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Kultur So war das Revival-Konzert von Blumfeld im Musikzentrum
Nachrichten Kultur So war das Revival-Konzert von Blumfeld im Musikzentrum
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01:34 02.06.2018
Blumfeld im Musikzentrum. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Bereits der Anfang will mit Erwartungen brechen: Das pointierte Spiel einer Celesta erfüllt das Musikzentrum am Mittwochabend: Der Tanz der Zuckerfee von Tschaikovksy erklingt. Dann wird ein starker Bass unterlegt, das Stück wird zu Pop. Die Band tritt ein. Ein kleiner Überraschungsmoment, hie und da ein süffisantes Lächeln im Publikum, das zweifelsohne mit den Musikern gealtert ist. Blumfeld ist zurück. Zumindest für diese eine Tour.

Beschlossen hatte die Band ihr Revival vergangenen Dezember bei dem Düsseldorfer Lieblingsplattenfestival. Nun werden Sänger Jochen Diestelmeyer und seine Bandkollegen Eike Bohlken (Bass) und Andre Rattay (Schlagzeug) außerdem von Tobias Levin (Produzent unter anderem von Cpt. Kirk & und Rocko Schamoni) und Daniel Florey (Gitarrist und Keyboarder) bei ihrer Love Riots Revue begleitet. Ist es ein Comeback? Egal.

Über zehn Jahre ist es her, dass Blumfeld ihre Auflösung bekannt gaben. Für eine Love Riots Revue Tour stehen sie nun an zehn Orten wieder gemeinsam auf der Bühne – so auch am Mittwochabend im Musikzentrum Hannover.

Vier E-Gitarren, viel Verstärker und Feedback - Blumfeld überzeugt live soviel mehr als auf den Platten. Und immer wieder sind es die charmant-kokettierenden Danksagungen Diestelmeyers, die das Konzert trotz dominanten Sounds zu einem intimen Beisammensein werden lassen: „Das ist sehr freundlich, vielen Dank, meine Lieben.“ Was für ein Herzensmensch.

Elitärer Gestus

Diestelmeyer ist eine Ikone der Hamburger Schule, Blumfelds Debütalbum von 1992 gilt zusammen mit dem von Cpt. Kirk & als Startschuss jener neuen Musikrichtung. Tocotronic und Die Sterne folgten. Ihnen allen ist der Habitus einer intellektuellen Elite, linkspolitisch, gesellschaftskritisch, selbstreferenziell, eigen. An diesem Abend spielt Blumfeld Titel wie „Die Diktatur der Angepassten“ oder „Von der Unmöglichkeit, Nein zu sagen ohne sich umzubringen“. Die Musiker verdeutlichen, dass das kein massentauglicher Deutschpop sein will, die Texte bleiben elitär bis hermetisch. Die Texte sollen eben nicht von jedem verstanden werden. Gymnasiastenpop halt. Und die Gymnasiasten singen die Lieder immer noch, etwas weniger laut, etwas weniger emphatisch als früher vielleicht, aber sie stehen dort, im Musikzentrum, wieder bei dieser Band. Bei „Wohin mit dem Hass“ benötigt es einige Anläufe, bis das Publikum es ein wenig mehr riskiert, zu singen, was es fühlen soll. Deshalb fragt man sich: Ist der Inhalt denn noch so aktuell wie früher?

Sprachrohr einer Jugend

„Wir sind politisch und sexuell anders denkend“ oder „Nieder mit den Umständen“ singt Diestelmeyer. Vor zwanzig Jahren hatte das eine Dringlichkeit, die Band war Sprachrohr einer Jugend, die sich mit Schlager nicht mehr identifizieren konnte, die ihren Unwillen über politische und gesellschaftliche Zustände endlich über Musik äußern konnte. Blumfeld macht keine Ohrwürmer für Radio-Playlists, Blumfeld ist eine Haltung. Und vier Zugaben werden verlangt - und trotz stickigster Luft – Diestelmeyer wechselt vier Mal das Hemd – gegeben. Ja, die Band und ihre Texte haben nicht an Aktualität verloren.

Ob Blumfeld bleibt, ist ungewiss. Aber die Texte tun es und dieser Abend macht deutlich, wie sehr sie auf dem deutschsprachigen Musikmarkt fehlen.

Von Katharina Derlin

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