslofts umgebaut werden soll. Passenderweise ist die Bühne eine riesige Baustelle. Später stellt sich heraus, dass das Stück nur eine Art Kulturbonbon für Kaufinteressenten ist. Clever. Denn in diesem Rahmen ist inszenatorisch eine Menge möglich. Die Schauspieler (Sophie Krauß, Mathias Spaan, Christian Bayer und Isabel Tetzner) erzählen Bruckners plakativ nihilistische Geschichte zwar nach, aber sie improvisieren auch, sie singen, sie wälzen sich in Blut und beschmieren sich mit Lehm.

Es ist eine wilde, verzweifelte Performance. Sie befremdet und berührt gleichermaßen. Die Regisseurin lässt die vier Schauspieler gelegentlich auch mal mitten im Publikum spielen. Das ist dann in mehrfacher Hinsicht berührend. Die Regisseurin bringt uns ein Stück, das uns eigentlich recht fern ist, sehr nah. Schmerzhaft nah.

Wieder am 14., 15. und 23. Februar sowie am 5. März. Karten: (0511) 99991111

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