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Der "heilige Bob" ist da

Dylan startet Tour in Hannover Der "heilige Bob" ist da

Bob Dylan ist eine Legende – und mit 72 immer noch auf Tour. Warum tut er sich das noch an? Ein Porträt zu seinem Auftritt am Freitagabend in Hannover.

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Es ist manchmal schwer, ihn zu verstehen: Bob Dylan.

Quelle: rtr

Hannover.  Bob Dylan hat Sinn für Humor. Das traut man ihm nicht unbedingt zu, wenn man ihn live erlebt. Er trat mal in einem Reklamespot für die Modemarke Victoria’s Secret auf. Wie ein alter Straßenkater umschnurrte er ein junges Model in Unterwäsche, während sein Song „Love Sick“ lief. Ihm wird vorher bewusst gewesen sein, dass die Weltverbessererszene gar nicht darüber lachen, sondern „Ausverkauf!“ schreien würde. Er hat sich sicher amüsiert.

In Hannover vor zwei Jahren verstanden manche im Publikum keinen Spaß. Die Band spielte hart, beunruhigend hart, so beunruhigend, wie auch das Leben sein kann. Das war manchmal kein Blues mehr, das war Punk. Dylan kläffte. Manche Originale verbog er so sehr, dass die Melodien kaum zu erkennen waren; als wollte er seine eigene Legende zerbrechen. Der 72-Jährige mutete den Zuhörern empfindliche Eingriffe in seine Lieder zu. Nach drei, vier Songs zwängten sich auffallend viele, ihre Jacken unter dem Arm, durch die enge Bestuhlung nach draußen. Man meinte, Kopfschütteln zu sehen. Sie fanden es unerträglich.

Er gilt als die einflussreichste Figur der Popmusik – manche halten ihn jedoch inzwischen auch für einen alten Kauz: Bob Dylan.

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Hunderte verließen die Halle. Die meisten von ihnen waren sicher keine Stammkunden. Sie mögen nur wegen Mark Knopfler gekommen sein, der mit seiner Band bei dieser Tour die Vorgruppe war. Manche, die gingen, störte, dass Dylan einen miserablen Dienstleister abgibt, dass er keine Ansagen macht, seine Lightshow bloß eine Notbeleuchtung ist – und dass er keine Anti-Vietnam-Nostalgie bietet. Sie waren enttäuscht, dass der aktuelle Dylan so ganz und gar nicht der Sixties-Ikone entspricht, an die sie sich erinnern. Sogar treue Fans regten sich über den Gesang auf. Über „heiseres Sprechgekrächze“ empörte sich einer hinterher in einem Internetforum: „Irgendwo auf seiner ­,Never Ending Tour‘ ist dem Mann die Stimme abhandengekommen, und niemand hatte den Mut, es ihm zu sagen.“

Darf man über die Legende lästern? Wo doch sonst fast nur Lob zu lesen ist über den „heiligen Bob“?

„Elvis hat den Körper befreit – Bob Dylan den Geist“, sagte Bruce Springsteen über die einstige Stimme der Bürgerrechtsbewegung, den Folk-Gott, der gleich auch noch den Rock ’n’  Roll neu definierte und den Beatles vormachte, wie man komplexe Songtexte schreibt. Die „New York Times“ feierte ihn als „Shakespeare seiner Generation“. Kritiker und Fans lieben auch sein Spätwerk. Obwohl er Sänger und Songschreiber ist, wird er seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt. Zuletzt verlieh ihm Barack Obama für seine Verdienste die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Wieso riskiert dieser hochdekorierte Musiker bei Konzerten so viel – und spielt plötzlich Punkversionen seiner Songs? Ist das Kunst – oder Kacke?

Durch seine metaphernreichen Texte hat er einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass Popsongs überhaupt als Kunstform angesehen werden. Vor Dylan textete man schlichter: „She Loves You, Yeah Yeah Yeah“. Er formulierte es weit poetischer: „Ramona come closer / Shut Softly your watery eyes.“ Aber schon damals haben ihn nicht alle immer verstanden. In der „Desolation Row“ etwa driften Figuren aus der Literatur- und Weltgeschichte, darunter Ophelia, Cinderella und Robin Hood, durch das Chaos. „Alle machen Liebe oder warten auf Regen. Bis auf Kain und Abel und den Glöckner von Notre Dame.“ Manche hielten das für Quatsch. Auf andere wirkte schon der junge Dylan so, als wisse er mehr als alle anderen.

Fest steht: Bob Dylan könnte live schöner singen. Das macht er ja auch auf seinen Aufnahmen. Wer sein aktuelles Album „Tempest“ gehört hat, wird dies bestätigen.

Man könnte meinen, dass ihm seine Fans egal sind, aber das stimmt nicht. Egal sind ihm nur die Erwartungen an ihn. Er braucht seine Fans sogar: „Im Studio werden Songs nicht zum Leben erweckt, man versucht sein Bestes, aber immer gibt es dieses eine Element, das fehlt – das Publikum“, sagte er im vorigen Jahr in einem „Rolling Stone“-Interview. Aber er bleibt auf Distanz. Seit den Sechzigern wehrt er sich gegen die eigene Vergötterung und Vereinnahmung. Deshalb spricht er so wenig auf der Bühne, gibt keine politischen Statements ab. „No, No, No, It Ain’t Me, Babe!“ Nein zu sagen, das kann man gut von ihm lernen.

Als Martin Luther King am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington „I have a dream“ rief, stand Bob Dylan nur wenige Meter weiter. Mit Joan Baez zusammen sang er dort „We Shall Over­come“. Er war gegen seinen Willen der Klassensprecher einer ganzen Generation geworden. Danach versuchte er sich loszureißen, indem er verkündete: „Folgt keinen Führern, beobachtet lieber Parkuhren.“ Er gilt heute als unkorrumpierbar, weil er Autoritäten ablehnt, alle, außer vielleicht Gott.

Der Preis ist, dass er selbst oft wie eine Parkuhr wirkt, so emotionslos gibt er sich auf der Bühne. Seine einzige Aufgabe sei es, sagt er, „dass die Leute ihre eigenen Gefühle entdecken“. Er bietet nur die Songs an – nichts anderes. Man kann mitsingen, aber ein Interesse hat er nicht daran. Wer eine Punkversion nicht aushält, der soll ruhig gehen. Es ist wie im Kunstmuseum. Wem ein Bild nicht gefällt, der kann ja wegschauen.

Wussten Sie das? 
Dylan ...

■  ... schweißt: Seit den achtziger Jahren fertigt er Gartentore. Vor Kurzem hat ihm Musikerkollege Paul Simon eines abgekauft.
■  ... spielt Golf: „Nichts entspannt mich vor einer Show so wie eine ­Runde Golf“, verriet Dylan einmal. Er wundere sich allerdings, dass so viele an seinem Handicap interessiert sind.
■  ... mag Hunde: Auf seinem Anwesen in Kalifornien hält er mindestens ein halbes Dutzend Mastiffs.
■  ...  leidet: Seit Jahren plagen ihn Rückenprobleme. Deshalb spielt er nur noch selten Gitarre. Einmal bestellte er beim hannoverschen Gitarrenbauer Duesenberg ein Instrument, vergaß aber zu erwähnen, dass er ein besonders leichtes braucht. Dylan schickte es zurück – seitdem spielt Wolfgang Niedecken die Gitarre.
■  ... mag Rotwein: Seit 2004 produziert ein italienisches Gut auf Wunsch Dylans einen Rotwein. Der Name: „Planet Waves“ – wie ein Album Dylans.
■  ... wird nicht müde: Das Konzert heute in Hannover ist das 2536. auf seiner „Never Ending Tour“. Insgesamt hat er seit 1961 bisher 3272 Konzerte gespielt.
■  ... boxt: In Los Angeles besitzt er ein nicht öffentliches Boxstudio. Beim Sparring mit Quentin Tarantino kassierte Dylan mal einen schweren Treffer. „Für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er schlug ein. Ein guter Punch“, lobte Dylan.

So konsequent sich selbst überlassen wie bei Dylan wird man bei keinem anderen populären Musiker. Dafür wird man aber auch nicht bevormundet oder manipuliert. Auf der Bühne vertritt er keinerlei Ideologie, was ihm vor zwei Jahren ausnahmsweise großen Ärger einbrachte. Weil er sich bei seinen Konzerten in China nicht zur Inhaftierung des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei äußerte, noch nicht einmal „Blowing in the Wind“ spielte, warfen ihm Kommentatoren vor, seinen Job nicht erledigt zu haben. Mehr noch: Ausgerechnet Dylan sollte ein Opportunist sein. Die „New York Times“ fand die Auftritte in Peking, Schanghai und Hongkong genauso schlimm wie die von Beyoncé oder Mariah Carey für den früheren libyschen Diktator Gaddafi: „Er lässt seine Setlist zensieren, kassiert die Kommunistenkohle und verschwindet wieder.“ Die Londoner „Financial Times“ spottete sogar, die Zeiten hätten sich tatsächlich geändert, Dylan sei alt, satt und angepasst: „Blowing with the Wind“.

Der deutsche Komiker Olli Dittrich bringt die eigensinnige Haltung mit seiner Parodie auf den Punkt: „Hey, I am Bob and you are not“, näselt Dittrichs Dylan, eine Mischung aus Dichter, Steppenwolf und Zausel. Die Folge ist: Weil sich der 72-Jährige nicht um sein Publikum bemüht, kommen auch weniger Menschen zu seinen Konzerten. Zum Vergleich: Als Springsteen, der Kumpeltyp, der sogar Songwünsche erfüllt, im Mai in Hannover war, spielte er vor 40 000 Fans im Stadion. Dylan, der Künstler und Verweigerer, tritt heute Abend ein paar Meter weiter auf – in der 5800 Zuschauer fassenden Sporthalle.

Die Zahl der Bewunderer ist dennoch hoch. Nicht wenige heften sich sogar an die Fersen des weltweit operierenden, fahrenden Sängers und reisen mit, als fänden sie nur bei ihm eine gewisse Geborgenheit – ausgerechnet bei ihm.

Doch das ist kein Widerspruch. Dylan sieht sich als „Erbe der Kultur der vierziger und fünfziger Jahre“ – und das hört man all seinen späten Alben deutlich an. Sie sollen nach früher klingen – und werden ihm dadurch selbst Halt geben. In „Early Roman Kings“, einem der neuen Songs, kopiert er den rauen Blues-Sound des Chicagoer Labels Chess Records. Während er Habgier im Bankenviertel anprangert, orgelt er den Riff von „Mannish Boy“, 1955 erstmals von Muddy Waters aufgenommen. Dylan war damals 14. „Die Fünfziger waren eine einfachere Zeit – zumindest für mich und meine damaligen Umstände“, schwärmt er. „Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit schienen nicht zu existieren.“

Hin und wieder schlug ein Zirkus seine Zelte auf, dort im amerikanischen Hinterland, wo er aufwuchs, und einmal im Jahr war Kirmes. Man kann sich gut vorstellen, wie der junge Robert damals in seiner Heimatstadt Hibbing Hank Williams’ „I’m So Lonesome I Could Cry“ hörte und sich für immer berauschte: nachts, die Eltern schliefen schon, das Radio neben seinem Bett. Die Radioshows waren für ihn eine feste, verlässliche Größe. Die gleiche Funktion hat er heute für viele Fans: Er ist durch sein regelmäßiges Touren eine Konstante in einer unübersichtlichen, komplizierten Welt.

Was auch fasziniert: Dylan altert anders als die eigenen Eltern oder Großeltern. Er nimmt die Mühen des Reisens immer noch auf sich und bleibt dadurch buchstäblich beweglich – wie ein Rolling Stone. Er ist zwar nicht ununterbrochen unterwegs, aber er legt im Schnitt pro Jahr hundert Auftritte hin, ein beeindruckendes Pensum für einen 72-Jährigen. 1988 begann seine „Never Ending Tour“, die wohl erst endet, wenn er körperlich nicht mehr in der Lage dazu ist, auf die Bühne zu marschieren. Doch noch scheint er fit zu sein, nur die Stimme rostet.

„Man reist an verschiedene Orte und lernt verschiedene Dinge kennen, die man nicht kennenlernen würde, wenn man zu Hause geblieben wäre“, sagt er. So spricht kein Opa, der bloß auf großer Kaffeefahrt ist, sondern jemand, der noch immer auf der Suche nach Liebe und Sinn ist.

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