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Neues Kraftklub–Album „In Schwarz“ Einfach mal machen

Auf ihrem zweiten Album „In Schwarz“ gibt sich die Band Kraftklub kämpferisch – nicht nur aus Spaß. Eine Plattenkritik von Karsten Röhrbein.

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Das neue Album „In Schwarz“ von Kraftclub in der Kritik.

Quelle: dpa

Hannover. Wahrscheinlich hat Mama sogar recht. „Junge, geh mal schlafen, fahr mal Urlaub!“, hat sie gemeint – doch das interessiert Felix Brummer jetzt wenig. Er hält sich lieber an Die Ärzte, an die mahnenden Worte aus der Punkrockplaylist: „Ich soll auf die Straße, sagt Farin Urlaub“, singt Brummer. Und da steht er jetzt, mit Wut im Bauch und dem Lieblingssong im Ohr. Blöd nur, dass keiner mitgekommen ist. Vermutlich weil auf RTL mal wieder „Frauentausch“ läuft.

Zehn Jahre alt ist „Deine Schuld“, der Ärzte-Song, den Brummer auf dem neuen Album seiner Band Kraftklub zitiert. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist / Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“, hatte Farin Urlaub damals gesungen. Und weil Brummer findet, dass sich auch 2014 noch immer zu viele beklagen, aber zu wenige etwas ändern, greift er den Klassiker in „Schüsse in die Luft“ auf  – und bringt ihn auf den Slogan:  „Die Revolution - oder ,Berlin – Tag und Nacht’.“

Smarte Slogans haben Kraftklub 2012 erst zu Stars gemacht. „Ich will nicht nach Berlin“, heißt ihr wohl bekanntester. Im gleichnamigen Song vom Debütalbum „Mit K“ machten sich die fünf Jungs aus Chemnitz über die Hauptstadt-Hipster und deren notorisches Projekte-Gefasel lustig. Anders als Deutsch-Rapper wie Fler, dessen neuerliches stumpfes Hipster-Bashing bestenfalls unfreiwillig komisch ist, hielt sich Kraftklub schon damals eher an Karl Kraus und führte die selbstverliebte Szene vor, indem die Band typische Friedrichshain-Sätze für sich sprechen ließ: „Gibt’s den Café Latte auch mit Sojamilch?“ Ein bisschen unlauter, aber grundsympathisch – zumal Brummer trotzig einräumte, dass die anderen Städte tatsächlich viel weniger zu bieten hätten, Chemnitz nicht ausgenommen.

Nicht nur Dank des von Manager Beat Gottwald penibel gepflegten Underdog-Images und des gut getimten Humors hat Kraftklub 200 000 Debütalben verkauft. Sänger Brummer, sein Bruder Till (Bass), Drummer Max Marschk und die Gitarristen Steffen Israel und Karl Schumann brachten den Rap in die schrabbeligen Indierockklubs. Während andere Gitarrenband aktuelle Bezüge tunlichst vermieden, scherten sich die Chemnitzer nicht um das Verfallsdatum ihrer Texte. Felix Brummer schimpfte im markanten Sprechgesang über die miesen letzten Folgen der TV-Serie „Scrubs“, über Mario Barth und die seelenlosen Songs der Black Eyed Peas – mit rasend schnellem Wortwitz, der an Rap-Grenzgänger Dendemann erinnerte, und auch heute noch Spaß macht. Auch in der jüngeren Musikgeschichte bediente sich die Band: Brummer sang über Tocotronic und die Sterne, über Morrissey, Oasis und die Arctic Monkeys. Für „Karl-Marx-Stadt“ entlehnte die Band schamlos die „Loser“- Hookline von  Slacker-Ikone Beck, von den schwedische Rockrüpeln The Hives lieh sie nicht nur ein Riff, sondern auch die Idee mit dem Corporate Design: Kraftklub, das war seitdem die hibbelige Band mit den schwarz-weißen Collge-Jacken.     

Mit dem neuen Album sind die College-Jacken Geschichte. Stattdessen trägt die Band jetzt Harrington-Jacken und Polohemden – komplett in schwarz. Die Skinny-Jeans sind – wie der Sound – immer noch sehr tight. Aber Kraftklub ist unverkennbar ernster geworden. In „Schüsse in die Luft“, dem wichtigsten der zwölf neuen Titel, hadert Felix Brummer mit jenen, die Trash-TV „natürlich nur ironisch und nur so nebenbei“ gucken. Ironie, schön und gut, aber gelegentlich müsse man auch mal den Hintern vom Sofa bewegen, wenn sich etwas ändern soll, das ist die Botschaft. „Bevor du etwas falsch machst, dann mach mal lieber gar nichts“, ätzt Brummer. Seine Band ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Kraftklub engagiert sich für eine Alphabetisierungskampagne und hat in Chemnitz ein Musikfestival etabliert.  Umso mehr ärgert es die Band, dass auch in der Provinz manchmal kein Platz zum Sachen machen ist: Der Song „Meine Stadt ist zu laut“ handelt vom Chemnitzer Club Atomino, wo die Band 2010 die Veröffentlichung ihrer ersten EP feierte. Dort haben Investoren inzwischen die Musik abgestellt: Nach Beschwerden musste der Laden, den Felix Brummers Vater einst mitbegründete, von der Fußgängerzone in die Peripherie umziehen – dorthin, wo die Partys keinen stören. Doch auf „In Schwarz“, das nicht ganz die Klasse  von „Mit K“ hat, gibt es auch typische Kraftklub-Titel: ein grimmiges Lied über fiese Fahrraddiebe, einen Song über das Betrunken-bei-der-Ex-Anrufen und gleich zwei, die sehr lässig auf Fans eingehen, die beklagen, dass die Band jetzt „Mainstream“ sein: „Frei-Alk“, so singt Brummer schön lakonisch in „Zwei Dosen Sprite“, „macht blöderweise keinen Sinn, wenn man ihn braucht, um sich die Leute auf der Party schönzutrinken.“

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