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„Getestet und für geil befunden“

Festival Theaterformen „Getestet und für geil befunden“

Beim Festival Theaterformen werden die Zuschauer auch an außergewöhnliche Bühnenorte gelockt. Für das Stück "Dein Wort in meinem Mund" mussten sich die Besucher am Donnerstag ins Bordell begeben. HAZ-Redakteur Ronald Meyer Arlt war dabei.

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Extreme Theatererlebnisse: Für „Dein Wort in meinem Mund“ muss sich der Besucher ins Bordell begeben, wo er von einer Pappdame begrüßt wird.

Quelle: Ronald Meyer-Arlt

Hannover. Am Klingelschild neben der Tür der Bordells kleben ein paar Aufkleber, „Getestet und für geil befunden“ steht darauf. Na dann. Hinter dem pompösen Eingang der „FKK-Villa“ mit seinen Säulen befindet sich ein eher schlichter Tresen. Der Mann dahinter winkt uns weiter Richtung Duschbereich und Sauna. Verblüffend viele Umkleideschränke sind zu sehen. Wie geht es hier eigentlich zu, sollten tatsächlich alle genutzt werden? Es riecht nach Fichtennadeln.

Weiter oben, im großzügigen Barbereich, mischt sich eine leicht rauchige Note in den Fichtenduft. Und etwas Süßes. Die Wände sind hüfthoch mit weinrotem Stoff bespannt, darüber sind sie eierschalenfarben tapeziert. Überall hängen wuchtige Spiegel. Sieben Sofas, hell mit floralen Motiven bedruckt, stehen in einem Raum, der durchaus den Namen Salon verdient. In seiner Mitte befindet sich ein Podest, auf dem eine Stahlstange bis zur Decke ragt. Hier also soll es stattfinden.

Das Festival Theaterformen hat ins Bordell geladen. Die in Brüssel lebende italienische Künstlerin Anna Rispoli hat zusammen mit dem in Hannover lebenden Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner ein Stück über Liebe verfasst, das an ungewöhnlichen Orten gespielt wird. Einer davon: die „FKK-Villa“ am Tönniesberg. Die Vorstellung beginnt bereits um 9.30 Uhr. Um 10.30 Uhr musste die Sache abgeschlossen sein, denn um 11 Uhr schon startet hier eine andere Form von Unterhaltungsbetrieb.

Die Kunst der Empathie

Für ihre Produktion „Dein Wort in meinem Mund“ haben Lindner, Steinbrenner und Rispoli Gespräche mit Spezialisten der Liebe geführt: einem Pfarrer, einem Arzt, einem Psychologen, einem Bordellbesitzer und einer Therapeutin, die behinderten Paaren beim Wunsch nach körperlicher Nähe behilflich ist. Die Zuschauer lesen die Texte - sie nehmen die Worte der anderen in den Mund.

„Dein Wort in meinem Mund“ ist ein Theaterstück ohne abgegrenzte Bühne, ohne Schminke und ohne Schauspieler. Trotzdem zielt es tief ins Herz des Theaters. Theater ist schließlich die große Kunst der Empathie. Wer einen anderen spielt, scheint sich auch ein bisschen in ihn zu verwandeln. Theaterkunst ist Annäherung an das Fremde, Rollenspiel ist immer auch die Einnahme der Perspektive des anderen. Das Künstlertrio, das während der Vorstellung nicht in Erscheinung tritt, nutzt unsere Fähigkeit zur Empathie für ein wunderbares Kammerspiel.

Eine andere Herzkammer des Theatralischen ist die Zeigelust. Theater ist Demonstrationskunst. Man sagt nicht nur, was ist, man zeigt es auch. Die belgische Performerin Sarah Vanhee zeigt uns etwas besonders Alltägliches: ihren Abfall. Ein Jahr lang hat sie alles, was sie sonst in den Müll geworfen hätte, gereinigt und in Umzugskartons aufbewahrt.

Etwa 50 Kartons stehen auf der rechten Seite der Bühne. Schnell wird klar: Wenn sie alle ausgepackt sein werden, wird „Oblivion“ zu Ende sein. Aber ebenso schnell wird klar: Das kann dauern. Zweieinhalb Stunden benötigt Sarah Vanhee, um ihren Jahresmüll auf der (eigens etwas vergrößerten) Ballhofbühne auszubreiten.

Spuren des Lebens

Joghurtdeckel, Briefumschläge, Plastikflaschen, Teebeutel - erstaunlich, welche Spuren jemand im Laufe eines Jahres hinterlässt. Ein bisschen lädt das auch zum Nachdenken über den eigenen Müll ein. Ökotheater aber ist das nicht. Es geht hier eher um den Furor, mit dem jemand Fitzelchen für Fitzelchen seinen Müll ordnet. Um Offenheit und Risikobereitschaft. Die Künstlerin hatte eine klare Ansage gemacht: Wer die Aufführung verlässt, darf nicht wieder hereinkommen. Ein paar Leute sind gegangen, die meisten aber haben durchgehalten - mit Gewinn, denn die Hingabe, mit der die Abfallsammlerin ihr Objekttheater betreibt, ist faszinierend. Und Hingabe umschließt ja überhaupt die beiden Herzkammern des Theaters.

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