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Kultur Vier Jahre Gefängnis für ein Gedicht
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00:15 17.09.2016
Von Stefan Arndt
Der Dichter als Musiker: Liao Yiwu im Literarischen Salon. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

Yiwu hat eine unverwechselbare Stimme. Sehr klar und sehr poetisch zugleich. Sie scheint sich direkt aus dem Herzen heraus zu offenbaren, ohne falsche (und wohl auch ohne richtige) Rücksicht auf sich und andere.

Nach "Massaker" veröffentlichte er weiter Reportagen, Interviews und Gedichte, die ihn immer wieder in harten Konflikt mit den Machthabern brachten. 2011 floh er schließlich nach Deutschland, wo er ein Jahr später mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Er zog nach Berlin und arbeitete an einem Werk, das er bereits während seiner Haft begonnen hatte. Nach 20 Jahren ist nun der erste Roman des Chinesen erschienen: „Die Wiedergeburt der Ameisen“ (S. Fischer, 576 Seiten, 28 Euro).

Im ersten Literarischen Salon nach der Sommerpause hat Yiwu seinen Roman nun im bestens besuchten Conti-Foyer der Leibniz Universität vorgestellt. Am Ende des gemeinsam mit dem Literaturfest Niedersachsen veranstalteten Abends greift der Autor noch einmal zu der Bambusflöte, die er - wie sein autobiografisch gefärbter Roman erzählt - im Gefängnis spielen lernte und mit der er die Lesung auch eröffnet hat.

Dann aber setzt er das Instrument ab und beginnt plötzlich zu singen: Mit furchtlos klarer Stimme intoniert Yiwu die scheinbar einfache Weise, die er eben noch auf der Flöte geblasen hat und die nun so verdichtet und intensiv klingt, dass man in einem Augenblick mehr über den Autor und sein Werk zu erfahren meint als in den gut zwei Stunden Gespräch und Lesung davor.

Es ist allerdings auch kaum möglich, das fast 600 Seiten starke Panorama der chinesischen Gesellschaft, das Yiwu in seinem Roman entwirft, an einem einzigen Abend zu entfalten. Karin Betz, die „Die Wiedergeburt der Ameisen“ ins Deutsche übersetzt hat und den Abend moderierte, versuchte sich daher auch nicht ernsthaft an einer Zusammenfassung dieses „Roadmovies durch das vergangene und heutige China“. Sie stellte vielmehr einzelne Szenen exemplarisch vor, die der Schauspieler Matthias Buss vorlas.

In den ausgewählten Passagen kippt die Handlung oftmals ins Surreale. Man besucht etwa mit Lao Wei, dem Alter Ego des Autors und der Hauptfigur in dessen Roman, die Beerdigung seines Großvaters, die zur Orgie eskaliert, bei der die Besucher nackt am offenen Grab tanzen. Später beschreibt Yiwu das städtische moderne Gegenbild zu diesem archaischem Ritual: Ein Beerdigungsinstitut versucht, den Trauernden kostspielige und sinnentleerte Zusatzleistungen wie buddhistische Gebete und christliche Beichte anzudrehen.

Immer wieder dehnt Yiwu seinen Lebensbericht fabulierend ins Groteske. Auf die Frage, ob er in Deutschland bleiben oder nach China zurückkehren wolle, antwortet er allerdings, nach diesem Buch sei die Rückkehr endgültig unmöglich. So poetisch, unterhaltsam und fantasievoll „Die Wiedergeburt der Ameisen“ auch wirken mag: Der Roman erzählt vor allem von einem totalitären China, in dem ein freier Geist wie Yiwu nicht geduldet ist.

Der nächste Literarische Salon beginnt bereits an diesem Donnerstag um 20 Uhr im Conti-Foyer: Sir Ian Kershaw stellt sein Buch „Höllenstütz - Europa von 1914 bis 1949“ vor. Kartentelefon: (05 11) 3 64 76 10.

Rund 300 Menschen sind in die Neustädter Hof- und Stadtkirche gekommen, um Rüdiger Safranski zu hören. Sein Vortrag ist der Auftakt zu den diesjährigen Leibniz-Festtagen. Der 71-Jährige hat über Romantik und den Deutschen Idealismus geschrieben, er hat das „Philosophische Quartett“ moderiert und zahlreiche Preise eingesammelt.

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