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Berlin kann sehr kalt sein

Agententhriller „Bridge of Spies“ Berlin kann sehr kalt sein

Der Mann an der Mauer: Steven Spielberg schickt Tom Hanks im Agententhriller „Bridge of Spies“ an die Nahtstelle der Systeme.

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Mann an der Mauer: US-Unterhändler James Donovan (Tom Hanks) unterwegs im verschneiten Berlin.

Quelle: Fox

Am Ende stehen sich zwei Grüpplein von Männern gegenüber. Ernst blicken sie unter ihren Hüten drein, sie reden wenig in dieser eiskalten Nacht. Im Western ist das üblicherweise der Moment vor dem Showdown. Irgendwer wird bestimmt gleich eine Waffe ziehen und um sich schießen.

Hier aber vergewissern sich die Männer lediglich, dass die jeweils andere Seite kein hinterlistiges Spiel treibt. Und dann machen sich aus entgegengesetzten Richtungen der russische Topspion Rudolf Abel und sein amerikanischer Gegenpart, der US-Pilot Francis Gary Powers, zu Fuß auf den Weg über die Havel zwischen Berlin und Potsdam. Der erste Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke ist perfekt. Es hat ihn 1962 tatsächlich gegeben.

Auf diese Schlüsselszene hin hat Steven Spielberg seinen Kalter-Kriegs-Thriller „Bridge of Spies“ inszeniert. Lustvoll zitiert er dabei einen Film noir: Die Eisenkonstruktion der Brücke wirft harte Schatten im grellen Scheinwerferlicht, die Panzersperren scheinen ein geheimnisvolles Eigenleben zu führen. Beinahe wie in einem Schwarz-Weiß-Film sieht das Ganze aus. Fürs Auge hat der Thriller dank Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminsky einiges zu bieten.

Doch inhaltlich lotet der Regisseur die Chancen seines Sujets weit weniger kreativ aus: Nach erfüllter Mission fährt US-Unterhändler James Donovan, ebenfalls eine authentische Figur, zurück nach New York und schlummert sofort todmüde auf dem Ehebett ein. Der Familienmensch hat seinen Job getan - und Spielberg seinem Kinouniversum einen weiteren aufrechten Amerikaner hinzugefügt. Er trägt das Gesicht von Tom Hanks, der Regisseur und sein Star arbeiteten schon beim Kriegsfilm „Der Soldat James Ryan“, bei der Hochstapler-Geschichte „Catch Me If You Can“ und der Flughafen-Groteske „Terminal“ zusammen.

Vermutlich konnte bei diesen zu geradlinigen Geschichten neigenden Hollywood-Kämpen wenig über die Paranoia des Kalten Krieges herauskommen, über Feindbilder in den Köpfen und propagandistische Psychotricks. Obwohl es zunächst danach aussieht: Der Versicherungsanwalt Donovan gilt vielen seiner Landsleute als Landesverräter, weil er seinen Job als Pflichtverteidiger ernst nimmt und alles daran setzt, den Agenten Abel (den britischen Theaterschauspieler Mark Rylance) vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Er glaubt daran, dass auch ein Feind der USA das Recht auf ein faires Verfahren hat. Ein Mann, der sich für einen russischen Agenten einsetzt, konnte für viele damals aber nur ein Kommunist sein. Irgendwann pfeifen sogar Kugeln durch Donovans Wohnzimmer.

Dann aber verlagert sich das Geschehen nach Berlin - gedreht wurde der Film im Studio Babelsberg und auch am Originalschauplatz auf der Brücke. Von nun an hat Donovan genug damit zu tun, die komplizierten Machtverhältnisse im ostdeutschen Satellitenstaat zu durchschauen, über Todesschüsse an der Mauer zu erschrecken und gegen sein Dauerschniefen anzukämpfen. Allerdings trifft er auch auf einen besonders gewieften Gegenspieler: Der Anwalt Wolfgang Vogel (Sebastian Koch) zieht auf der anderen Seite die Strippen und gefällt sich in der Manier eines Dandys.

In diesem düster-dreckigen Nachkriegs-Berlin prägen im Osten immer noch Ruinen das Bild. Parallel flicht Spielberg die kurze Agentenkarriere des Piloten Powers ein, der alsbald über der Sowjetunion in seinem Spionageflugzeug abgeschossen wird und erst einmal in einem Folterverlies landet. Und dann ist da noch ein US-Student als bemitleidenswertes Bauernopfer im Spiel, für dessen Austausch der integre Donovan ebenso engagiert ficht.

Die besseren Sprüche aber gehören Donovans Klienten Abel. Die Coen-Brüder haben sie dem trockenhumorigen Agenten in den Mund gelegt. Aus Abel und Donovan werden Figuren, die auch gut in einer Buddie-Komödie funktionieren würden.

In Hanks Portfolio passt die Rolle des Patrioten bestens, der nicht danach fragt, was sein Land für ihn tun kann. Rechtsanwälte wie sein Donovan entpuppen sich zumindest im Kino immer wieder mal als unkorrumpierbare Moralisten, die sich nicht als Marionetten missbrauchen lassen - siehe Gregory Peck als Atticus Finch in „Wer die Nachtigall stört“ oder auch Tom Cruise als Militäranwalt in „Eine Frage der Ehre“. Donovan vertritt das bessere Amerika, für das sich Spielberg schon immer interessiert hat - und das er in Zeiten von Guantanamo und NSA-Spitzeleien womöglich mehr denn je vermisst. Verweise auf die Gegenwart und die wieder zunehmenden Spannungen zwischen Ost und West sucht man in diesem klassischen Heldenstück allerdings vergeblich. Spielberg bleibt in der Historie verhaftet.

Sollte sich sein Pflichtverteidiger Donovan als einträglicher Kinoheld entpuppen, wäre theoretisch eine Fortsetzung denkbar: Der echte Donovan war am Freikauf der 1113 Gefangenen nach der misslungenen Invasion in Kubas Schweinebucht beteiligt. Vor unserem inneren Auge sehen wir schon, wie Castro und sein Gast genüsslich eine Zigarre miteinander schmauchen.HHHII

„Bridge of Spies - Der Unterhändler“, Regie: Steven Spielberg, 142 Minuten, FSK 12 Astor, Cinemaxx, Cinemotion, Cinestar

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