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"Richtig glücklich war ich nur als Kind"

Biografie über Astrid Lindgren "Richtig glücklich war ich nur als Kind"

Ihr Leben war nicht nur Bullerbü. Mochte ihre Pippi Langstrumpf auch vor Temperament und Lebensfreude sprühen, bei Astrid Lindgren herrschten Molltöne vor. Davon erzählt eine neue Biografie mit dem schlichten Titel „Astrid Lindgren. Ihr Leben“.

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Astrid Lindgren in ihrem Haus an ihrer Schreibmaschine.

Quelle: dpa

Die schwedische Kinderbuchautorin, nach der allein in Deutschland mehr als 150 Schulen benannt sind, litt unter Schuldgefühlen und Depressionen, war geplagt von Trauer und Selbstmordfantasien. Davon erzählt eine neue Biografie mit dem schlichten Titel „Astrid Lindgren. Ihr Leben“, die der Däne Jens Andersen geschrieben hat (DVA, 448 Seiten, 26,99 Euro).

Im Literaturhaus Hannover gab jetzt der Übersetzer Einblick in die preisgekrönte Lebensgeschichte: Ulrich Sonnenberg. Der gebürtige Hannoveraner, der sich nach einer Buchhändlerlehre und leitenden Tätigkeiten im Verlagsgeschäft einen Namen als Übersetzer aus dem Dänischen und Norwegischen gemacht hat, wies darauf hin, dass Astrid Lindgren bestrebt war, ihre Sorgen und düsteren Stimmungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

In ihren Briefen und Tagebucheintragungen machte sie indessen aus ihrer Trauer und Einsamkeit kein Hehl. „Diese kleine Melancholie schleppe ich seit meiner Jugend mit mir herum“, schrieb sie zum Beispiel 1954 einer Brieffreundin. „Richtig glücklich war ich nur als Kind, vielleicht schreibe ich deshalb so gern Bücher, in denen ich diesen wunderbaren Zustand wiedererleben darf.“

Jens Andersen habe mehr als 1000 Briefe und 660 Stenoblocks ausgewertet, mit Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman gesprochen und auch schwer zugängliche Archive durchstöbert, um hinter die Fassade der weltweit beliebten Schwedin zu dringen, berichtete Sonnenberg im vollbesetzten Literaturhaus. Die Arbeit hat sich gelohnt. Die Biografie vermittelt viele neue Einsichten über die Kinderbuchklassikerin.

Dass sie im Alter von 20 Jahren ihren neugeborenen Sohn Lasse zu Pflegeeltern nach Kopenhagen gegeben hat, war ja schon bekannt. Weniger bekannt war, dass der uneheliche Vater des Jungen der Chefredakteur der Vimmerby Tidning war, jener Zeitung, bei der Astrid Lindgren volontierte. Zeitlebens hat die Kinderbuchautorin darunter gelitten, dass ihr Sohn seine ersten drei Lebensjahre getrennt von ihr aufwuchs. Die neue Biografie dokumentiert eindrucksvoll, welchen inneren Zerreißproben Astrid Lindgren während der Zeit der dreijährigen Trennung ausgesetzt war.

Die Schuldgefühle steigerten sich noch einmal ins fast Unerträgliche, als Lasse 1986 an Krebs starb. Die Trauer sei sehr viel größer gewesen als beim Tod ihres bereits 1952 verstorbenen Ehemanns Sture, sagte Astrid Lindgren später. „Ich mochte ihn richtig, richtig gern“, sagte sie 1992 in einem Interview über ihren Mann. „Er hatte einen wunderbaren Humor und war nett, aber ich war nie in ihn verliebt.“

Schon in ihren 2015 veröffentlichten Tagebüchern aus den Jahren 1939 bis 1945 („Die Menschheit hat den Verstand verloren“) ist von einer Ehekrise die Rede - auch von Alkoholproblemen ihres Mannes. Die Tagebücher dokumentieren aber vor allem, dass Astrid Lindgren sehr bewusst die politischen Ereignisse dieser Zeit verfolgte.

Die Schwedin, die während des Krieges für den Geheimdienst Briefe kontrollierte, sammelte Zeitungsausschnitte, verfolgte mit Sorge die Entwicklung des Krieges und analysierte Hitler und Stalin. In dieser Zeit entstand Pippi Langstrumpf, „ein Kriegskind“, wie Ulrich Sonnenberg sagte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Pippi in einer ersten Kraftprobe im Zirkus ausgerechnet den starken Adolf besiegt.

Bei aller Lebensfreude ist Pippi - ohne Vater und Mutter - ein eher einsames Mädchen. Auch anderen ihrer Figuren hat Astrid Lindgren Züge ihrer oft düsteren Seelenlage mitgegeben. Ob „Mio mein Mio“ oder „Die Brüder Löwenherz“ - fast immer können sich die jungen Leser so in ihren seelischen Nöten mit den Lindgren-Gestalten identifizieren. Entsprechend zahlreich waren die Briefe, die die Autorin von Kindern und Jugendlichen erhielt.

Besonders intensiv war der Briefkontakt zu der 13-jährigen Sara, die sich hässlich, dumm und lächerlich fand. Astrid Lindgren schrieb ihr, dass sie sich als junges Mädchen genauso gefühlt habe. „Aber mit der Zeit entdeckte ich, dass es nicht ganz so schlimm war, wie ich glaubte.“

Am Montag, 18. April, ist Thea Dorn im Literaturhaus Hannover zu Gast. Sie liest aus ihrem Roman „Die Unglückseligen“. Beginn: 19.30 Uhr.

von Heinrich Thies

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