Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Buchkritik: „Kulturinfarkt ist Quatsch“

Interview Buchkritik: „Kulturinfarkt ist Quatsch“

Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik, hält den Vorstoß der Autoren des Buches „Kulturinfarkt“ für verfehlt. Im Interview mit der HAZ sagt er, wohin die Kulturförderung gehen soll.

Voriger Artikel
Droht ein „Kulturinfarkt“?
Nächster Artikel
„Wir sind im Mainstream angekommen“

Wolfgang Schneider will mehr Menschen an der Kulturförderung beteiligen.

Quelle: HAZ

Hannover. HAZ-Redakteur Ronald Meyer-Arlt spricht mit Hochschulprofessor Wolfgang Schneider über Subventionen in der Kultur. Der 58-Jährige ist Experte für Kulturpolitik, Kulturförderung sowie Kulturelle Kinder- und Jugendbildung.

HAZ: Als Deutschlands einziger Professor für Kulturpolitik beschäftigen Sie sich an der Uni Hildesheim mit Fragen der Kulturförderung. Fühlen Sie sich durch die Thesen der vier Autoren bestätigt?

Schneider: Die Rede vom Kulturinfarkt ist Quatsch. Der Begriff hilft vielleicht beim Marketing, sonst hilft er nicht. Denn ein Kulturinfarkt würde ja bedeuten, dass das System sich selbst kaputt macht und kollabiert. Das ist natürlich nicht der Fall. Die Idee, einfach so fünfzig Prozent der Kulturförderung anders zu verwenden, entspricht einer romantischen „small is beautiful“-Vorstellung, die aber jedem Verständnis in unserer Gesellschaft zuwiderläuft, wonach Qualität durch Wachstum definiert wird.

HAZ: Wenn es nach dem Willen der Autoren geht, soll aber nicht einfach nur eingespart, sondern anders verteilt werden.

Schneider: Was die Herren da zum Besten geben, ist auch der Leuchtturmblick auf die Bundesliga der Künste. Da wird die Kulturpolitik in Deutschland auf die bekannten Institutionen reduziert. In der Tat sind ja die Überlegungen des Autorenteams richtig, aber sie führen leider zu falschen Konsequenzen. Das alles dient mehr der Provokation als dem vernünftigen Diskurs.

HAZ: Aber es ist doch nicht alles nur Unsinn?

Schneider: Nein, die Aussagen darüber, was sich in den vergangenen zehn Jahren alles in die falsche Richtung entwickelt hat, kann ich nachvollziehen. Es ist ja richtig zu fragen, ob man jede Oper unbedingt erhalten muss. Vielleicht hat sich hier tatsächlich manches überlebt. Auch ich fordere ja seit Jahren eine Umorientierung, Umverteilung und Umstrukturierung in der Kulturpolitik. Aber es wäre halsbrecherisch, das alles aufzugeben, wofür Künstler und Kulturvermittler jahrelang gekämpft haben. Es geht nicht darum, die Kulturförderung abzuschaffen, sondern darum, möglichst viele an ihr zu beteiligen.

HAZ: Ist Hilmar Hoffmanns These von der „Kultur für alle“ wirklich so obsolet, wie die Autoren vom „Kulturinfarkt“ glauben?

Schneider: Ich würde die Aussage: „Kultur für alle ist gescheitert“ lieber im Konjunktiv machen: „Kultur für alle könnte gescheitert sein“. Eine der wesentlichen Forderungen Hilmar Hoffmanns war es ja, Kultur und Bildung zusammenzubringen. Und da sind wir in den vergangenen dreißig Jahren nicht viel weiter gekommen. Dieses Ziel darf man nicht aus den Augen verlieren. Die Förderung der kulturellen Bildung ist die beste Kulturförderung. Dringend sollte ein zentrales Fach kulturelle Bildung geschaffen werden, in dem sowohl Kunst als auch Musik und Theater gelehrt wird. Das nützt den Kulturinstitutionen, denn dadurch entsteht ein neues, interessiertes, kritisches Publikum. Und dann wird es auch eine Revolution im künstlerischen Bereich geben. Da bin ich mir absolut sicher.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Kulturpolitik
../dpa-InfoLine_rs-images/large/jpeg-1480DA00FB95401C-20120313-img_35624808.original.large-4-3-800-0-67-3982-3051.jpg

Mit ihrem Buch "Der Kulturinfarkt", das erst am 20. März erscheint, haben die Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz bereits jetzt für einen Aufschrei in der deutschen Kulturlandschaft gesorgt.

mehr
Mehr aus Kultur
„Horror“ im Theater am Aegi