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00:32 26.09.2015
Das Konzert sollte ursprünglich im vorigen November stattfinden. Wegen einer Kehlkopfentzündung hatte es der Sänger aber absagen müssen. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Bryan Ferry in Jogginghose – das ist kaum vorstellbar. Man kennt ihn nur im Anzug. Sein Image sitzt perfekt. Er hat es über Jahrzehnte gepflegt, manchmal bis an die Grenze zur Selbstparodie. Da ähnelt er Bob Dylan, dem knurrigen Kauz, oder Keith Richards, den man immer mit Gesichtsfurchen, Grinsen und Kippe vor sich sieht.

Ferry ist der Samtmann, auch hier, beim Konzert in Hannover. Der Stoff seiner schwarzen Jacke schimmert sanft, seine Stimme auch. Man denkt: Gleich fällt ihm eine Strähne seines Haares ins Gesicht.

Wie hält er das nur aus? Hört das denn nie auf, dieses gleichzeitige Streben nach Liebe und jugendlicher Ungebundenheit, von dem er immer wieder singt? Auch mit fast 70 – am Sonnabend hat er Geburtstag – beschreibt er das Leben als Serie von Loopings: als sich ständig wiederholende Abfolge von Verlangen, Überschlag, Enttäuschung. Wie lange machen Herz und Kreislauf diese Aufregung mit?

„Ich weiß, ich werde mich nie wieder verlieben“, meint er in „Avonmore“, dem Titelsong seines aktuellen Albums. Auch diese sinatrahafte Schwermut ist typisch für den ewigen Streuner, den „Slave to Love“ und Herzensbrecher. In Ferrys Show glitzert die Sehnsucht, und die Schmerzen glitzern mit.

Das Konzert sollte ursprünglich im vorigen November stattfinden. Wegen einer Kehlkopfentzündung hatte es der Sänger aber absagen müssen. Die etwa 2000 Fans, die beim Nachholtermin dabei sind, erwarten, dass er und seine neunköpfige Band viele Roxy-Music-Hits spielen. Den Gefallen tut er ihnen nicht ganz. Er covert zum Beispiel auch den eher unbekannten Bob-Dylan-Song „Bob Dylan’s Dream“.

Ferry lässt sich weit zurückfallen. Bis in die Siebziger. Mit „Virginia Plain“ und „Ladytron“ erinnert er an die wilden, experimentellen Anfangsjahre, als der damalige Keyboarder Brian Eno Moog-Synthesizer und Mellotron auf die Bühne schleppte, um Mondlandungsgeräusche nachzuahmen. Ferry lässt Jorja Chalmers am Saxofon und Gitarrist Jacob Quistgaard dabei alle Freiheiten. Der Sound wird hitzig. „Out of the Blue“ endet mit einem Zischen.

„Now the Party’s over, I’m so tired“, singt Ferry in „Avalon“, dem Titelstück des letzten Roxy-Music-Albums, das 1982 erschien. Es geht um die Trennung von seiner Freundin Jerry Hall, die ihn wegen Mick Jagger verließ. Vielleicht hatte Ferry aber auch Roxy Music satt. Seine Musik war zum Klischee verkommen, stand für Luxus-Pop, für Champagner-Sound, sehr elegant, aber eher unecht. Heute, mehr als 30 Jahre später, schenkt Ferry, ganz auf dem Retro-Trip, gern nach.

Bill Murray hat einmal im Film „Lost in Translation“ eine Karaokeversion von „More than this“ gesungen. Seine Stimme wirkte brüchig, alt und abgeschminkt, er klang wie jemand, der den letzten Zug verpasst hat. Ferry bietet seine Hymne der Desilllusionierten im Original. Er scheint sie sogar schneller als sonst zu spielen. Dann, bei „Love is the Drug“, stehen die Zuschauer auf, tanzen. Ferry und Band hetzen weiter. Ziemlich routiniert. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten ist schon Schluss. Die Fans wären gern ein bisschen länger geblieben. Aber Ferry will wohl den letzten Zug noch schaffen.

von Matthias Begalke

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