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Cannes-Festival beginnt mit großer Enttäuschung

70. Filmfestival Cannes-Festival beginnt mit großer Enttäuschung

Trotz Cotillard, Gainsbourg und Amalric: Der Auftakt des 70. Filmfestivals im südfranzösischen Cannes ist missglückt. Der Grund: Das überdrehte Liebesdrama „Les fantômes d’Ismaël“.

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„Es ist laut, spannend, lustig“

Die Stars des Cannes-Eröffnungsfilm „Les fantômes d’Ismaël“ waren natürlich vor Ort: Schauspieler Mathieu Amalric (l-r), Regisseur Arnaud Desplechin und die Schauspieler Marion Cotillard, Louis Garrel, Charlotte Gainsbourg, Hippolyte Girardot und Alba Rohrwacher.

Quelle: dpa

Cannes. Cannes ist eine Festung. Man sieht es nicht, man kann es nur ahnen und in der lokalen Zeitung nachlesen: Kriegsschiffe irgendwo draußen in der Bucht, Aufklärungsflugzeuge und Antidrohnen-Spezialisten im Einsatz, gesperrter Luftraum über der Stadt, dazu Scharfschützen, berittene Polizei, Hunderte Zivilbeamte.

Manche Einheimische vergleichen die Anti-Terror-Maßnahmen der 70. Cannes-Ausgabe schon mit denen vom G20-Treffen der Politiker vor sechs Jahren. Und dabei geht es zehn Tage lang allein um Filme bei dem Mittwochabend mit vielen Stars eröffneten Festival.

Oh là là, alles so französisch hier

Aber dann passiert man zum ersten Mal den bei jeder Vorführung obligatorischen Scanner-Check, wie man ihn vom Flughafen kennt, ist endlich drin im Festivalpalais - und die kriegerische Welt da draußen rückt erst einmal in weite Ferne.

Zumindest im Eröffnungsfilm: „Les fantômes d’Ismaël“ heißt dieser, und bald schon möchte man rufen: Oh là là, alles so französisch hier! Gleich drei französische Stars hat der französische Regisseur Arnaud Desplechin am Start und vertieft sich fortan wie schon in seinen vorigen Filmen (“Ein Weihnachtsmärchen“, „Jimmy P.“) in die Vergangenheit seiner Charaktere.

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Am Mittwoch wurden in Südfrankreich die 70. internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet. Auf dem roten Teppich präsentierten sich die Stars in bezaubernden Roben.

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Kinoregisseur Ismaël (Mathieu Amalric) jagt die Geister seines Lebens, und einer ist soeben so selbstverständlich wie nach einem etwas ausgiebigerem Zigarettenholen wieder aufgetaucht - seine vor 21 Jahren, acht Monaten und sechs Tagen ohne weitere Erklärung verschwundene Frau Carlotta (Marion Cotillard), die er längst für tot hat erklären lassen.

Inzwischen lebt Ismaël mit der Astronomin Sylvia (Charlotte Gainsbourg) zusammen, die ihren Stern plötzlich rapide sinken sieht. Denn Carlotta möchte ihren Gatten zurück, und der ist sichtlich noch nicht über die Entschwundene hinweg.

Ein Hauch Fellini, eine Prise Hitchcock

Wer jetzt allerdings eine nervenzerfetzende Beziehungsschlacht oder eine Melodram erwartet, liegt falsch. Regisseur Desplechin will seinen Film-im-Film-Spaß und lockt die Zuschauer immer wieder in die schräge Szenerie eine Spionagekrimis, den Ismaël gerade dreht. Die Handlung führt bis nach Afghanistan, droht dem von Schlaflosigkeit gepeinigten und ständig trinkenden Regisseur aber gerade aus den Händen zu gleiten.

Klingt krude? Ist es auch. Nur momenteweise wird ehrlicher Schmerz über den Verlust eines Menschen oder die Krise eines Künstlers spürbar. Tatsächlich zerfällt der Film in viele. Ein Hauch Fellini (“8 1/2“), eine Prise Hitchcock (“Vertigo“): Das reicht nicht, um diese Dreiecksgeschichte zum Schwingen zu bringen.

Nur eine Klammer gib dem überdrehten Konstrukt Halt: Was Albtraum ist und was Wirklichkeit, ist schwer zu erkennen. Carlotta, von Cotillard als Undurchschaubare gespielt, ist hier noch die interessanteste Figur.

Für einen Moment aber fragt sich der Gast aus Deutschland: Wann hat die Berlinale je so selbstbezüglich aufs Nationale zu Beginn gesetzt? In diesem Jahrhundert jedenfalls nicht - Tom Tykwers Eröffnungsfilme (“Heaven“, 2002, und „The International“, 2009) waren US-Koproduktionen mit internationaler Besetzung.

Noch viel Luft nach oben

Fürs französische Kino aber hat das Schaulaufen eben erst begonnen. Im Wettbewerb gemeldet sind allein vier Spitzenkräfte: François Ozon mit dem Erotikthriller „L‘Amant Double“, Jacques Doillon mit dem Künstlerporträt „Rodin“ und Robin Campillo mit „120 Battements par Minute“, in dem er vom Kampf Pariser Aktivisten gegen die Aidsepedemie erzählt.

Und Michel Hazanavicius (Oscar-Gewinner mit „The Artist“) schickt mit „Les Redoutables“ einen Liebesfilm über Jean-Luc Godard ins Rennen. Das würden sich deutsche Regisseure auch zwei Mal überlegen: einen der ihren - und dann noch einen Lebenden! - zum Gegenstand eines Filmes zu erheben. Aber warum nicht? Im 70. Cannes-Jahr ist jedenfalls noch viel Luft nach oben.

Von Stefan Stosch/RND

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