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Käßmann und die „Neuentdeckung der Freiheit“

Buch mit Bedford-Strohm Käßmann und die „Neuentdeckung der Freiheit“

Zum Reformationsjahr haben Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm gemeinsam mit der HAZ ihr Buch „Die Welt verändern“ präsentiert. Am 8. Dezember sind beide Autoren zu einer Lesung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche zu Gast.

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„Hoffnungslosigkeit können wir uns nicht mehr leisten“: Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm. Foto: Schlösser

Hannover. Das Papsttum haben die Protestanten bekanntlich abgeschafft, und folglich kann es zum großen Reformationsjubiläum auch keine evangelische Enzyklika geben. Wenn es jedoch ganz offiziell ein Buch zum Fest gäbe, wäre es wohl dieses. Schließlich haben Deutschlands prominenteste Theologin und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinsam zur Feder gegriffen, um „Die Welt verändern - Was uns der Glaube heute zu sagen hat“ zu verfassen.

Lesung in Hannover

Die beiden Autoren Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm stellen ihr Buch „Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat“ (Aufbau-Verlag, 293 Seiten, 22 Euro) in Hannover am Donnerstag, 8. Dezember, vor. Die gemeinsame Lesung findet in der Neustädter Hof- und Stadtkirche, Rote Reihe 8, statt. Los geht’s um 19.30 Uhr. Die gemeinsame Veranstaltung der HAZ, des Aufbau-Verlags und der Buchhandlung an der Marktkirche wird moderiert von HAZ-Redakteur Michael B. Berger. Der Eintritt ist kostenlos. Um Spenden für die HAZ-Weihnachtshilfe wird gebeten.

Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm skizzieren zunächst einen Rückblick auf die Reformation - und einen Ausblick. Denn einerseits geht es dabei um Klosterleben und Ablasshandel, um Gnadenlehre und Thesenanschlag, um Bibelübersetzung und „Hier stehe ich und kann nicht anders“. Um den Kanon historischer Ereignisse also. Doch andererseits ist eine recht verstandene Reformation ja nie zu Ende. Und daher geht es auch um die Zukunft: „Den Luxus der Hoffnungslosigkeit können wir uns nicht mehr leisten“, schreiben die Autoren mit Blick auf Terrorangst und Flüchtlingselend. Mit einer Zuversicht, wie man sie außerhalb von Kirchenkreisen nur selten findet, ermuntern sie die Gläubigen tatsächlich, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Ihr christliches Bekenntnis fällt ziemlich fromm und zugleich sehr politisch aus. Reformation bedeute für ihn vor allem eine „Neuentdeckung der Freiheit“, bekennt Bedford-Strohm. Er erinnert an Luthers dialektischen Doppelsatz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Der Gläubige sei demnach nur an sein Gewissen gebunden - und aus seiner inneren Freiheit erwachse das Engagement für den Nächsten, erklärt Bedford-Strohm im Gespräch mit Moderatorin Dunja Hayali, die selbst aus einer christlich-irakischen Familie stammt.

Solche Glaubensgespräche sind das Herzstück des Buches. Die Autoren geben keine Weltsicht vor, sondern pflegen - gut protestantisch - das Prinzip Dialog: Sie tauschen sich über Gott und die Welt aus, bevorzugt mit Leuten, die nicht als Frömmler bekannt sind. „Es gibt geradezu einen Hochmut gegenüber Religion, den ich nicht verstehe“, bekennt ausgerechnet der linke Publizist Jakob Augstein gegenüber Käßmann. Dabei sei Spiritualität ein menschliches Grundbedürfnis, und die Bibel halte er sogar für das „zentrale Gründungsdokument des Westens“.

Teils fallen diese Gespräche sehr tief und sehr persönlich aus: Sie sei „enttäuscht und traurig“, gesteht Hannovers frühere Landesbischöfin gegenüber Augstein, dass so viele Menschen an ihrem Lebenssinn vorbeigingen: „Ich habe den Eindruck, dass die Menschen überhaupt keine Sprache für den Glauben mehr haben.“ Doch gleich danach erinnert sie kämpferisch an den Mut der Christen im Widerstand gegen Hitler und daran, dass die Kirche in der DDR ein Hort der Bürgerrechtler war. Ihr Credo: Protestantischer Untertanengeist ist längst passé, und Glaube macht Mut, politisch zu handeln. Auch den protestantischen Politikern Merkel und Gauck bescheinigt sie „eine gewisse Angstfreiheit“.

Wenn aber Religion so segensreich ist - was ist dann mit den „Gotteskriegern“, die im Namen des Allmächtigen morden? Gegen fundamentalistische Religion, sagt Käßmann, helfe vor allem religiöse Bildung. Sie selbst pflegt keine Feindbilder: Zum ersten Mal sei ein Reformationsjubiläum nicht antikatholisch geprägt, sagt sie. Eine Wiedervereinigung der Kirchen sei jedoch nicht ihr ökumenisches Ziel; sie setze eher auf „versöhnte Verschiedenheit“, sagt Käßmann: „Ich finde Verschiedenheit nicht beängstigend.“

Im Gespräch mit dem muslimischen Gelehrten Mouhanad Khorchide geht es um ein heikles Thema - Luthers Hasstiraden gegen Juden. Bedford-Strohm macht selbstkritisch und unmissverständlich klar, „dass Luther da geirrt hat“. Einige Forscher halten heute Luthers komplette Theologie für antijudaistisch grundiert. Bedford-Strohm erklärt die Ausfälle des späten Luther hingegen eher biografisch: Der Reformator sei enttäuscht darüber gewesen, dass sich Juden nicht - anders als von ihm erwartet - in Scharen dem Christentum zugewandt hätten.

Käßmann und Bedford-Strohm verzichten darauf, einen dogmatischen Glaubenssatz über die Unverzichtbarkeit der Religion in Stein zu meißeln. Stattdessen bieten und sammeln sie verschiedene Glaubenszeugnisse, die sich am Ende wie ein Mosaik zu einem kompletten Bild fügen. Dieses lässt erkennen, wie eng Glaube und die Gestaltung der Welt für viele Menschen zusammengehören. „Dass wir in unserer Gesellschaft überhaupt noch allgemeinverbindliche Moralnormen haben“, sagt in einem der Interviews Gregor Gysi, „liegt an den Kirchen und Religionsgemeinschaften.“

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