Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ein schöner Tod
Nachrichten Kultur Ein schöner Tod
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 24.07.2013
Rollenspiel: Die Buhlschaft (Brigitte Hobmeier) kommt mit dem Fahrrad vorgefahren, Jedermann (Cornelius Obonya) fühlt etwas. Quelle: dpa
Salzburg

Ein Amerikaner, der international bislang vor allem für seine TV-Krimiserie „Law and Order“ bekannt war, und ein Brite, der mit der Papiertheater-Erfolgsproduktion „Shockheaded Peter“ die „Struwwelpeter“-Geschichten mit der schrillen Musik der Tiger Lillies kombinierte: Es ist ein ungewöhnliches Regieduo, das mit Salzburgs Traditionsstück „Jedermann“ betraut wurde. Die österreichische Presse hatte ihre Festspielstadt schon erbeben sehen in Erwartung dieser Neuinszenierung von Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel.

Der Skandal ist ausgeblieben. Die große Mehrheit feierte den von Brian Mertes und Julian Crouch inszenierten „Jedermann“ mit Standing Ovations und Fußgetrommel. Den Regisseuren ist das Kunststück gelungen, das konservative Salzburger Publikum nicht zu düpieren – und die altbekannte Geschichte trotzdem neu zu akzentuieren.

Das Regieduo macht aus der Geschichte von der Läuterung des egoistischen Geldsacks im Angesicht des Todes eine Art Ritus, der weit zurückgreift und Theatertraditionen und -figuren beschwört, dabei aber doch ganz unpathetisch bleibt. Einige Völker begreifen Masken als Gesichter der Ahnen; wer eine Maske aufsetzt, wird zu dem, den sie darstellt, und eignet sich dessen Macht an. Da passt es, dass die Schauspieler mit Pappmaché-Masken, die den Gesichtern von Hofmannsthal und dem ersten „Jedermann“-Regisseur Max Reinhardt ähneln, auf die Bühne ziehen. Eine Neuinszenierung des Salzburger Traditionsstückes ist schließlich auch immer eine Art von Totenbeschwörung.

Crouch und Mertes haben im Rückgriff auf verschiedene Theatertraditionen etwas Neues geschaffen: Die schrille Prozession von der Felsenreitschule zum Domplatz vorab ist eine Neuheit und erinnert an Umzüge des Mittelalters und somit an die Blütezeit der Mysterienspiele, an die Hofmannsthal mit seinem Stück anknüpft.

Das Spektakel zieht sich weiter durch das Stück: Die Buhlschaft (mit selbstbewusster Attitüde und verführerisch in Strapsen gespielt von Brigitte Hobmeier) fährt im bunt geschmückten Fahrrad vor und verschwindet mit Jedermann (charismatischer Kindskopf: Cornelius Obonya) schon mal unter dem Tisch, der Teufel (Simon Schwarz) zetert dämonisch, und Jedermanns geldgierige Vettern geben die Narren.

Die Salzburger Inszenierung läuft aber nie Gefahr, klamaukig zu wirken, wie es in der vorhergehenden Version von Christian Stückl bisweilen der Fall war. Die Holzbühne, von Crouch selbst entworfen, ist eine Hommage an die Technik der Jahrhundertwende, dem Beginn der Salzburger „Jedermann“-Tradition im Jahr 1920. Auf modernen Schnickschnack wird verzichtet, hier ziehen die Statisten die an Seilen hängenden Engel noch selbst in die Höhe. Beeindruckend auch, wie Hans Peter Hallwachs als Glaube auf einem Stuhl sitzend in den Abendhimmel transportiert wird: Der Bühnenmagier Crouch lässt ein langes Holzbrett wie eine Zugbrücke so hochklappen, dass der Glaube am Ende über den Domfiguren thront und Jedermann in einem symbolischen Akt reinigendes Wasser auf den Kopf träufelt.

Und dann ist da eben noch diese archaische Ebene, das Masken- und Puppenspiel. Crouch kann hier an den Beginn seiner Theaterkarriere als Masken- und Puppenbauer bei Freilichtspektakeln anknüpfen. An groteske Jahrmarktspektakel erinnert die Szene vom Mammon, der als Riesenpuppe mit beweglichen Extremitäten und obszöner Zunge daherkommt und Goldtaler ausscheidet.

93. Salzburger Festspiele

Die 93. Salzburger Festspiele sind eröffnet. Bis zum 1. September werden etwa 280 Veranstaltungen geboten – ein Rekord für das größte Klassikfestival der Welt. Die meisten der 260 000 Karten sind bereits vergriffen. Für den Festspiel-Intendanten Alexander Pereira (65) ist dies die vorletzte Saison. Der Wiener geht nach der vorzeitigen Auflösung seines Vertrags ab Oktober 2014 an die Mailänder Scala. Danach wird Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf als Interimsintendant die Festspiele leiten. 2017 soll dann ein neuer Chef gefunden sein.

dpa/rom

Die Figur der „Werke Jedermanns“ erwacht in der hinreißenden Darstellung von Sarah Viktoria Frick buchstäblich zum Leben. Zunächst ist nur der Kopf der Schauspielerin zu sehen, Arme und Beine gehören einer von ihr gesteuerten Marionette. Doch dann wirft sie diesen künstlichen Körper ab und steht auf eigenen, zunächst wackligen Beinen: Dem Puppen- und Maskenspiel wird hier die magische, transformierende Kraft zurückgegeben, die ihm auch in archaischen Riten zukommt. Grandios.
Auf der Figurenebene schwebt insbesondere Peter Lohmeyer als beeindruckender Tod über den irdischen Dingen. Auf weißen Plateauschuhen bewegt sich Lohmeyer tänzelnd-gleitend, ein androgyner Todesengel mit langen Fingernägeln, der bei einem Jahrmarkt-Pantomimen in die Lehre ging. In seinem weißen Totenhemdchen und dem kalkartigen Make-up bildet dieser Tod ein attraktives Gegenbild zum traditionell eher düster-dunklen Schnitter. In der stärksten Szene dieses Abends zieht er das Tischtuch von Jedermanns Luxusbankett als Verlängerung seines eigenen Kleides hinter sich her, all die edlen Speisen ins Verderben reißend. Der Tod zieht alles mit sich.

Auch die Musik verwebt die Zeiten: Kompositionen von Einar Nilson (1881–1964) und Bernhard Paumgartner (1887–1971) mischt der musikalische Leiter Martin Lowe („Mamma Mia“) mit eigenen Stücken und traditioneller Volksmusik aus dem Balkan. Auch Crouch, dieser Jedermann der Künste, hat mitkomponiert.

Es war eine gute Idee, dieses internationale Regieduo zu engagieren. Unbelastet von einer bald 100-jährigen Tradition konnten sie sich dem Stoff gelassener nähern. Die Totenbeschwörung ist gelungen.

Nina May

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Blanvalet erwirbt unwissentlich Rechte an Rowlings Krimi - Verlag im Glück

Der Münchner Blanvalet Verlag im Glück: Bereits im Februar hat er sich die Rechte an dem vermeintlichen Romandebüt „The Cuckoo’s Calling“ von Robert Galbraith gesichert.

21.07.2013
Kultur Otto Waalkes wird 65 - Unser Mann im Fernsehen

„Holla-da-hiti“: Am Montag wird Otto Waalkes 65 – eine ostfriesische Erinnerung an den Kultkomiker von HAZ-Redakteur Uwe Janssen.

23.07.2013

Johnny Depp hat das Piratentuch abgelegt. Zur Deutschlandpremiere seines neuen Westerns „Lone Ranger“ ist er nach Berlin gekommen und hat Gemeinsamkeiten mit seiner Rolle betont – einem Indianer mit toter Krähe auf dem Kopf.

09.08.2013