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Blumfeld sind zurück Die ewige Suche

Nach sechs Alben und 18 Jahren Bandgeschichte hatte sich Blumfeld aufgelöst - jetzt ist das Trio um Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer wieder zusammen. Vielleicht nur für kurze Zeit.

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Wieder zusammen: André Rattay, Jochen Distelmeyer und Eike Bohlen (v. l.).

Quelle: Egel

Hannover. Selbst ein Angebot von einer Milliarde Dollar für 100 Konzerte schlugen Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid im Jahr 2000 aus. Ein Abba-Comeback gab es nicht - trotz kollektiver Sehnsucht danach. Das Geschäft lief ja auch ohne. Blumfeld dagegen, eine der einflussreichsten deutschsprachigen Bands, ist gerade wieder auf Tournee. Sie tritt sogar in Originalbesetzung mit André Rattay an den Drums und Eike Bohlen am Bass auf - einfach nur, wie Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer sagt, weil „wir alle Bock darauf hatten“.

Nach sechs Alben in 18 Jahren Bandgeschichte hatte Distelmeyer die Gruppe 2007 aufgelöst. Er hatte den Apfelmann besungen, und alles schien gesagt zu sein. „Der Apfelmann“ stand für einen Menschen, der eine sinnvolle Aufgabe gefunden hatte, einen Platz im Leben. Etwas, für das es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen. Manch einem mag dieser Schrebergärtner lächerlich und banal vorgekommen sein. Auch würden wohl nicht alle eine Streuobstwiese zum Paradies erklären. Doch für den Apfelmann ist sie das.

„Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“, hatte Distelmeyer in dem Lied „Verstärker“ 1994 verkündet. Die Klaustrophobie, die er damit meinte und die ein Einzelner in der Gesellschaft verspüren kann, die hatte der Apfelmann ganz offensichtlich überwunden.

Zwanzig Jahre ist es her, dass die Hamburger Band ihr wegweisendes Album „L’Etat et moi“ (Der Staat und ich) veröffentlichte, mit dem sie einen neuen deutschen Pop-Sound prägte und die nachfolgende Musikergeneration inspirierte. Krach-Pop wie diesen - textlastig, selbstreflektierend und melancholiefrei - hatte man bis dahin hierzulande noch nicht gehört. Distelmeyers Sprechgesang erinnerte an Rap, die vermeintliche Sperrigkeit der deutschen Sprache schien ihn zu motivieren.

Blumfeld nahm eine kritische Haltung ein: „Wir sind politisch und sexuell andersdenkend“, erklärte Distelmeyer in „2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß“. In dem Jahr, in dem Helmut Kohl zum vierten Mal zum Kanzler gewählt wurde, konnte dieses Statement auch als Protest gegen Stillstand und Selbstgefälligkeit gedeutet werden.

Dass es nun auch ein neues Blumfeld-Album geben wird, ist nicht ausgeschlossen. Doch zunächst dauert die Reunion neun Konzerte. Distelmeyer, Rattay und Bohlen spielen die alten Songs von „L’Etat et moi“ und vom Debüt „Ich-Maschine“, auch die erste Single „Ghettowelt“ steht auf der Setlist. Sie wollen die Auftritte aber nicht als Werkschau verstanden wissen; auch nicht als den Versuch, sich selbst zu musealisieren, so wie es mit David Bowie durch die gerade in Berlin gezeigte Ausstellung passierte.

Distelmeyer weiß um die Gefahr, mit diesem Projekt ins Nostalgische abzudriften. „Dazu fühlt sich aber alles zu fresh an“, sagt er. Sowohl die Texte als auch die Musik passten nach wie vor in die Zeit. „Das macht einen Teil des Funs aus, den wir gerade haben.“

„L’Etat et moi“ ist tatsächlich bis heute relevant. Blumfeld beleuchtet das Verhältnis des Individuums zu dem System, in dem es lebt. Man kann es Staat oder Gesellschaft nennen, Distelmeyer spricht von „bestimmten Umständen“, die einem im Weg stehen, denen man sich ausgeliefert fühlt, vor denen man flüchten will. Dazu zählen nicht nur äußere Einflüsse, denen man nicht entrinnen kann, sondern auch die eigenen, manchmal zu hohen Erwartungen an das Leben, die enormen Druck verursachen können. Textzeilen wie „Offen gesagt haben wir vor weiterzumachen als Gescheiterte bisher in Sachen Selbstverwirklichung“ („Jet Set“) oder „Wenn sie dich fragt, ob du wüsstest, wo du hinwillst, ist alles, was du weißt, dass du bloß weg willst“ („Sing Sing“) klingen deswegen relativ zeitlos. Egal, ob man sie mit 27 oder mit 47 singt oder hört.

Distelmeyers Texte wurden vor 20 Jahren meist bejubelt, auch von großen Feuilletons. Vereinzelt gab es Spott: „Postpubertärer Twentysomethings-Output“ schrieb ein Kritiker, was vermutlich daran lag, dass die Texte manchmal mit Bedeutung überladen waren. Nicht immer erschloss sich gleich, was gemeint war. Der Blumfeld-Sound der ersten beiden Alben dagegen ist schlicht und hypnotisch. „Er hat etwas Schamanistisches“, schwärmt Distelmeyer. Er meint damit eine gewisse kontemplative, heilende Wirkung, die - wie er findet - auch Patti Smith und The Doors oder später Techno entwickelten. „Ich sehe wenige Bands, die dem heute noch verpflichtet sind. Depeche Mode vielleicht.“

Nach „L’Etat et moi“ stieg Eike Bohlen bei Blumfeld aus, um sich voll auf seine Doktorarbeit in Philosophie zu konzentrieren. Es gab Besetzungswechsel. Der Sound wurde sanfter und eleganter. Für die Texte brauchte Distelmeyer bald immer weniger Worte, und er sang richtig, klang immer seltener wie ein Nachrichtensprecher.

Nach dem Blumfeld-Aus brachte er vor fünf Jahren sein bisher einziges Soloalbum „Heavy“ heraus, auf dem er bisweilen bemerkenswert zufrieden wirkt. In dem Lied „Murmel“ sieht jemand seinen Kindern beim Spielen zu und scheint einfach nur glücklich zu sein - wie der Apfelmann.

Hat Distelmeyer selbst gefunden, wonach er sucht? „Die Suche ist nie vorbei“, sagt er. „Wenn man glaubt, etwas final erreicht zu haben, unterlässt man vielleicht, das Besondere, das Wundervolle daran angemessen zu würdigen und zu behüten. Songs wie ,Murmel’ sind Zeugnisse davon, dass die Suche gelingen kann.“

Blumfeld spielen am Freitag und Sonntag in Hamburg. Für das Konzert am 14. September in der Großen Freiheit 36 gibt es noch Karten.

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