21°/ 11° Regen

Navigation:
„Brief an mein Leben“ von Miriam Meckel
Mehr aus Kultur

Buchvorstellung „Brief an mein Leben“ von Miriam Meckel

Und ewig dreht sich das Hamsterrad: Nimmersatt? Und verrückt nach Öffentlichkeit? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel eckt mit ihrem Buch „Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burn-out“ an.

Voriger Artikel
Carina Plath ist neue Kuratorin im Sprengel Museum
Nächster Artikel
Debatte um die Kunst im öffentlichen Raum keimt neu auf

Miriam Meckel

Quelle: dpa

Es ist schon beachtlich, was Miriam Meckel in den vergangenen Tagen an Kritik und Häme hat einstecken müssen. Die 42-jährige Kommunikationswissenschaftlerin hat ein Buch über ihr Burn-out geschrieben, ihren chronischen Erschöpfungszustand. Jede zehnte Krankschreibung ist mittlerweile auf Diagnosen wie Burn-out oder Depressionen zurückzuführen, besagt die gerade veröffentlichte Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Doch Meckels Buch „Brief an mein Leben“, das sie mit mehreren Interviews beworben hat, hat überraschend heftige Reaktionen ausgelöst. Harald Schmidt verspottete die Autorin; ein Journalist stellte sie als „nimmersatt“ dar, auch für andere Kritiker ist die Sache ziemlich einfach: Hier stellt sich eine, die gern in den Medien präsent ist, auch noch mit ihrer Krankheit aus.

Ist das so?

Es gibt das Buch, weil Miriam Meckel erlebt hat, wie es ist, wenn gar nichts mehr geht. Sie sitzt zwischen halb gepackten Koffern in der Wohnung ihrer Lebensgefährtin Anne Will, hat Schmerzen und Schweißausbrüche. Dann setzt sie sich an den Computer und ruft ihre E-Mails ab. Als sie im Postfach 50 ungelesene Nachrichten sieht, bricht sie unter Weinkrämpfen zusammen. Die Diagnose des Arztes: schwerer Erschöpfungszustand in Verbindung mit einer Infektion.

Burn-out heißt das seit einiger Zeit. Ein Wort, das Meckel wegen seiner „Stress-als-Lifestyle-Anmutung“ ablehnt. Burn-out gilt als Managerkrankheit, quasi als gesellschaftlich akzeptierte Form der Depression. So können Führungskräfte ihr Selbstbild noch im Moment des Scheiterns aufrechterhalten. Meckel will das nicht. Sie will nicht ganz schnell gesund werden, um wieder zu funktionieren. Sie will wissen, was schiefgelaufen ist. Sie tut das auf ihre Art: schreibend. Das Ergebnis: der „Brief an mein Leben“, zu weiten Teilen während ihres Klinikaufenthalts im Allgäu vor gut einem Jahr entstanden.

Es ist das sehr persönliche Buch einer Karrierefrau, die über sich selbst sagt: „Ich bin ein Mensch, der denkt. Das kann ich gut. (...) Ich denke einfach alles weg, was mich berührt oder innerlich aus dem Gleichgewicht bringen könnte.“ Damit hatte sie lange Zeit Erfolg. Meckels Analyse ihres Lebens liest sich wie eine Analyse der Leistungsgesellschaft.

15 Jahre lang ist sie „um die Welt gereist“, hat „gearbeitet, geredet, geschrieben, akquiriert, repräsentiert“, wie sie schreibt. Mit 31 Jahren wird die Kommunikationswissenschaftlerin die jüngste Professorin Deutschlands, dann Regierungssprecherin von Wolfgang Clement in Nordrhein-Westfalen. 2005 wird sie an die Universität in St. Gallen gerufen. ­Meckel bloggt, twittert, lehrt, forscht und hält Vorträge, überall auf der Welt. Kommunikation ist ihre Profession und ihre Leidenschaft. Die Grenzen zwischen Arbeitsleben und Privatleben verschwimmen. Den Urlaub nutzt sie, um die Bücher zu lesen, die im Arbeitsalltag liegen geblieben sind. Texte entstehen schon mal frühmorgens oder spätabends.

Wer sich mit seiner Arbeit identifiziert und aus ihr Befriedigung schöpft, unterwirft sich ihr dabei durchaus freiwillig. Das ist auch bei Meckel so: „Das meiste von dem, was ich gemacht habe, hat mir tatsächlich Freude gemacht.“ Michel Foucault hat in seiner Analyse der Disziplinargesellschaft aufgezeigt, dass kein Zwang so wirkungsvoll ist wie der verinnerlichte, keine Ausbeutung so gut funktioniert wie die Selbstausbeutung. Und ewig dreht sich das Hamsterrad: Zu erledigen gibt es immer etwas, Eigenverantwortlichkeit ist das Zauberwort der Leistungsgesellschaft.

Die Herausforderung liegt darin, Erholungspausen als lebensnotwendig anzuerkennen und die Sorge um sich selbst zu kultivieren. Miriam Meckel versucht es. In der Klinik tut sie dafür sogar Dinge, über die sie sich immer lustig gemacht hat, über imaginierte Blumenwiesen laufen zum Beispiel.

Dass Meckel, deren Arbeit das Schreiben und Lesen ist, ihren Zusammenbruch zum Thema eines Buches macht, ist eigentlich kein Anlass zur Häme: Wer das Buch liest, merkt, dass es ihr ernst ist. Sie hat das Hamsterrad erkannt, in dem sie seit Jahren rennt. Sie weiß auch: „Was Jahrzehnte gut gelernt ist, lässt sich nicht von heute auf morgen über den Haufen werfen. Aber ich übe.“ Ihr Brief ist ein öffentliches Versprechen an ihr Leben.

Miriam Meckel: „Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burn-out“. Rowohlt. 224 Seiten, 18,95 Euro.

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Anzeige
So schön ist die neue Show „Rockstar“ im GOP

Vom 28. August bis 26. Oktober 2014 heißt es: „It’s Rockstar time in GOP!“ Sehen Sie hier exklusive Einblicke in die neue Show.

Anzeige
Dwayne „The Rock“ Johnson als „Hercules“
Foto: Mal Keule, mal Schwert: Dwayne „The Rock“ Johnson als muskelbepackter Halbgott.

Zeus-Sohn Herkules musste schon für zig Hollywoodfilme herhalten. Halb Mensch, halb Gott gibt es ihn in diesem Jahr gleich doppelt im Kino. Nach „Legend of Hercules“ mit Kellan Lutz zeigt nun Dwayne Johnson in dem Action-Spektakel „Hercules“ seine Muskeln. mehr