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Sind Sie eine Helikopter-Mama, Frau Kinsella?

Bestsellerautorin im interview Sind Sie eine Helikopter-Mama, Frau Kinsella?

Die britische Bestsellerautorin Sophie Kinsella ist eigentlich berühmt für ihre „Schnäppchenjäger“-Romane. Nun schreibt sie in ihrem ersten Jugendroman „Schau mir in die Augen, Audrey“ über Eltern-Kind-Beziehungen. Wie viel von ihr in dieser Geschichte steckt, erzählt die Schriftstellerin im Gespräch mit Nina May.

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Bestsellerautorin Sophie Kinsella.

Quelle: Imago stock&people

Frau Kinsella, Sie haben eine Romanreihe über eine einkaufssüchtige Finanzjournalistin geschrieben und gelten als Königin der leichten Frauenliteratur. Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihre Bücher für seicht halten?
Meine Romane bieten eine Flucht vor dem Alltag, absolut. Allerdings ist Eskapismus nicht per se schlecht, Charles Dickens zum Beispiel entführt mich beim Lesen ins viktorianische England. Meine Heldinnen sind von Arbeitssucht, psychischer Krankheit oder Schulden bedroht. Gleichzeitig sind sie ziemlich ausgeklügelt und wissen sich zu helfen. Ich erzähle von ernsten Dingen, indem ich sie als Komödie tarne.

Sie beschreiben in „Schau mir in die Augen, Audrey“, Ihrem ersten Roman für Jugendliche, eine übervorsichtige Mutter, die ihre Teenagerkinder nervt. Sie selbst haben fünf Kinder. Mal ehrlich, sind Sie auch so eine Helikopter-Mutter?
Ich bin schuldig, fürchte ich. Ich ertappe mich dabei, Sätze zu sagen wie: „Esst mehr Gemüse! Lest mehr!“ Wenn in der Zeitung steht, dass Kinder laut einer Studie kreativer werden, wenn sie jeden Tag eine Stunde Mozart hören, reagiere ich reflexartig. Dieser Balanceakt zwischen Regeln setzen und verständnisvoll sein birgt ein großes Humorpotenzial.

Sie machen sich in dem Buch auch über den aktuellen Hype zu glutenfreier Ernährung lustig ...
Es gibt jeden Tag ein neues Superessen, irgendeine Beere, kalt gepresstes Etwas. In die Glutenfalle bin ich selbst getappt, es war mal wieder ein Zeitungsartikel schuld. Meine Kinder standen vor mir und sagten: „Aber ich habe doch gar keine Unverträglichkeit!“ Ich kaufte glutenfreie Brötchen, die so fürchterlich schmeckten, dass ich die Sache schnell aufgab. Meine Familie macht sich bis heute darüber lustig.

Ihre Romanmutter befürchtet, dass ihr Sohn Frank computersüchtig ist. Schöpfen Sie da aus eigenen Erfahrungen?
Auch bei uns zu Hause gab es Auseinandersetzungen über Bildschirmzeiten. Mein Sohn zwang mich dann, eine Dokumentation über Computerspiele anzuschauen. Es ging um Jugendliche aus der ganzen Welt, die an einem Wettkampf mit hohem Preisgeld teilnehmen. Von Korea bis in die USA sah ich das gleiche Bild. Die besorgte Mutter stöhnt: „Ich weiß nicht, was ich tun soll, er interessiert sich für nichts anderes als Computerspiele!“ Und der Sohn sagt: „Ich gewinne Wettkämpfe und werde mit Onlinespielen reich!“ Das ist anscheinend eine globale Dynamik.

Haben Ihre Söhne bei der Recherche geholfen?
Ja, sehr. Ich habe sie zum Beispiel gefragt, was man beim Zocken zum Gegner sagt. Tut es da ein einfaches „Stirb“? Sie haben mir auch all die notwendigen russischen Schimpfwörter beigebracht und alle Szenen überprüft. Schon bei einem einzigen falschen Begriff verliert man als Autorin den Respekt der jugendlichen Leser.

Welche Rolle spielt die Wissenskluft zwischen Eltern und Kindern in digitalen Dingen?
Sie beeinflusst die Beziehung zwischen Eltern und Kindern grundlegend. Traditionellerweise wissen die Eltern mehr als der Nachwuchs, doch wenn es um Technik geht, dreht sich das Verhältnis um. Meine Teenagerkinder weisen mich immer wieder genüsslich darauf hin: „Du weißt nicht einmal DAS?“ Dennoch müssen die Erwachsenen Grenzen setzen – in einer Umgebung, in der sie sich etwas unsicher bewegen. Dieses Ungleichgewicht rüttelt am althergebrachten Autoritätsgefüge zwischen den Generationen. Meine Altersgenossen müssen akzeptieren, dass sie in digitaler Hinsicht von ihren Kindern lernen können.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?
Es gab eine Phase, in der ich mir große Sorgen um Facebook gemacht habe. Dann erzählten mir meine Kinder, dass sie über dieses Netzwerk Freunde zum Geburtstag eingeladen hätten. Ich kannte diese Horrorstorys und schrie entsetzt auf: „Was? Ihr macht eine Facebook-Party?“ Ich sah schon Tausende von ungebetenen Gästen unsere Einfahrt stürmen. Meine Söhne seufzten verächtlich und sagten: „Wir laden nicht öffentlich ein, nur eine private Gruppe.“ Die Technologie arbeitet für uns, aber manchmal erscheint es auch andersherum.

Was halten Sie von der Apple-Watch?
Wenn wir alles an technische Geräte outsourcen, verlieren wir noch unseren gesunden Menschenverstand. Andererseits könnte ich persönlich eine Uhr gebrauchen, die mir alle zehn Minuten sagt, dass es gesünder wäre, mal ein paar Schritte zu laufen. Andernfalls stehe ich nach einem Schreibtag abends auf und habe einen Rücken wie eine alte Frau. Man müsste eine Autoren-App erfinden, die einen ermahnt: „Steh auf, dehne dich!“

Welche Rolle spielt Technologie in Ihrem Leben?
Es ist eine Hassliebe. Das Internet reflektiert die menschliche Natur. Es gibt Onlinespendenaktionen, aber auch digitale Lynchmobs. Technologie macht mein Leben so viel einfacher. Ich kann mein Essen mit einem Klick bestellen und mit meinen Freunden in Verbindung bleiben, selbst wenn ich auf Reisen bin. Aber es gibt kein Entrinnen. Wenn man früher in der Schule gemobbt wurde, konnte man zu Hause die Tür hinter sich schließen. Heute bleibt das Smartphone das Portal zur giftigen Welt.

So ergeht es Ihrer Titelheldin Audrey. Sie leidet an einer Sozialphobie, weil sie in der Schule gemobbt wurde. Wie entstand die Idee zu dieser Figur?
Im Prinzip ist Sozialphobie eine extreme Schüchternheit. Jeder Schüler kennt das: Man zeigt nicht gerne auf oder spricht nicht gerne vor großen Gruppen. Wenn dieses Gefühl zu übermächtig wird, lähmt es. Es ist also ein extremes Problem, mit dem sich aber wiederum viele identifizieren können. Mich faszinieren diese Irrwege des Geistes. Ich habe eine Freundin, die so große Angst vor Schlangen hat, dass ich meine Schlangenledertasche zu Hause lassen muss. Eine andere Freundin hat eine Knopfphobie. Und ich selbst entwickelte nach der Geburt meines jüngsten Sohnes eine übersteigerte Angst um meine Kinder und habe wie Audrey eine Verhaltenstherapie gemacht.

Sie sind bekannt für Ihre Romanreihe „Shopaholic – die Schnäppchenjägerin“. Hat die kaufsüchtige Heldin Rebecca den Prozess des Heranwachsens noch nicht ganz abgeschlossen?
Becky ist in jedem Buch ein bisschen reifer geworden. Aber ich finde die Vorstellung zu einfach, dass man als Erwachsener immer vernünftiger wird. Manche Menschen sind einfach anfällig für Wünsche und Fantasien. Es gibt auch 90-jährige Ladys, die sich nach dem adretten Typ im Café nebenan oder nach dem schönen Mantel im Schaufenster sehnen.

Ihre „Shopaholic“-Romanreihe gilt als Kommentar zur Finanzkrise aus weiblicher Perspektive. Stimmt das?
Ich hatte tatsächlich das Gefühl, die Krise in meinen Romanen vorweggenommen zu haben. Ich habe schon vorher über Schulden und die Heuchelei der Bankinstitute geschrieben, die Menschen dazu verführen, Kredite aufzunehmen, und ihnen dann über den Kopf fahren, weil sie die Zinsen nicht zahlen können. Ich denke, Becky ist ein Symbol für diesen Widerspruch. Sie verfolgt dieses Prinzip: Entweder mehr verdienen oder kürzertreten. Sie entscheidet sich dabei immer dafür, mehr zu verdienen. Dasselbe Prinzip tönt mir jetzt immer wieder aus Reden von Regierenden aus der ganzen Welt entgegen. Eigentlich könnte Becky wunderbar Schatzmeisterin werden.

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