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Brückenschläge aus der Lichtkathedrale

„Licht-Triptychon“ Brückenschläge aus der Lichtkathedrale

Geheimnisvoll bleibt der Quell dieses flirrenden Lichts - doch seine Folgen sind auf den drei Bildern offensichtlich: Es lässt ein männliches Antlitz gleißend hell erstrahlen, so hell, dass der Abglanz dieses Leuchtens aus der Mitte noch die Halbprofile auf den beiden benachbarten Bildern zu erhellen scheint. „Licht-Triptychon“ hat der Künstler die drei Bilder folgerichtig genannt.

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„Licht ist mein wichtigstes Material“,
 hat Johann Michael Bossard über
seinen Kunsttempel gesagt, der in der Nordheide das Zentrum seiner Kunststätte ist.

Quelle: Petra Diehl

Jesteburg. In ausdrucksstarkem, grobem Pointilismus hat er sie auf den jeweils gut drei Quadratmeter riesigen Holzflächen festgehalten. Und genau dort aufgestellt, wo sie eine besonders eindrucksvolle Kostprobe seiner Lichtdramaturgie bieten - in jenem eigenwilligen Gebäude nämlich, das der Künstler selbst geschaffen und „Kunsttempel“ oder bisweilen auch „Lichtkathedrale“ genannt hat.

Man merkt: Es geht nicht ganz ohne Pathos ab bei Johann Michael Bossard (1874-1950), dem gebürtigen Schweizer, der nach dem Kunststudium in München und Berlin zum Professor an der Kunstgewerbeschule Hamburg wurde. Der nach Jugendstil- und Fauvismus-Experimenten beim Expressionismus landete - der Kunstrichtung, die den inneren Seelenlagen und Geisteshaltungen äußeren Ausdruck verschaffen wollte. Und der in der Nordheide zusammen mit Jutta Bossard, seiner Schülerin und späteren Frau, eines der beeindruckendsten Gesamtkunstwerke des Expressionismus geschaffen hat.

Ein wenig Pathos ist denn auch angebracht angesichts dieses Kunsttempels mit seinen Spitzgiebeln, seinen aufwendig verzierten Säulen, seinen variablen Malzyklen und der aufwendigen Lichtregulierung durch die meterhohen Fenster und das lichtdurchlässige Dach. „Wo sonst“, fragt Gudula Mayr, die Leiterin der heutigen Kunststätte Bossard in der Nordheide, „gibt es heute noch ein Landschafts- und Gebäudeensemble, in dem der Expressionismus sich nicht nur in Malerei und Bildhauerei, sondern auch in der Architektur, dem Mobiliar und den Textilien niedergeschlagen hat?“

In der Tat. Wer die weitläufige Anlage besucht, zu der außer dem Kunsttempel auch das ehemalige Wohnhaus der Bossards mit dem Atelier sowie ein Besucherzentrum inmitten eines gepflegten Parks gehören, taucht in die Zeit des Expressionismus ein. Und wer die Motive in der Skulpturenreihe und im Kunsttempel genauer in Augenschein nimmt, entdeckt darin auch Elemente des Weltbildes von Bossard. Der stand in der Theorie anthroposophischen Denkansätzen nahe - und hat zugleich ganz praktisch Impulse der Lebensreformbewegung aufgegriffen. Die reagierte bekanntlich aufs Elend der Industrialisierung mit dem Bekenntnis zu Natürlichkeit, einfacher Kleidung und gesunder Ernährung. Ihr „Zurück zur Natur“ in Landkommunen variierte Bossard durch die Aufnahme von Freiwilligen für eine Kunstausbildung - wobei in seiner Kunststätte zur künstlerischen auch die landwirtschaftliche Arbeit aus dem Geist allseitiger Selbstversorgung hinzukam. „In dieser zivilisationskritischen Orientierung“, sagt Gudula Mayr, „liegt zweifellos Bossards Aktualität - ebenso wie in seiner Unzufriedenheit mit der etablierten Politik seiner Zeit.“

Trotzdem hat die in Wiedenhof bei Jesteburg errichtete, also inzwischen im Speckgürtel Hamburgs liegende Kunststätte überregional selbst in Fachkreisen lange Zeit nur geringe Aufmerksamkeit gefunden. In Harald Szeemanns Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ ist die Kunststätte in der Nordheide nicht einmal erwähnt worden. Und auch in Roger Fornhoffs 2004, also gut zwanzig Jahre später erschienenen Doktorarbeit „Die Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk“ kommt die Kunststätte Bossard nicht vor.

Doch inzwischen wächst die Aufmerksamkeit für die Reize der „Lichtkathedrale“ und ihres Umfelds. Der Kunsthistorikerin Gudula Mayr, seit 2009 an der Spitze der noch zu Lebzeiten Jutta Bossards (1903-1996) in eine Stiftung überführten Kunststätte, ist es nicht nur gelungen, den Bildhauer Bossard in Publikationen und Ausstellungen zwischen Bernhard Hoetger, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz oder Wilhelm Lehmbruck einzureihen. Inzwischen ist auch seine Kunststätte als Teil einer transatlantischen Ausstellung über Künstlerhäuser als Gesamtkunstwerke in der Münchner Villa Stuck gewürdigt worden. Was in der Heide vielleicht als Sonderbarkeit gelten mochte, steht damit jetzt in einer Reihe mit den gleichfalls künstlerisch gestalteten Domizilen von Claude Monet, Louis Tiffany, Kurt Schwitters und Max Ernst.

Doch wichtiger als nationale oder auch internationale Bekanntheit ist im Alltag der Kunststätte deren aktuelle Nutzung, vor allem durch Wechselausstellungen, die Brücken zum Werk der Bossards schlagen. Soeben ist dort eine Ausstellung mit Werken von Ernst Barlach gestartet, der Bildhauer wie Bossard war und derselben Generation angehört. Fürs nächste Jahr plant Gudula Mayr eine Ausstellung mit dem Titel „Die Malweiber von Paris“, die auch daran erinnert, dass die spätere Jutta Bossard eigentlich nur zu einem Abschiedsbesuch auf dem Weg nach Paris in Jesteburg vorbeigekommen war, doch dann von ihrem Kunstlehrer Johann Michael Bossard von der Weiterreise abgehalten worden war. „Paris ist ja wunderschön, Fräulein Krull“, soll er gesagt haben. „Aber wollen Sie nicht meine Frau werden?“ Eine weitere Ausstellung soll sich Jutta und Johann Michael Bossard als kreativer Lebens- und Schaffensgemeinschaft widmen - und damit auch dem Klischee von der bloßen „Frau an seiner Seite“ begegnen. Hinzu kommen Ausstellungen von regionalen Künstlern sowie Malerei- und Bildhauerei-Workshops, die zur Finanzierung der weitgehend vom Landkreis Harburg getragenen Kunststätte beitragen.

„Wir würden Bossards Werk gern stärker wissenschaftlich erschließen“, sagt Gudula Mayr. Noch fehlen nämlich Werkverzeichnisse für Bossards Plastiken und Gemälde, noch steht die Herausgabe seiner Schriften aus. Doch zunächst hatte der Kunsttempel saniert werden müssen, und jetzt kommen viele Stücke der Kunstsammlung in Jesteburg in ein neues Depot.

Am Geld war übrigens auch Bossards Vision für den Südflügel seines Kunsttempels gescheitert. Hier sollte nach seinem Willen eine „Zelle des ewigen Lichtstrahls“ errichtet werden. Ersatzweise hatte er dort das große „Licht-Triptychon“ aufgestellt - und das zeigt ja eindrucksvoll den Abglanz solchen Strahlens.

„Ernst Barlach und die Musik“. Bis zum 1. November in der Kunststätte Bossard, Bossardweg 95, Jesteburg. Details unter www.bossard.de.

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