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Kultur Carolin Emcke liest im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Carolin Emcke liest im Schauspielhaus
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00:15 18.11.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Carolin Emcke ist zu Besuch im Schauspielhaus. Quelle: Irving Villegas
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Hannover

Oft ist es im Theater ja so: Bekannte treffen sich vor der Vorstellung im Foyer, man redet miteinander und beim Abschied wünscht man sich „Gute Unterhaltung“. Hier ist es anders. Hier wünscht man sich: „Gute Ermutigung“. Kein Witz. Vom Garderobenschrank Nr. 15 aus war das ganz deutlich zu hören: „Gute Ermutigung!“

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Carolin Emcke war am Dienstagabend zu Besuch im Schauspielhaus und hat aus ihrem neuen Buch "Gegen den Hass" vorgelesen.

Die erhofft man sich von Carolin Emcke. Und zwar mit Recht. Die Publizistin hat vor kurzem ihr Buch „Gegen den Hass“ veröffentlicht. Und auf der Frankfurter Buchmesse wurde sie jetzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Carolin Emcke ist eine hervorragende Ermutigerin. Und eine sehr kluge Autorin. Und eine eloquente Interviewpartnerin. 
In ihrem neuen Buch analysiert sie den Hass. Den kann verstehen, wer die Liebe begreift. Und die erklärt sie – passend zum Ort der Lesung, dem hannoverschen Schauspielhaus – mit einer Szene aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Die Elfenkönigin Titania hat sich, weil ihr Puck den Saft der Zauberpflanze ins Auge geträufelt hat – in den Handwerker Zettel verguckt; der trägt allerdings einen Eselskopf. Titania sieht das Offensichtliche nicht. Ihre Liebe lässt keine Einwände und keine Zweifel zu. Ihre Anerkennung des anderen hat nichts mit Erkennen zu tun. Sie ist blind vor Liebe. 

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Hass: „Man kann nicht präzise hassen“, sagt Emcke, denn wer hasst, schaut nicht genau hin und erkennt nicht. Und wie die Liebe sucht auch der Hass, der ihr so strukturverwandt ist, die Nähe. Man könnte ja auch einfach weggehen, wenn einem etwas nicht passt. Tut man aber nicht.

Auch die Menschen in der sächsischen Kleinstadt Clausnitz haben das nicht gemacht. Emcke analysiert sehr genau die schockierenden Szenen, die sich im Februar dort abgespielt haben: die Rechten, die „Wir sind das Volk“ grölten, die verängstigten Menschen im Bus. Sie fragt sich, wie es passieren kann, dass man in den Bus schaut und dort keine Menschen sieht, dass man kein Mitleid empfindet, dass man den Einzelnen, seine Angst, seine Geschichte, so einfach ausblenden kann.

Emckes „Gegen den Hass“ ist eine intelligente Analyse des Hasses. Sie beschreibt Hass als großen Gleichmacher: Jeder, der mitmachen will, ist willkommen. Gleichzeitig dient Hass auch als Mittel zur Distinktion. Wer hasst, grenzt andere aus und sich selbst ab. Ziel des Hasses ist die Vernichtung. In abgekühlter Form zeigt sich Hass als institutioneller Rassismus; das beschreibt Emcke am Beispiel des Afroamerikaners Eric Garner, der im Sommer 2014 in New York von Polizisten so fixiert wurde, dass er starb.

Carolin Emcke spricht von den Codes des Einschließens und Ausgrenzens, von Identität und Differenz, von Donald Trump („Ich habe seinen Wahlsieg zu meiner eigenen Überraschung vorhergesagt“) – und sie spricht auch von sich selbst. Nachdem Moderator Ulrich Kühn eine kleine (unnötige) Abschweifung zu Elias Canettis „Masse und Macht“ mit den Worten „ Ich würde gern einen kleinen Exkurs versuchen ...“ eingeleitet hat, besteht Carolin Emcke darauf, ihrerseits einen kleinen Exkurs zu versuchen und berichtet von einer Beobachtung, die sie an sich selbst gemacht hat: Ihr ist aufgefallen, dass sie nur den Namen eines NSU-Opfers kennt, den der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter. Und sonst? Nichts. Das findet sie merkwürdig. Die Namen der Opfer des RAF-Terrors sind ihr geläufig, aber die Namen der anderen NSU-Opfer sind ihr fremd. Also hat sie beschlossen, die Namen auswendig zu lernen. Das Problem: Sie wusste nicht, wie man sie ausspricht. „Das ist erbärmlich für eine Journalistin, es ist verwerflich, sich nicht ein bisschen anzustrengen“, sagt sie. Applaus.

Noch mehr Applaus gibt es im Schauspielhaus bei ihrer Talkshow-Kritik: „Jeder darf sich in den Talkshows hinsetzen und ,Ich habe Angst’ sagen. Diese Infantilisierung des Diskurses offenbart ein unterirdisches emotionales und Intellektuelles Niveau.“ Angst und Sorge, sagt Emcke, dürften nicht das Ende der Auseinandersetzung, sondern sollten der Anfang des Gespräches sein.

ABC der Demokratie

Carolin Emcke wird mit ihrem „ABC der Demokratie“ im Herbst 2017 die Nachfolge der Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ antreten. Deren nächste Folge gibt es am Sonntag, 29. Januar. Um 11 Uhr spricht Mely Kiyak im Schauspielfoyer mit der designierten Landessuperintendentin Petra Bahr.

Als Ort der Auseinandersetzung könne durchaus das Theater dienen. Schließlich würde man sich hier auf die Erfahrungen und die Geschichten von anderen einlassen. So wies sie ganz en passant auf das „ABC der Demokratie“ hin – eine von ihr moderierte Gesprächsreihe, die im Herbst kommenden Jahres in Kooperation mit der Stiftung Niedersachsen am Schauspiel Hannover startet. 

Dass Emcke vielleicht ein bisschen viel vom Theater verlangt oder ein Theater im Kopf hat, das es so längst nicht mehr gibt, wurde nicht weiter thematisiert. Überhaupt war die Moderation von Ulrich Kühn recht zahm. Es ist ja auch nicht ganz einfach, Emckes Apellen zu Mut, Vielfalt und Mitmenschlichkeit mit Widerspruch zu begegnen. Aber – in Abwandlung eines Satzes von Hannah Arendt – vielleicht auch mal nach der Banalität des Guten zu fragen, wäre wohl nicht ganz falsch gewesen. 

Nach der Lesung applaudierten die Zuschauer im ausverkauften Schauspielhaus begeistert. Und unten, bei den Garderobenschränken, sagte eine Besucherin zu ihrer Begleitung: „Das gibt Mut in diesen Zeiten“.

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