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Trash und Traum

„Sommernachtstraum“ Trash und Traum

Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ erlebt an der Oper Hannover eine eindrucksvolle Premiere – und schwebt dabei zwischen Satire und Komödie.

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Zickenkrieg à la Shakespeare: Während sich Hermia und Helena nur mit den Händen um Demetrius und Lysander prügeln, greift Tytania im Kampf mit Oberon auch zum Blumentopfstock als Waffe.

Quelle: Jauk

Hannover . Am Ende geht die Welt der Menschen in Flammen auf. Ein überdimensionales Schild „Achtung Baustelle!“, eine riesige Taschenlampe, ein Lampenschirm, ein auf Elefantenmaße angeschwollener Kanarienvogel, eine Knarre im XL-Format: Alles, was im Lauf dieser Premiere von Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ in der Oper Hannover die menschliche Sphäre repräsentiert hat, brennt – und versinkt langsam zu Brittens ebenso rätselhafter wie traumverlorener Musik im Bühnenboden.

War das alles nur ein Traum, was da im Verlauf von fast drei Stunden vorübergezogen ist? War es zugleich eine „verstörende Groteske“, wie der niederländische Regisseur Michiel Dijkema im Programmheft sagt? Solche Fragen sind bei Brittens „Sommernachtstraum“ immer erlaubt. Schließlich handelt es sich um ein Stück, das den Traum nicht nur im Titel trägt, sondern ihn auf verschiedensten Ebenen verhandelt. Was ist möglich, wenn die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Zwielicht des Traums verwischen? Was für Begierden, was für verbotene Gelüste leben wir in unserem Unbewussten aus? Was für Abgründe tauchen auf?

Fragen kann man sich aber auch: Wie sehen eigentlich heutige Traumbilder aus? Regisseur Michiel Dijkema hat in seiner hannoverschen Inszenierung vor allem darauf eindrucksvolle Antworten gefunden: Mit seinen kongenialen Mitstreitern, Bühnenbildner Florian Parbs und Kostümbildnerin Claudia Damm, findet er für Shakespeares Figurenkosmos eine kraftvolle, vor Einfällen überbordende Bildersprache. Er versetzt das Feenreich und das alte Athen aus dem von Britten und Peter Pears bearbeiteten Libretto von Shakespeares Komödie in eine manchmal quietschbunte, dann wieder triviale, aber immer äußerst originelle Welt.

Der Chor der Elfen (seelenvoll gesungen vom Kinderchor der Staatsoper und glänzend einstudiert von Dan Ratiu) watschelt hier als geisterhaftes Ensemble schwimmflossenbewehrter Froschwesen über die Bühne. Feenkönig Oberon (Countertenor William Towers) und Gattin Tytania (mit wunderbar leichtem Koloratursopran: Heather Engebretson) streiten nicht nur mit Worten, sondern auch mit Stöcken, an deren Ende Blumentöpfe befestigt sind. Die beiden Liebespaare aus Athen sind Abziehbilder von heute: Demetrius (Christopher Tonkin) ist ein Rockermacho, Helena die von ihm abhängige Rockerbraut (Rebecca Davis), der eher verträumte Lysander (Sung-Keun Park) trägt eine französische Baskenmmütze, Hermia (Hanna Larissa Naujoks) ist eine verrückte Nudel, die sich die Haare rosa färbt. Trash und Traum bilden hier keinen Gegensatz, sondern fügen sich wie Puzzleteile in ein äußerst eigenwilliges Gesamtbild ein.

Zu Beginn wirkt es noch eher befremdlich, dass sich vom Bühnenrand ins Riesenhafte verzerrte Accessoires der einzelnen Figuren ins Bühnenbild schieben: ein gigantischer Gewehrlauf (für Rocker Demetrius) oder ein überdimensionaler Lippenstift (für Rockerbraut Helena). Irgendwann ist der Wald, in dem der gesamte erste und der zweite Akt spielen, völlig überwuchert von obskuren Figurensymbolen. Antike Säulen sieht man da neben im Takt der Musik blinkenden Baustellengerüsten, Lampenschirme neben Taschenlampen.

Wie eine groteske Auslegung Freud’scher Traumlehre wirkt das. Das Bühnenbild zeigt, auf welch surreale Weise die Welt Spuren in unserem Unbewussten hinterlässt. Das faszinierendste Beispiel dafür, mit welcher Leichtigkeit wir im Traum Widersprüchliches verbinden, ist in Dijkemas Inszenierung der Kobold, von Jami Reid-Quarrell großartig gespielt. Punk ist er und Puck. Männlich wirkt er mit seinem Irokesenschnitt, draufgängerisch, wenn er im Opernhaus an einem Seil akrobatische Kunststücke vollführt oder durch die Lüfte fliegt. Die weibliche Seite betonen sein Tutu, das er über der Militärhose trägt, und seine verführerischen, ja, zärtlichen Gesten.

Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist aber auch eine Komödie. Und da kommt der hannoversche Bass Frank Schneiders ins Spiel, der an diesem Abend an Spielwitz alles übertrifft. Bauarbeiter statt Weber ist er in dieser Inszenierung. Wunderbar derb, angeberisch, gibt er den Bottom bei der ersten Probe der Handwerker. Eselhaft zottelig und in Sachen Erotik herrlich schlappschwänzig wirkt er, als Tytania ihn in einer spektakulären Szene auf einer Couch hoch oben in den Lüften der Bühne als monströsen Toyboy begehrt. Und: Ist es Kunst als Klamauk oder Klamauk als Kunst, was Schneiders und seine Mitstreiter in der berühmten Handwerkerszene bieten? Egal, es ist zum Schreien komisch! Schneiders als Pyramus schmachtet mit Bauhelm und Schrubberbürste bewaffnet eine Wand aus Pappmaché (Michael Chacewicz) an. An Thisbes Körper (Edward Mout) baumeln Bauhelme als Busen herum, während sie singend Süßholz raspelt. Brittens Oper ist an dieser Stelle ja eine Satire auf Arien im Stil von Donizetti oder Verdi.

Apropos Musik. Britten hat zum „Sommernachtstraum“ eine subtile, vom üblichen Orchesterklang abweichende Musik geschrieben. Generalmusikdirektorin Karen Kamensek trifft, nach wunderbar transparentem, aber zu wenig geheimnisvollem Beginn, den eigentümlich schwebenden Charakter dieser Musik genau. Mit Celesta, Vibrafon, Glockenspiel, Harfen und den Streichern mit ihren Glissandi spinnt sie das Publikum auch musikalisch in eine faszinierende Traumwelt ein. Langer, ausdauernder Applaus.

Wieder am: 1., 4., 13. und 26. April.

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