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Kultur „Die Tradition und ich, wir mögen uns“
Nachrichten Kultur „Die Tradition und ich, wir mögen uns“
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06:58 22.12.2014
Von Jutta Rinas
Konzert mit Maja Pawelke und Nicolai Krügel vom Staatsorchester (Bild oben), Werkstattgespräch (Bild unten) zwischen Detlev Glanert und Klaus Angermann. Quelle: Eberstein
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Hannover

 Denn so konnte man schon zu Beginn des Konzerts – noch vor jeder intellektuellen Auseinandersetzung – hören, mit welch erstaunlicher klanglicher Sensibilität Glanert, dessen Oper „Caligula“ am 17. Januar in Hannover Premiere haben wird, seine Werke entwickelt.

„Fliegend“, „schwebend“, „wirbelnd“ lauten die Vortragsbezeichnungen seiner „Drei Stücke für Klarinette und Klavier“ schlicht. Aber was macht Glanert daraus für eine Musik! Ein Dialog entspinnt sich im ersten Satz der 2003 geschriebenen Klangimpressionen zwischen den Instrumenten (Klarinette: Maja Pawelke, Klavier: Nicolai Krügel). Es wirkt tatsächlich so, als würden die Töne wie Federbälle durch die Luft fliegen: So frei, so rhapsodisch, so leichthändig sind die Motive entwickelt. Eine Klarinettenmelodie, die wie aus dem Nichts aufscheint, und, vom Klavier mit Farbtupfern untermalt, nach expressivem Mittelteil wieder in der Stille mündet, prägt den zweiten Satz. Der dritte, wirbelnde, kommt mit prägnantem rhythmischem Duktus daher.

Ob ihn außermusikalische Vorstellungen besonders inspirieren, will Operndramaturg Angermann danach wegen der nicht aus der Musik stammenden Vortragsbezeichnungen von Glanert wissen. Er habe die Werke als Auftragskompositionen für einen Klarinettisten geschrieben und speziell die Klarinette verbrauche beim Spielen ja viel Luft. Deshalb habe er „aus drei Bewegungsformen der Luft“ Stücke entwickeln wollen, erläutert der 57-Jährige. „Schon bei so kleinen Begriffen“, bestätigt er dann, „geht bei mir die Vorstellung los“.

Ruhig, freundlich – und dennoch spürbar voller Leidenschaft für die Musik – stellt der gebürtige Hamburger seine Art zu arbeiten dann in einer Art Werkstattgespräch vor. Der Mann, der selbst vor allem als Opernkomponist bekannt ist, erzählt, wie er als Kind bildungsbürgerlicher Eltern im Abonnementkonzert mit dem Vater zum ersten Mal Mozarts „Zauberflöte“ hört – und davon so fasziniert ist, dass er danach dreimal in der Woche in der Oper zu finden ist.

Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ habe er mit zwölf Jahren zum ersten Mal gehört und sei „entsetzt gewesen, dass es so etwas gibt“. Dennoch sei er sechs Mal in der Inszenierung des Stücks des Kölner Avantgardekomponisten und Antipoden von Karlheinz Stockhausen gewesen. Glanert, Schüler von Hans Werner Henze, beschreibt, dass er – anders als viele andere Komponisten seiner Generation – nie das Bedürfnis gehabt habe, mit der tonalen Musik zu brechen. „Ich spiele heute noch gern mit dem, was es schon gibt“, sagte er lächelnd: „Die Tradition und ich, wir mögen uns.“ Charakteristisch für diese Haltung ist, dass Glanert ein selten gewordenes Genre pflegt: Er schreibt Bearbeitungen.

Manchmal orchestriert er die Werke früherer Komponisten nur, manchmal greift er aber auch tief in die Textur ein. Robert Schumanns „Geistervariationen“ beispielsweise, dessen letztes Werk bevor er, gequält von Wahnvorstellungen in die Nervenheilanstalt eingeliefert wurde, umrahmt der Hamburger mit bedrohlicher, verstörend wirkender, eigener Musik. Sie lässt die Schönheit von Schumanns Werk nur umso mehr erstrahlen. Dass es manchmal keine harmlosen „luftigen Begriffe“, sondern dramatische Ereignisse sind, an denen sich Glanerts Phantasie entzündet, zeigten auch die dritte Komposition des Abends: „Pas de Quatre“ – Glanerts Zweites Streichquartett. Der 57-Jährige schrieb das Stück zum 80. Geburtstag seines Lehrers Hans Werner Henze, in einer Zeit, in der Henze schwer erkrankt war, laut Glanert sogar zwei Monate im Koma lag. Musiker des Niedersächsischen Staatsorchesters machten daraus, wie schon aus den „Geistervariationen“, ein zutiefst berührendes Stück Musik.

Detlev Glanerts Oper „Caligula“ rückte in Hannover an die Stelle der Uraufführung von Giorgio Battistellis „Lot“, nachdem bekannt geworden war, dass Battistelli die Partitur seines Werkes nicht rechtzeitig fertigstellen kann. „Lot“ wurde auf die Spielzeit 2015/16 verschoben.
„Caligua“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Albert Camus – und thematisiert das Wirken eines der gewalttätigsten Despoten der Antike, eben des gleichnamigen römischen Kaisers.  Premiere ist am Sonnabend, 17. Januar, um 19.30 Uhr. Regie führt Frank
Hilbrich, die musikalische Leitung hat
Karen Kamensek. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11

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