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Bob Dylan wird Dienstag 70 Jahre alt

Folk-Gott Bob Dylan wird Dienstag 70 Jahre alt

Folk-Gott, Protestsänger, Erneuerer der Rockmusik, Neinsager – Bob Dylan wird am Dienstag 70 Jahre alt. Er hat eine Menge jüngerartiger Fans, die ihm ständig auf den Fersen sind, ihn gern überinterpretieren und zerdeuten.

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Bob Dylan wird am Dienstag 70 Jahre alt.

Quelle: dpa

Es goss in Strömen. Die Streifenpolizistin stoppte den Mann. Er trug schwarze Gummistiefel, eine schwarze Jogginghose und zwei Regenmäntel übereinander. Anwohner hatten die Polizei alarmiert, weil ihnen der exzentrisch gekleidete Alte verdächtig vorkam. Ihr Haus war zwar zu verkaufen, „For Sale“ stand auf einem Schild an der Straße, aber trotzdem: Der Zausel hatte in ihrem Vorgarten gestanden. Vielleicht dachten sie, er sei aus einem Krankenhaus oder Altenheim entwischt. Verwirrt, Pflegestufe zwei.

„Wie heißen Sie?“

„Bob Dylan.“

Die Polizistin glaubte ihm nicht, schon gar nicht, als er erklärte, dass er mit Willi Nelson und John Mellencamp auf Tournee sei und am Abend im zehn Kilometer entfernten Lakewood ein Konzert geben werde. Da er keine Papiere dabei hatte, nahm die Polizistin den Mann, der behauptete, Bob Dylan zu sein, erst einmal mit.

Er gilt als die einflussreichste Figur der Popmusik – manche halten ihn jedoch inzwischen auch für einen alten Kauz: Bob Dylan.

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Der Zwischenfall ereignete sich 2009 in dem Ostküstenstädtchen Long Branch, New Jersey. In der heruntergekommenen Gegend, in der sich Bob Dylan an diesem frühen Abend im Juli herumtrieb, hatte Bruce Springsteen Mitte der siebziger Jahre gelebt und die Songs von „Born to Run“ geschrieben.

Zeitungen weltweit druckten die Anekdote. Die vermeintliche Sensation war, dass die künstlerische Stimme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der Folk-Gott, der gleich auch noch den Rock’n’Roll neu definierte und den Beatles vormachte, wie man komplexe Songtexte schreibt, durch den Regen streunt wie ein Pudel. Diejenigen, die Dylan für einen Kauz mit kaputter Stimme halten, fühlen sich durch solche Nachrichten bestätigt. Und die anderen sind verblüfft, dass ihr Gott Jogginghose trägt.

Dylan, der am Dienstag 70 Jahre alt wird, hat eine Menge jüngerartiger Fans, die ihm ständig auf den Fersen sind, ihn gern überinterpretieren und zerdeuten. Würde man ihnen eine Parkuhr mit Sonnenbrille auf die Bühne schieben, sie würden „Ihn“ visionieren, beschrieb ein Musikkritiker im „Rolling Stone“ einmal die immer gleichen Gesichter in den ersten Reihen eines Dylan-Konzertes. Der gegen seinen Willen zum Klassensprecher einer ganzen Generation gewählte Dylan hat es bereits 1965 so formuliert: „Don’t follow Leaders, watch the Parkin’ Meters.“ Erst wollte er berühmt wie Elvis sein, dann aber doch nicht. Vergötterung nervt.

Heute gefällt sich Dylan am Besten in der Rolle des weltweit operierenden, fahrenden Sängers. Er sieht sich als „Erbe der Kultur der vierziger und fünfziger Jahre“, wie er in seiner Autobiografie „Chronicles Volumne One“ von 2004 schreibt. Er zitiert immer wieder halbvergessene Country-, Folk- oder Bluesmusiker und versucht sogar den alten Sound zu kopieren, so dass seine Band bisweilen so klingt, als spiele sie in einer leeren Rotkohldose. Man kann sich gut vorstellen, wie der kleine Robert in seiner Heimatstadt Hibbing Hank Williams’ „I’m so lonesome I could cry“ hörte und sich für immer berauschte: nachts, die Eltern schliefen schon, das Radio neben seinem Bett.

Seit 1988 ist er unermüdlich auf Tournee. Deshalb nennt er diese Konzertreise mit gut 100 Auftritten pro Jahr „Never Ending Tour“. Die Shows beginnen mit der Ansage: „Begrüßen Sie den Hofdichter des Rock’n’Roll, die Stimme der Gegenkultur der Sixties, den Mann, der Folk und Rock zwang, miteinander ins Bett zu steigen, der in den Siebzigern unter einer Schicht Make-up und im Drogennebel verschwand, der wieder auftauchte und Jesus fand, der in den Achtzigern schon abgeschrieben war, plötzlich mehrere Gänge hochschaltete und seit den späten Neunzigern einige seiner besten Platten gemacht hat. Ladies and Gentlemen, Columbia Recording Artist Bob Dylan!“

Der Text erschien ursprünglich 2001 als Konzerttipp in der Zeitung „Buffalo News“. Dylan hat ihn für sich umfunktioniert. Man hört viel Selbstironie heraus und ein bisschen Stolz. Wie eine Kirmes-Attraktion – mit grell geschminkten Worten – angekündigt zu werden, ist ganz in seinem Sinn. „Ich stehe auf keinem Altar, sondern arbeite auf dem Marktplatz“, erzählte er 1974 dem „Spiegel“. Mitte der Sechziger hatte er lästigen Journalisten mal diktiert, er sei bloß ein „Song and Dance Man“ – und sonst gar nichts. Auch das war ein Trick. Die ganze Welt hatte ihn auf derselben Bühne stehen sehen wie Martin Luther King, als dieser „I have a Dream“ rief. Was ihm nicht passte, war das Etikett „Protestsänger“, obwohl er genau das am Anfang war.

Der Aufkleber hält bis heute, wie Dylans drei Konzerte Anfang April in China zeigten. Weil er sich nicht zur Inhaftierung des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei äußerte, noch nicht einmal „Blowing in the Wind“ spielte, warfen ihm Nostalgiker vor, seinen Job nicht erledigt zu haben. Vielmehr noch: Ausgerechnet Dylan soll ein Opportunist sein. Die „New York Times“, die ihn in den Siebzigern als „Shakespeare seiner Generation“ gefeiert hatte, fand Dylans Auftritte in Peking, Shanghai und Hongkong genauso schlimm wie die von Beyoncé oder Mariah Carey für den libyschen Diktator Gaddafi. Die Londoner „Financial Times“ spottete sogar, die Zeiten hätten sich tatsächlich geändert, Dylan sei alt, satt und angepasst: „Blowing with the Wind“.

Erwartungen zu enttäuschen, macht Dylan nichts aus. Mit dem krachigen „Like a Rolling Stone“ schüttelte er 1965 die Folk-Sensibelchen wie einen Floh ab. Im Reklamespot für den Modekonzern Victoria’s Secret knurrte er 2004 ein junges Model in Unterwäsche an, während sein Song „Love Sick“ lief. Die Weltverbesserer-Szene konnte gar nicht darüber lachen und schrie „Ausverkauf!“ Dylan scheint Kritik für gewöhnlich zu überhören. Doch diesmal blieb ihm nichts anderes übrig, als die Sache klarzustellen. Er hat zighundert Songs geschrieben seit den Tagen des Protestes, darunter grandiose Liebeslieder wie „Sad-Eyed Lady of the Lowlands“, seine Texte wurden für den Literaturnobelpreis nominiert, sein Alterswerk wird geschätzt, und trotzdem ist es mal wieder passiert: Ehe es Dylan auf die Bühne schafft, steht sein Klischee schon da. Schlimmer noch: Der Zensur-Vorwurf lässt ihn wie einen Hofnarren aussehen. Auf seiner Webseite gibt er in einem Brief an seine Fans zu, dass die chinesischen Behörden zwar um die Namen der Songs gebeten hatten, die er spielen wolle. „Also schickten wir ihnen die Programme der vergangenen drei Monate.“ Mehr sei aber nicht passiert.

Dass sich Chinas Führung vor einem fast 50 Jahre alten, frommen Wunsch wie „The Times they are a-changin’“ genauso fürchtet wie vor einem freien Internet, ist kaum anzunehmen. Vielleicht hatte Dylan das Lied zusammen mit „Blowing in the Wind“ an einen Mandolinenspieler in der Fußgängerzone von Bad Fallingbostel verliehen und deshalb nicht gespielt. Aber wahrscheinlich wollte er es einfach nicht. Dylan sollte man nicht als Dienstleister verstehen.
In seinen Songs lehnt er sich immer wieder gegen Autoritäten aller Art auf (mit Ausnahme von Gott). Mal laut und deutlich wie in „It ain’t me, Babe“. Mit mir nicht! Mal subtil wie in „Ballad of a Thin Man“, wo er einen unsympathischen, dürren Typen verhöhnt, der mit seinen Ansichten ziemlich alleine dasteht. Ob es sich um einen Lehrer, Kritiker oder Politiker handelt, bleibt offen. Wenn es etwas gibt, was man von dem eigensinnigen 70-Jährigen lernen kann, dann ist es „Nein!“ zu sagen, wenn eigene Schmerzgrenzen erreicht sind. Der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung hat Dylan zwar den Soundtrack geliefert, auf die Straßen gingen die unzufriedenen, sich nach Veränderung sehnenden Menschen aber von alleine. So wie die Ägypter und Tunesier.

Mathias Begalke

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