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02:15 12.08.2017
Von Simon Benne
Luther auf der Spur: Gerhard Wegner in der Buchhandlung an der Marktkirche. Quelle: Benne
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Hannover

Die Vorstellung, dass ein Job einfach ein Job sein könnte, war ihm fremd: "Wir sollen mit fröhlichem Gewissen in unserem Berufe bleiben", befand Dr. Martin Luther. Arbeit, auch die niedrigste, war für ihn eine Art Gottesdienst: "Ein Knecht im Stall wie der Knabe in der Schule dienen Gott", bemerkte er. Beruf und Berufung gehörten für ihn zusammen.

"Luther ist gewissermaßen der Erfinder des Berufs", sagt Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Nicht nur die berühmte Erwerbsethik seines Kollegen Calvin, sondern auch Luther selbst ertüchtigte den Fleiß der Protestanten: Arbeitsdisziplin und Produktivitätssteigerung folgten der Reformation auf dem Fuß. Nicht nur Akademiker, sondern auch einfache Handwerker trieben ihr Tagwerk nun mit Ernsthaftigkeit und großem Selbstbewusstsein: "Sogar unser duales Bildungssystem ist letztlich typisch lutherisch", sagt Wegner.

In der Buchhandlung an der Marktkirche hat der Theologe jetzt einen Band mit 30 Essays vorgestellt, der - ganz weltlich - die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen der Reformation in den Blick nimmt. Eine illustre Riege von Autoren hat für das Buch "Von Arbeit bis Zivilgesellschaft - Zur Wirkungsgeschichte der Reformation" (Evangelische Verlagsanstalt, 393 Seiten, 30 Euro) zur Feder gegriffen. Theologen wie Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm, doch auch Juristen, Ökonomen und Soziologen untersuchen, was Luther zu Freiheit oder Geld, zu Familie oder Sozialismus zu sagen hatte - und was davon heute noch aktuell ist.

Für die Soziologin Jutta Allmendinger ist die Reformation "Dreh- und Angelpunkt der deutschen Bildungsgeschichte". Schließlich sollte jeder Christenmensch die Bibel lesen können; Bildung wurde also an die Religion gekoppelt. Einen Nachhall des lutherischen Bildung-für-alle-Konzepts macht Allmendinger noch in den aktuellen Debatten um Inklusion in der Schule aus. Hans-Jürgen Papier, früherer Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zeigt, dass die Reformation die Grundlagen der rechtsstaatlichen Demokratie schuf.

Von Luther führt auch eine direkte Linie zum Sozialstaat, der sich im 19. Jahrhundert vor allem in den lutherischen Ländern Deutschlands und Skandinaviens entwickelte: Schließlich hatte der Reformator ein positives Staatsverständnis; dem Fürsten kam eine soziale Verantwortung für seine Untertanen zu. "Calvin wird oft als Erfinder des Kapitalismus bezeichnet", sagt Wegner, "Luther war eine Urgestalt des Sozialstaats." Freilich merkt der Publizist Friedrich Diekmann an, dass auch die DDR als totalitärer Fürsorgestaat ganz in Luthers Tradition stand.

Eine kritiklose Lobhudelei Luthers findet sich in dem Band nicht. Doch die Essays zeigen, dass die Folgen der Reformation ganz von dieser Welt sind. Und dass Deutschland lutherischer ist, als viele glauben. Sogar dort, wo es katholisch oder kirchenfern ist.

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