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Spielzeitstart mit Henzes "Der junge Lord"

Premiere an der Staatsoper Spielzeitstart mit Henzes "Der junge Lord"

Keine Angst vor neuen Klängen: Die Staatsoper Hannover ist mit Hans Werner Henzes 1965 uraufgeführter Oper "Der junge Lord" in die Spielzeit gestartet. Die Inszenierung von Bernd Mottl wurde vom Publikum am Ende ausgiebig bejubelt.

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Schach mit Dame: Der junge Lord (Sung-Keun Park) und Luise (Rebecca Davis).

Quelle: Jörg Landsberg

Hannover. Kann man das machen? Darf man einen dressierten Affen, der den Menschen wie ein exzentrischer Mitbürger erscheint, als Michael Jackson darstellen? Der zum Star erzogene Schwarze, der so gern weiß gewesen wäre, als unvollkommen domestiziertes Tier? An der Staatsoper Hannover hat Regisseur Bernd Mottl sich für dieses durchaus anstößige Bild entschieden. Zum Auftakt der Spielzeit hat er nun Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ auf die Bühne gebracht - eine Oper, die sich ebenfalls nicht mit politischer Korrektheit aufhält.

Das 1965 uraufgeführte Stück mit einem Libretto von Ingeborg Bachmann handelt von einem exzentrischen englischen Lord mit exotischer Dienerschaft, der das dressierte Tier in der deutschen Provinz, wohin es ihn verschlagen hat, als seinen Neffen vorstellt. Das sonderbare Benehmen des Affen, der für einen jungen Lord gehalten wird, kommt allgemein in Mode. Eine Frau verliebt sich in ihn. Schließlich offenbart der vermeintliche Adlige seine tierische Identität, was zu allgemeiner verschämter Selbsterkenntnis führt.

Henze und Bachmann erzählen von Fremdenfeindlichkeit, von unheilvollem Schweigen und der Verführbarkeit der Massen. Allerdings tun sie das nicht mit düsteren Nachkriegsbildern, sondern im leichten, leuchtenden Tonfall einer Buffo-Oper. Regisseur Mottl, an der Staatsoper (nach einem Ausflug zu Wagners „Holländer“ in der vergangenen Spielzeit) seit Jahren der Mann für die Komödien, hält sich zunächst an die heiter-beschränkte Biedermeierwelt der Vorlage. Über die kann man sich schließlich gut lustig machen: Friedrich Eggert hat das schwarz-weiße Bühnenbild mit Spitzborten umhäkelt, Kostümbildner Alfred Mayerhofer verpasst den Bürgern hochrespektable Zylinder und der Grand Dame des Ortes eine eindrucksvoll überdimensionierte Perlenkette. Ironie und kleine Boshaftigkeiten sind in solcher Kulisse nicht wirklich schneidend: Alles so schön putzig hier.

Das ändert sich durch den Auftritt des Michael-Jackson-Affen. Mit ihm bricht nach der Pause mit Gewalt die Gegenwart in das Biedermeier ein. Natürlich wäre es naheliegend, den jungen Lord, der die Massen mit seinem unkonventionellen Verhalten blendet, als Politiker zu zeigen – Donald Trump taucht derzeit schon aus weniger guten Gründen auf vielen Theaterbühnen auf. Mottl aber verwischt dieGrenze zwischen Star und Staatenlenker und trifft mit seiner Inkorrektheit zudem den frechen Ton des Werkes. Darf man Henzes Affen also als Michael Jackson zeigen? Es hilft zumindest dabei, dem „Jungen Lord“ den Staub abzublasen, den er in einem halben Jahrhundert mancherorts angesammelt hat.

Die Musik allerdings hat sich ohnehin frisch gehalten. Vor allem die lyrischen Szenen, die mit ihrem betörenden Wohlklang die Avantgarde von gestern gegen den Komponisten aufgebracht hatte, funktionieren beeindruckend. Dirigent Mark Rohde kostet das zwar nicht mit der letzten Sensibilität aus, er hat die komplizierten Abläufe aber selbst bei turbulenten Auftritten souverän im Griff und eröffnet den Musikern des Staatsorchesters immer wieder Raum für schöne Soli.

Nicht zu hören ist naturgemäß Franz Mazura als Sir Edgar: Die Partie des alten Lords ist eine stumme Rolle. Der 93-jährige Mazura, der im vergangenen Jahr als Abraham in „Lot“ seine noch immer erstaunlichen stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte, ist auch ohne Worte eine imposante Erscheinung. Bariton Stefan Adam verstärkt diesen Eindruck als sein profunder Sekretär. Neu im Ensemble und bereits gut eingefügt wirkt Tenor Simon Bode: Sein kluger, klangschöner Wilhelm macht Vorfreude auf mehr. Rebecca Davis ist eine wunderbar verwirrte Luise, Julia Sitkovetsky ihre volltönend warmherzige Vertraute. Auch die vielen übrigen Solisten, der Chor und vor allem der erstaunlich stark geforderte Kinderchor lösen ihre Aufgaben bestens. Langer, sehr herzlicher Applaus für alle Beteiligten.

„Der junge Lord“: Nächste Vorstellungen sind am 9., 17. und 24. September sowie am 4. und 19. Oktober.

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