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Kultur „Tristesses“ als Antwort auf Formenvielfalt
Nachrichten Kultur „Tristesses“ als Antwort auf Formenvielfalt
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11:56 09.06.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
„Tristesses“, die Produktion der belgischen Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem. Quelle: Phile Deprez
Hannover

Die klassische Dramentheorie fordert von der Tragödie die Einhaltung der drei Einheiten – und jede Menge Blut. Das Spiel sollte mit möglichst überschaubarer Handlung in einem möglichst überschaubaren Zeitraum an einem möglichst überschaubaren Ort ablaufen. Und am Ende muss es viele Tote geben.

„Tristesses“, die Produktion der belgischen Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem und ihrer Gruppe „Das Fräulein“, erfüllt fast alle Anforderungen an die klassische Tragödie. Der Ort ist eine dänische Insel mit dem melancholisch stimmenden Namen „Tristesse“, der Zeitraum, der eröffnet wird, ist knapp bemessen: zwei Tage im November. Und Blut fließt auch: Am Ende pflastern sieben Leichen die Bühne.

Eine reine Tragödie ist das Stück allerdings doch nicht. Denn dafür fehlt die Einheit der Handlung. Auf die verzichtet Anner-Cécile Vandalem ganz bewusst. Das von ihr konzipierte, verfasste und inszenierte Stück ist alles Mögliche: Psychodrama, Gesellschaftsstück, Kammerspiel, Revue, Groteske, Polittheater, Schwank, Splattermovie, Farce und Krimi. Und sicher auch noch etwas ganz anderes, für das es nur noch keine Namen gibt. Diese Vielfalt macht es zu einem würdigen Eröffnungsstück des Festivals „Theaterformen“, das die Bandbreite möglicher Spielformen ja schon im Titel führt.

Akkurates Stadttheater

Anders als sonst im zeitgenössischen Theater, das das „Als ob“ der Theatersituation gern problematisiert, ist hier nicht Authentizität gefragt, sondern Verstellungskunst. Die Schauspieler (zu denen auch die Regisseurin gehört) forcieren erheblich: So viele Tränen wie hier tropfen sonst nicht einmal im Laufe einer ganzen Spielzeit auf den Bühnenboden.

„Tristesse“ ist die Saga eines Niedergangs: Auf der Insel, auf der früher 800 Menschen lebten, befinden sich nach der Schließung des Schlachthofs nur noch acht Menschen. Mit dem Selbstmord einer älteren Dame beginnt das Spiel, ihre Tochter, die Chefin einer rechtspopulistischen Partei, reist an, die Leute auf der Insel wollen sich von ihrer besten Seite zeigen, offenbaren aber nur ihre Dummheit und Niedertracht.

Die Bühne zeigt drei Häuser des Dorfes und die Kirche. Erstaunlich, wie kunstvoll diese Inselwelt zusammengebosselt ist. Großartig ist die erste Hälfte: Da sieht man die Szenen aus dem Inneren der Häuser nur auf der Videoprojektion, aber den Videomann, der das alles aufnimmt, sieht man nicht. Leider gelingt es der Regisseurin nicht, diese raffinierte Unsichtbarkeit des Kameramannes durchzuhalten. Irgendwann tanzt er mit einer unterdrückten Inselbewohnerin, danach ist er immer wieder zu sehen und dann wirkt das Stück ein bisschen wie Castorf.

Das Festival: Die Theaterformen laufen bis zum 18. Juni. Im Hof des Schauspielhauses ist das Festivalzentrum eingerichtet. Hier gibt es an vielen Abenden Gratiskonzerte. Am heutigen Sonnabend treten dort um 21.30 Uhr Jochen Irmler and Gudrun Gut auf. Den Spielplan des Festivals gibt es unter www.theaterformen.de

Aber doch längst nicht so fahrig, nicht so dahingeworfen. Hier ist alles akkurates Stadttheater: feinziselierte Szenen, zusammengeklöppelte Emotionen, herausgeputzte Dialoge. Das Spiel ist so fern von allen zeitgenössischen Echtspielbestrebungen, von aller geläufigen Authentizitätsmeierei, dass man plötzlich unsicher wird: Ist das hier schon das Theater von morgen – oder noch das von vorgestern?
Ein wesentlicher Beitrag zum Thema Neue Rechte ist „Tristesses“ trotz der populistischen Politikerin im Zentrum nicht. Aber ein schöner Beitrag zur Tragödientheorie ist das Stück durchaus – und ein gelungener Auftakt eines Festivals, das auf die Frage nach der Formenvielfalt des Theaters immer wieder ganz erstaunliche Antworten findet.

Große Einigkeit in Hannover: Ingo Metzmacher soll bleiben und etwas mehr Freiheit für die Organisation bekommen. Der alte Vertrag des Intendanten der Kunstfestspiele Herrenhausen läuft im Jahr 2018 aus. Um die nächste Ausgabe zu planen, müsste also bald verlängert werden – und es sieht ganz danach aus.

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