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Bravouröse Premiere von "Three is a Party"

Staatsballett Hannover Bravouröse Premiere von "Three is a Party"

Mit „Three is a Party“ stellt das hannoversche Staatsballett unter den drei Choreographen Nils Christe, Jiří Bubeníček und Jörg Mannes bravourös seine Vielseitigkeit unter Beweis. Am Sonnabend feierte das Stück Premiere vor einem nahezu ausverkauften Opernhaus.

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Klarheit und Präzision: Nils Christes Choreografie „Fünf Gedichte“.

Quelle: Weigelt

Hannover. Die Beine wollen nicht so recht gehorchen. Eben noch auf Spitze, knickt die Tänzerin ein. Sie rudert mit den Armen, dreht sich, versucht sich zu strecken, groß zu werden im wahrsten Sinne des Wortes. Doch sie bleibt auf dem Boden, kann die Schwerkraft nicht überwinden – und vor allem nicht die Selbstzweifel. Schon rücken andere vor ins Rampenlicht, stehlen ihr die Show. Die Tänzerin wird immer kleiner, krümmt sich regelrecht und kriecht am Schluss förmlich von der Bühne. Es ist ein kleiner, aber großartiger Auftritt, den Cássia Lopes da hinlegt. Vielleicht der beste an diesem dreiteiligen Ballettabend „Three is a Party“ im nahezu ausverkauften Opernhaus.

 

Befristete Verträge, geringes Gehalt, dafür täglich acht Stunden Training plus Abendvorstellungen und darüber hinaus enorm viel Druck und Konkurrenz – der Beruf des Tänzers ist in vielerlei Hinsicht hart. Der Körper ist das Kapital. Ehrgeiz und Disziplin sind das Rüstzeug im Kampf ums Überleben auf der Bühne. Für Jörg Mannes, seit nunmehr zehn Jahren Ballettdirektor am hannoverschen Opernhaus, sind Tänzer daher so etwas wie Helden. Und so hat er anlässlich seines kleinen Jubiläums seinen Ensemblemitgliedern ein halbstündiges Stück auf den Leib geschrieben, das ihre Arbeit und ihren Einsatz würdigt. „Heroes“ zur gleichnamigen Musik aus der 4. Sinfonie von Philip Glass beschreibt facettenreich die Höhen und Tiefen eines Tänzerlebens.

Glass sah sich für seine Sinfonie von David Bowies und Brian Enos Konzeptalbum „Heroes“ inspiriert. Das Orchester unter Leitung von Garrett Keast musiziert atmosphärisch dicht, und das Wechselspiel der verschiedenen Instrumentalgruppen ist perfekt aufeinander abgestimmt. Die Musik verleiht dem Stück geradezu schwebenden Charakter – auch, wenn es eine Choreografie mit viel Bodenhaftung ist. Kitsch und Überhöhung lässt Mannes außen vor. Die minimalistische Musik wirkt sich auch inhaltlich aus: Von schöner Schlichtheit, Eleganz und Prägnanz ist dieses Stück, in dem alle 29 Mitglieder des Ensembles zum Einsatz kommen.

In der Reihenfolge des Abends bildete „Heroes“ das Schlusslicht und gleichzeitig den Höhepunkt. Den Anfang machte der niederländische Choreograf Nils Christe, der bereits 2013 mit der Choreografie „Augen. Spiegel. Seele“ für das Staatsballett begeistert hatte. Jetzt studierte er mit der Compagnie sein bereits 1996 uraufgeführtes Ballett „Fünf Gedichte“ ein. Dabei lässt er die „Wesendonck-Lieder“ von Richard Wagner vertanzen. Zwar prägt das Bühnenbild eine überdimensionale Ansicht von Cumuluswolken (Bühnenbild: Thomas Rupert), doch die Choreografie ist ein Bravourstück an Klarheit und Präzision. Christe ist für seine Musikalität bekannt, und es ist faszinierend zu sehen, wie genau er auf die Liedzeilen choreografiert: Wenn Sopranistin Kelly God singt „Die Lippe verstummt in staunendem Schweigen“, dann legt Aleksandra Liashenko just in dem Moment ihrem Duettpartner Joseph Gray behutsam die Finger auf die Lippen.

factbox

"Three is a Party": wieder heute um 19.30 Uhr sowie am 1., 5., 17. und 23. März, Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

Überhaupt dominiert Liashenko mit ihrer Präsenz und Energie dieses Stück, das lediglich ein Solo (Denis Piza) und vier Pas de deux beinhaltet. Mal bezieht sich der Tanz auf den Text, mal gibt es keine direkten inhaltlichen Verbindungen. Alles aber fügt sich harmonisch ineinander. Ohne Brüche geht hier eine Szene in die andere über. Die Grenzen von Diesseits und Jenseits sind fließend.

Nach so viel düsterer Schönheit nimmt sich Jirí Bubeníceks Beitrag für diesen Abend fast albern aus. Mit seinem Zwillingsbruder Otto war Bubenícek jahrelang Publikumsmagnet des Hamburg Balletts unter John Neumeier, bevor er an die Semperoper wechselte. Im vergangenen Jahr verabschiedete er sich von der Bühne, um sich voll und ganz der Choreografie zu widmen. Und die steht deutlich unter dem neoklassischen Einfluss seines einstigen Mentors Neumeier. Für Hannover hat Bubenícek zusammen mit seinem Bruder, der für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, jetzt ein erotisch angehauchtes Liebeskomödchen ersonnen: „Les Jeux jaloux“ handelt von einem barocken Galan (Patrick Michael Doe), der dem Dienstmädchen (Aleksandra Liashenko) unter den Rock will. Das temporeiche, aber doch reichlich manierierte Haschmich-Spiel ist mit Musik von Mozart unterlegt (Klavier: Annemarie Herfurth). Eine Sternstunde des Tanzes ist das nicht.

Doch Bubenícek, dessen Eltern Zirkusartisten waren und der seine frühe Kindheit in der Manege verbracht hat, gewinnt die Sympathien des Publikums vor allem mit wohldosierten Clownerien. Auch Helden brauchen Spaß.

Von Kerstin Hergt

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