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00:20 05.01.2015
Von Stefan Arndt
Böse Absicht, gut verschleiert: Maribel Verdú als Stiefmutter in „Blancanieves“. Quelle: wanda visión
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Hannover

So hat man den Stoff noch nicht gesehen. In „Blancanieves“, Pablo Bergers in jeder Hinsicht auffälliger, spanischer Kinoversion der Schneewittchen-Geschichte, sticht als Erstes der fabelhafte Umgang mit Textilien ins Auge. Die feine Spitze an den Ärmeln der Kleider, die aufgestickten Borten auf dem Jäckchen des Matadors, die Hüte, die Muster, der Faltenwurf: All das hat man selten so tiefenscharf und plastisch gesehen wie in dem 2012 gedrehten Schwarz-Weiß-Stummfilm des spanischen Regisseurs. Allein die Kostüme, die merkwürdigerweise gleichzeitig märchenhaft und hyperrealistisch erscheinen, würden reichen, um einen Zuschauer einen Filmabend lang zu beschäftigen. Immer gibt es neue Details zu entdecken, immer neu kann man über ihre fremde Schönheit staunen.

Aber natürlich sind die Kostüme nicht alles. Wie ein Maler Farbschicht für Farbschicht aufträgt, bis auf der Leinwand ein kunstvoll verändertes Bild der Realität entsteht, hat auch Regisseur Berger seinen Film aus einzeln übereinander gelegten Elementen komponiert. Die Reduzierung wird bei ihm so zum Reichtum. Gerade der Verzicht auf bunte Bilder kann bei seinen fast schmerzhaft scharfen, bis zum Rand mit Details gefüllten Filmfotografien im Kopf des Zuschauers eine Explosion der Farben auslösen. Und erst der Verzicht auf Sprache und Geräusche lässt die Filmmusik zu einem mächtigen Klangstrom werden, der die Bilder tragen, sich aber auch rauschend mit ihnen in den Abgrund stürzen kann.

Das alles macht „Blancanieves“ nicht nur zu einem guten Film. Er ist auch perfekt geeignet für die besondere Art der Filmkonzerte, die die NDR Radiophilharmonie seit einiger Zeit in Hannover etabliert hat. Das artifizielle spanische Kinomärchen ist eine kluge Antwort auf die Frage, was man nach Blockbustern wie „Matrix“ oder „Der Herr der Ringe“ eigentlich überhaupt noch im Funkhaus zeigen kann.

„Live to Projection“ spielt die Radiophilharmonie in großer Besetzung dabei den Soundtrack zu dem Film, der dafür eigens von allen Musikspuren befreit wurde. Der Erfolg dieser sehr aufwendigen Produktionen, die auch jenes neue Publikum in den Konzertsaal lockt, das man sich dort immer erhofft, ist selbst für die erfolgsverwöhnte Radiophilharmonie groß.

Aber schließlich sind die hannoverschen Zuhörer auch gut vorbereitet. Begonnen hat man bei der Radiophilharmonie mit kleinteiligen Filmkonzerten, in denen das Orchester verschiedene Ausschnitte spielte, während von Zeit zu Zeit einzelne Bilder oder kurze Filmsequenzen gezeigt wurden. Parallel dazu hat man die Tradition gepflegt, Stummfilmklassiker, etwa von Charlie Chaplin, musikalisch zu begleiten.

Beide Filmkonzertvarianten gehören bis heute zum Programm. Mit der Simultanbegleitung von „Matrix“, also einem modernen Tonfilm, ist man schließlich in der vergangenen Saison einen Schritt weiter gegangen. Ganz natürlich ist so eine neue Form gewachsen, Musik im Konzert zu präsentieren. Denn zur Geräuschkulisse im Hintergrund gerät die Filmmusik nicht, wenn sie unübersehbar von einem riesigen Orchester vor der Leinwand gespielt wird.

Ob diese andere Präsentationsform sich auch als eine neue Kunstform etablieren kann, hängt allerdings auch von der Art der Filme und ihrer Partituren ab. Die Filmfirmen selbst haben bereits den Musikmarkt für sich entdeckt und bieten (wie beispielsweise Columbia bei „Der Herr der Ringe“) ein meist mit strengen Vorgaben verbundenes Komplettpaket für Konzertaufführungen ihrer Produkte an. Und seit einigen Jahren haben sich auch kommerzielle Veranstalter darauf verlegt, Kinoerfolge wie „Fluch der Karibik“ oder „Gladiator“ als Filmkonzerte zu vermarkten.

Für die Radiophilharmonie, die als öffentliche Einrichtung immer auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat, kommen solche Filme kaum noch in Betracht. Gemeinsam mit Institutionen wie der Europäischen Filmphilharmonie arbeitet sie daran, neue Filme für anspruchsvolle und ansprechende Konzertproduktionen zu entdecken. „Blancanieves“, das Kinomärchen mit seiner von Tim Burton und Frank Wedekind gespeisten Ästhetik und seinen vielen Schichten und Verweisen ist ein gelungenes Beispiel dafür. Der Titel des ebenso preisgekrönten wie hierzulande weitgehend unbekannten Films dürfte die Zuschauermassen allerdings kaum ins Funkhaus locken.

Dabei hätte er ebenso viel Publikum wie „Der Herr der Ringe“ verdient. Die neue Marke der „Live to Projection“-Konzerte könnte das bald ändern.

„Blancanieves“ wird am Donnerstag, 15., und Freitag, 16. Januar, jeweils um 20 Uhr, im NDR Funkhaus gezeigt, die Radiophilharmonie spielt unter Leitung von Frank Strobel. Kartentelefon: (05 11) 27 78 98 99.

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