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Kultur Bild von Franz Marc an jüdische Vorbesitzer zurückgegeben
Nachrichten Kultur Bild von Franz Marc an jüdische Vorbesitzer zurückgegeben
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17:21 23.03.2009
Von Johanna Di Blasi
Franz Marcs berühmtes „Kinderbild (Katze hinter einem Baum)“ befindet sich nicht mehr im Sprengel Museum. Quelle: Thomas Steiner

„Wir haben es an die Erben des jüdischen Vorbesitzers restituiert“, sagte Rembert Schneider, der Leiter der Unternehmenskommunikation des Bankhauses, gestern gegenüber dieser Zeitung. Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums, bestätigt die überraschende Nachricht. Die Übergabe sei bereits Ende 2008 erfolgt. Die fast noch größere Überraschung aber ist: Das in der NS-Zeit offenbar auf Druck der Nationalsozialisten den Eigentümern entzogene Gemälde darf in Hannover bleiben, jedenfalls vorerst.

Bei der in wenigen Tagen startenden großen Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay. Die Schönheit einer zerbrechenden Welt (1910-1914)“ wird das 1910 entstandene Bild, das immer zu den Ikonen des Sprengel Museums gezählt wurde, einen Ehrenplatz einnehmen - mit einem Schild, auf dem „Privatbesitz“ steht.

Unter Umständen könnte das Gemälde sogar weiterhin als Dauerleihgabe im Sprengel Museum bleiben. Die in England lebende Enkelin des Fabrikanten und Kunstsammlers Alfred Hess, Anita Halpin, habe Bereitschaft zu einer solchen Lösung signalisiert, sagt Schneider, der in der Rückerstattung des Kunstwerks „eine moralische, nicht unbedingt eine juristische Verpflichtung“ sieht.

Es ist die zweite Rückgabeaktion an die Hess-Erben nach der 2006 durch den Berliner Senat erfolgten spektakulären Restitution von Kirchners „Berliner Straßenszene“ aus dem Brücke-Museum. Diese und die Versteigerung des Werks für rund 30 Millionen Euro hatten nicht nur heftigen Streit ausgelöst, sondern das Thema der Rückerstattung von NS-bedingt entzogenem Eigentum erst recht in die Öffentlichkeit getragen. Anders als in Berlin wurden in Hannover offenbar keinerlei Bedingungen an die Erben gestellt. „Die jetzige Lösung ist das Ergebnis guter Gespräche. Die Gegenseite hat keinerlei Druck ausgeübt, und wir haben nicht auf Zeit gespielt“, sagt Schneider von der Nord/LB.

Die Berliner Anwälte der Hess-Erben, Schink & Studzinski - sie arbeiten im Auftrag des New Yorker Anwaltsbüros von David Rowland -, bestätigen, dass die Vertreter der Bank „sehr kenntnisreich, aufgeschlossen und höchst professionell“ agiert hätten. Auch seien die Mandanten in Hannover empfangen worden, „was leider keine Selbstverständlichkeit ist“. Die Restitution erfolgte auf Grundlage der „Washingtoner Erklärung“ und der „Handreichung von Bund, Ländern und Gemeinden“. Vorangegangen war eine intensive Recherche der im Auftrag der Bank arbeitenden Provenienzforscherinnen Vanessa Voigt und Ines Katenhusen. Die Wissenschaftlerinnen legten nach rund sechsmonatiger Arbeit im Februar 2007 ihr Gutachten vor.

Die Ergebnisse möchte die Nord/LB nicht offenlegen. So viel aber ist zu erfahren: Die Umstände, unter denen das Bild 1936 aus einer Ausstellung zu Franz Marc in der Kestnergesellschaft Hannover in den Besitz des hannoverschen Unternehmens Pelikan gelangte, konnten nicht vollständig aufgeklärt werden. Offene Fragen sind: Wie hoch war der Preis? Und hat der damals in London lebende Alleinerbe der berühmten Kunstsammlung von Alfred Hess, Hans Hess, den Kauf angeordnet und das Geld in voller Höhe auch überwiesen bekommen?

Die Provenienzen der Werke aus der Hess-Sammlung sind kompliziert. Es fängt schon damit an, dass das Unternehmen des Schuhfabrikanten infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 in Zahlungsnöte geriet. Wahrscheinlich veräußerte der Sammler damals auch Kunst. Das Unternehmen erholte sich aber wieder. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Firma 1933/1934 arisiert. Der Sohn des 1931 gestorbenen Sammlers, Hans Hess, verlor seine Anstellung beim Ullstein Verlag, aus rassischen Gründen.

Einen größeren Teil der Sammlung aus etwa 400 Werken konnte die Familie in die Schweiz retten. Jene Werke, die als Leihgaben in deutschen Museen hingen, wurden von den Nationalsozialisten konfisziert. In der Schweiz bewahrten die Basler Kunsthalle und das Kunsthaus Zürich die Bilder auf. Unter merkwürdigen Umständen gelangten die Werke aber wieder zurück ins Deutsche Reich. Die Hess-Witwe Thekla gab später an, zwei Gestapo-Beamte hätten sie bedroht und zu dem Schritt genötigt.

Die Bilder tauchen dann noch verschiedentlich in Ausstellungskatalogen auf, so auch die „Katze hinter einem Baum“ in einem Katalog der Kestnergesellschaft. Doch die Spuren verlieren sich. Viele Unterlagen sind kriegsbedingt verschollen. Ungeachtet dessen hat sich die Nord/LB zu einer Restitution durchgerungen. Über den aktuellen Schätzwert des 70,8 mal 50,5 Zentimenter großen Katzengemäldes möchte Nord/LB-Sprecher Schneider keine Angaben machen. Das teuerste je verkaufte Marc-Gemälde, „Weidende Pferde III“ von 1910, erbrachte bei einer Auktion im Vorjahr rund 24,5 Millionen Dollar.

Die Hess-Erben werden weiterhin mit dem Thema Resititution beschäftigt sein. Es laufen Rückgabeansuchen in zehn deutschen Museen. Aus der Staatsgalerie in Stuttgart, wo sich Franz Marcs „Kleine blaue Pferde“ und Lyonel Feiningers „Barfüßerkirche in Erfurt“ aus der Hess-Sammlung befinden, verlautet, der Fall sei noch in der Schwebe. Gleiches ist aus Essen zu hören, wo sich im Folkwang Museum Ernst Ludwig KirchnersLeipziger Straße“ befindet. Auch das Ludwig-Hack-Museum in Ludwigshafen, das Landesmuseum Münster und das Münchener Lenbachhaus sind möglicherweise betroffen. Vielleicht bekommt der hannoversche Fall Modellcharakter.

Kommentare
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Auf die Idee hätte man kommen können. „Yes“ muss eine Platte heißen im ersten Halbjahr der schlechten Nachrichten. „Yes“, ja, natürlich. Man hängt das „we can!“ im Geiste gleich dahinter.

Uwe Janssen 20.03.2009

Hannover freut sich auf Marc, Macke und Delaunay. Aber was ist eigentlich aus dem Expressionismus geworden? Ein Erklärungsversuch.

Johanna Di Blasi 19.03.2009

Regisseur Florian Baxmeyer (der auch den ersten Drei-Fragezeichen-Film – „Das Geheimnis der Geisterinsel“ – inszeniert hat) will alles richtig machen und macht doch das meiste falsch.

Ronald Meyer-Arlt 18.03.2009