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00:16 19.02.2016
Von Stefan Stosch
Regisseur Spike Lee (links) und Nick Cannon bei der "Chi-Raq"-Premiere in Berlin. Quelle: Gregor Fischer/dpa
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Berlin

Mit einem leibhaftigen Oscar-Boykotteur glänzt die Berlinale: Spike Lee gab sich die Ehre, ein Wortführer des Protests gegen die Nicht-Nominierung schwarzer Schauspieler und Regisseure schon im zweiten Jahr in Folge. Der schwarze Regisseur hielt sich beim Festival aber zurück: "Wenn wir das nicht machen würden, käme es nie zu Veränderungen", sagte er lediglich. Vorab hatte Lee bereits erklärt, sich am Oscar-Sonntag Ende Februar mit seiner Frau lieber ein Basketballspiel im Madison Square Garden anzuschauen. Andere sollten aber tun, was sie für richtig hielten.
Die Wut des Filmemachers über die Benachteiligung Schwarzer nicht nur in Hollywood aber ist geblieben. Das zeigt sein in den USA ebenso gelobtes wie umstrittenes Musical "Chi-Raq", eine wütende Anklage gegen die Waffen- und Bandengewalt in Chicago. "Chi-Raq" nennen US-Rapper einen Bezirk im Süden der Stadt, in dem Kunstwort steckt nicht zufällig "Irak" mit drin. 

Kritik an mächtiger Waffenlobby

"This is an Emergency", ein Notfall, blinkt es gleich zu Filmbeginn in fetten roten Lettern auf der Leinwand auf. In Chicago sind seit dem Beginn des Jahrtausends mehr Mordopfer gezählt worden als getötete US-Soldaten in den Kriegen im Iran und Afghanistan zusammen. Bis Ende 2015 starben demnach 7356 Menschen, die meisten waren Afroamerikaner.
Und nun ist wieder ein Mädchen zwischen die verfeindeten Gangs geraten, die kleine Patti hat bei einer Schießerei ihr Leben gelassen. Am offenen Sarg prangert der Pfarrer (John Cusack) - seine Figur ist dem echten Geistlichen Michael Pfleger nachempfunden - die Armut und soziale Diskriminierung an. Schuld sei die mächtige Waffenlobby, die die Politiker im Land gekauft habe. Schuld seien aber auch die Schwarzen selbst, die sich gegenseitig umbrächten. Die Knarre, aus der sich der tödliche Schuss löste, hat der Pfarrer als Beweis gleich auf die Kanzel mitgebracht.

"No Peace, No Pussy!"

Aber jetzt endlich soll mit dem Sterben Schluss sein. Es sind die Frauen um Lysistrata (Teyonah Parris), die handeln. Sie rufen zum Sexstreik auf, um die Männer zum Frieden zu zwingen. In knappstem Outfit stöckeln sie durch den Film, ihr Schlachtruf aber lautet von nun an: "No Peace, No Pussy!" Regisseur Lee hat die griechische Komödie "Lysistrata" von Aristophanes als wilde Mischung aus HipHop-Oper und Komödie in die Gegenwart versetzt. 
Das Konzept geht erstaunlich gut auf. Geredet wird viel in Versen, Samuel L. Jackson gibt den allwissenden Erzähler Dolmedes mit keckem Spazierstock und Hut. Dennoch fällt die Attacke gegen die herrschenden Verhältnisse wuchtig aus. Lee, Mitbegründer des New Black Cinema und Regisseur der Filmbiografie "Malcolm X", fängt das Bittere immer wieder mit Humor auf: Ein US-General wird von den Frauen dazu verführt, in Sternenbanner-Unterhose eine Bürgerkriegskanone zu reiten. Die Frauen übernehmen derweil das Kommando in der Kaserne.

Ein echter Leckerbissen

Für die Berlinale ist dieser Film ein echter Leckerbissen, so wie im Vorjahr "Selma": Auch Ava DuVernays Drama über den Marsch für Bürgerrechte war von der Oscar-Academy weitgehend übergangen worden und wurde umso heftiger in der deutschen Hauptstadt beklatscht. Festivalchef Dieter Kosslick bietet den Oscar-Kritikern bereitwillig eine Ersatz-Bühne. Auch Don Cheadle, Regisseur und Hauptdarsteller des Miles-Davis-Biografie-Films "Miles Ahead", zu sehen in einer Nebenreihe, weilt in Berlin. Er beklagt ebenso die Ausgrenzung schwarzer Filmemacher in Hollywood. Mal sehen, was er am Donnerstag der Öffentlichkeit zu sagen hat.
Eine lupenreine Win-Win-Situation ist "Chi-Raq" für die Berlinale dennoch nicht: Die bissige Komödie ist die erste Eigenproduktion des Streamingdienstes Amazon. In den USA lief sie nur kurz in ausgewählten Kinos, um die formalen Voraussetzungen für die Oscar-Nominierungen zu erfüllen, ging dann aber leer aus. In Deutschland dürfte es der Sexstreik der Frauen kaum auf die Leinwand schaffen. Und das kann einem Kinofestival eigentlich nicht gefallen.

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