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Kultur Autoren schildern Schrecken des Krieges
Nachrichten Kultur Autoren schildern Schrecken des Krieges
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00:33 20.05.2018
Ziel von Flüchtlingen vor Tillys Horden: Hannover im Dreißigjährigen Krieg.  Quelle: Historisches Museum Hannover
Hannover

 Seit Tagen strömen sie in die Stadt. Flüchtlinge mit ächzenden Karren, manche haben schreiendes Vieh dabei. Hannovers Gassen sind längst überfüllt. „Ein buntes Gemenge, was sich da einem riesigen Wurm gleich über die Ihmebrücke zu uns her windet“, bemerkt der Brauer Henni Briede, der als Wache auf einem Turm Posten bezogen hat. 

Flucht vor Tillys Horden

Diesen Flüchtlingsstrom hat es wirklich gegeben: Mehr als 500 Wagen mit Schutzsuchenden aus den umliegenden Dörfern sollen Ende September 1625 am Leintor Einlass in die Stadt Hannover begehrt haben. Sie flohen vor dem kaiserlichen Feldherrn Tilly, dessen Truppen seinerzeit Pattensen verwüsteten und bei Seelze in Scharmützel mit dänischen Soldaten verstrickt waren. 

In diesem Jahr jährt sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges zum 400. Mal. In immer brutaleren Gewaltorgien verheerten Soldaten aus aller Herren Ländern von 1618 bis 1648 Deutschland; ein brutales Gemetzel, in dem es um religiöse und politische Macht ging, um banale Gier nach Beute und um den nackten Willen zu überleben. 

In ihrem Roman „Furie und Fortuna – Hannover im Dreißigjährigen Krieg“ schildern der Schriftsteller Bodo Dringenberg („Ein Pils, ein Sekt, ein Todesfall“) und der Historiker Stefan Kleinschmidt die Ereignisse jener Zeit jetzt aus lokaler Perspektive. Sie geben dem Grauen Gesichter: Neben den verzweifelten Flüchtlingen, die Brauer Briede beschreibt, ist da die Magd Isabe Küfner, deren Eltern von Soldateska erschlagen werden und die miterleben muss, wie ihre erst dreizehnjährige Schwester verschleppt wird. Da ist der Pferdeknecht Jasper Hanebuth – eine historisch verbürgte Gestalt -, den die Zeitumstände zum Raubmörder machen. Auch ein Hilfsprediger und ein Ratsherr, eine Kaufmannswitwe und Feldherr Tilly persönlich erzählen in einer Aneinanderreihung von inneren Monologen ihre Geschichten aus der Ich-Perspektive.

Mosaik des Lebens

Ihre Berichte sind an vielen Stellen miteinander verwoben, doch sie verbinden sich nicht zu einer klassischen Romanhandlung. Sie bilden eher ein Mosaik, welches das Leben im Hannover der damaligen Zeit abbildet. Das ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich: Die Dramaturgie bleibt teils zugunsten einer überbordenden Fülle an Lebensgeschichten und Alltagsbeschreibungen auf der Strecke. Dafür zeichnen die Autoren mit liebevollen Details und historiografischer Akribie das Bild einer Gesellschaft, die von Aberglaube, Pestilenz und Gewalt geprägt ist. Und natürlich von Liebe und Lebensgier.

Bodo Dingenberg und Stefan Kleinschmidt: „Furie und Fortuna – Hannover im Dreißigjährigen Krieg“. Wehrhahn Verlag. 255 Seiten, 20 Euro. Am 22. Mai, 18 Uhr, stellen die Autoren das Buch im Historischen Museum Hannover vor.

Von Simon Benne

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