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„Als unser Deutsch erfunden wurde“

NDR-Kultur-Sachbuchpreis „Als unser Deutsch erfunden wurde“

Während eines Festaktes im Schloss Herrenhausen ist Bruno Preisendörfer mit dem NDR-Kultur-Sachbuchpreis für sein Werk "Als unser Deutsch erfunden wurden" ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung ist mit 15.000 Euro dotiert.

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Joachim Knuth verleiht den Preis an Bruno Preisendörfer.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Wer hat eigentlich Amerika entdeckt? Mal abgesehen vom Wikinger Leif Eriksson, der dort vor etwa 1000 Jahren an Land ging, und auch mal abgesehen von den Vertretern der Gattung Homo Sapiens, die den Kontinent vor 18 000 Jahren besiedelt haben. War es Christopher Columbus im Jahr 1492? Nein, meint der Sachbuchautor Bruno Preisendörfer – es war Rodrigo de Triana. Preisendörfer schreibt: „Nicht Columbus, sondern dieser junge Matrose im Mastkorb der ,Pinta’ erblickte als Erster die Inseln vor der Küste jenes Landes, das Columbus für einen Teil Indiens hielt und das der Globenbauer und Geograf Martin Waldseemüller im Jahr 1507 nach dem Seefahrer Amerigo Vespucci als ,America’ bezeichnete.“

Schon an diesem einen Satz aus dem Anfang von Bruno Preisendörfers neuem Buch „Als unser Deutsch erfunden wurde“ (Galiani-Berlin, 496 Seiten, 24,99  Euro) ist zu erkennen, dass es der Autor sehr genau nimmt mit der Geschichte, dass er Geschichte auch aus der Perspektive der kleinen Leute schreibt und dass er stets geneigt ist, interessante, ziemlich unbekannte Details mit dem weitgehend bekannten großen Ganzen zu verknüpfen.

Das ist preiswürdig. Gestern wurde Bruno Preisendörfer im Festsaal des Schlosses Herrenhausen mit dem NDR- Kultur-Sachbuchpreis ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist mit 15 000 Euro dotiert – mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse gehört sie zu den höchstdotierten Auszeichnungen für Sachbücher im deutschsprachigen Raum.

Traditionell wird beim Festakt im Schloss Herrenhausen auch das „Opus Primum“ der Volkswagen-Stiftung verliehen. Dieser mit 10 000 Euro dotierte Förderpreis für die beste Nachwuchspublikation des Jahres ging an Manuel Menrath. Der Wissenschaftler wird für sein Sachbuch-Debüt „Mission Sitting Bull. Die Geschichte der katholischen Sioux“ (Verlag Ferdinand Schöningh,
373 Seiten, 39,90 Euro) ausgezeichnet.

Bruno Preisendörfer hat den NDR-Sachbuchpreis 2016 für sein Werk "Als unser Deutsch erfunden wurde" erhalten.

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Was macht ein gutes Sachbuch aus? Joachim Knuth, NDR-Programmdirektor Hörfunk, gab in seiner Rede zur Eröffnung der Festveranstaltung eine klare Antwort: „Gute Sachbücher und ihre Autorinnen und Autoren bieten Erkenntnis, elegante Ideen, den Glamour des Intellektes und die Ästhetik der Sprache. Wenn es besonders gut läuft, kann man in ihnen durch Zufall etwas Wertvolles finden, was man eigentlich gar nicht gesucht hat. Und sich in der Welt ein bisschen besser zurechtfinden, ohne dabei gleich zu denken, dass man die Welt nun verstünde.“

Das Wertvolle, das in Sachbüchern zu entdecken wäre, war auch Thema einer Podiumsdiskussion, die von Moderator Ulrich Kühn geleitet wurde. Ministerpräsident Stephan Weil, Autorin Hilal Sezgin, Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung und Hendrik Brandt, Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sprachen darüber, was Sachbücher heute leisten sollten. Unter dem etwas sperrigen Titel „Wahrhaftigkeit statt Truggebilde – Warum wir Sachbücher brauchen“ diskutierte das Quartett über die Relevanz von Sachbüchern in postfaktischen Zeiten.

All das, was ein gutes Sachbuch leisten muss, leistet natürlich auch das ausgezeichnete Buch von Preisendörfer. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit den Worten: „Mit Klugheit und bestechendem Blick für Details entwirft Bruno Preisendörfer das Panorama einer Epoche im Umbruch. Er lässt keinen Winkel im Dunkeln und hat dabei alle im Blick, die Menschen der Lutherzeit wie die eigenen Zeitgenossen. So erschließt er ein staunenswertes Ganzes. Bildung wird zum Elixier guter Laune, die Lutherzeit zum Spiegel der Deutschen, der das Fremde im Eigenen zeigt. Diese historische Reise macht wacher, heiterer – und klüger für die Gegenwart.“

Die Laudatio auf Preisendörfer hielt Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für ihn ist „Als unser Deutsch erfunden wurde“ keines der kulturgeschichtlichen Bücher, die viel Wissenswertes ausbreiten, aber keine Erkenntnisse liefern. Von solcher Art anekdotischer Kulturgeschichte unterscheide sich „Als unser Deutsch erfunden wurde“ deutlich. Preisendörfer, sagte Claussen, sei ein Zeitreiseführer, der seine Mitreisenden durchgängig zur Reflexion auf sich selbst anstifte: „Er erzählt Seltsames, Befremdliches und Erstaunliches, aber immer so, dass man als Leser über den eigenen Bezug zu diesen Geschichten nachdenkt, über das seltsame Zugleich von Distanz und Nähe sinniert, um Klarheit über sich selbst ringt.“

Statt einer Laudatio, sagte Claussen, hätte er auch gleich eine Lesung des Buches vornehmen können. Das tat er aber doch nicht. An seiner Stelle las die Schauspielerin Sonja Beißwenger aus Preisendörfers ausgezeichnetem Buch. In einer dieser Passagen ging es auch um Luthers Sprache. Hier weist Preisendörfer nicht nur auf Wörter wie Lückenbüßer, Feuereifer, Herzenslust, friedfertig oder kleingläubig hin, die die deutsche Sprache Martin Luther zu verdanken hat, sondern zitiert auch einen berühmten Ausspruch des Reformators: „Es ist ein groß Unterschied, etwas mit lebendiger Stimme oder mit toter Schrift an Tag zu bringen.“

Was sicher auch als ein guter Rat an Sachbuchautoren zu verstehen wäre.

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